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Florierender Arbeitsmarkt : Immer mehr Deutsche verdienen sich etwas hinzu

Aufstieg im Nebenjob: Eine Studentin verdient Geld als Kellnerin. Bild: Jonas Wresch

Die Zahl der Menschen mit einer Nebentätigkeit hat sich seit 2003 mehr als verdoppelt. Das liegt aber vermutlich nicht daran, dass es den Menschen so schlecht geht.

          Gelegenheit macht Arbeit: Immer mehr Deutsche suchen sich einen Zuverdienst. Einer Auswertung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge hat sich die Zahl der Menschen mit einer Nebentätigkeit seit 2003 auf heute rund 3,2 Millionen mehr als verdoppelt. Begünstigt wird die Entwicklung durch die seit Jahren hohe Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften sowie die steuerliche Bevorzugung von Minijobs.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Politisch sorgt dieser Trend seit Jahren für Kontroversen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach den Motiven für den zweiten Arbeitsplatz. Linke Parteien mutmaßen, dass in vielen Fällen das eigentliche Gehalt nicht zum Leben reicht, und leiten daraus die Forderung nach höheren Mindestlöhnen oder ergänzenden Sozialleistungen ab. Dem widersprechen allerdings die Forschungsergebnisse des IW. Demnach übten die meisten Beschäftigten ihre Nebentätigkeit „keineswegs nur deshalb aus, weil sie mit ihrem Haupterwerb nicht über die Runden kommen“.

          In Deutschland herrschten somit keine amerikanischen Verhältnisse. Eher ist das Gegenteil der Fall. Laut Studie verdienten Vollzeitbeschäftigte mit Nebentätigkeit mit ihrer Haupttätigkeit im Jahr 2015 durchschnittlich 3329 Euro brutto im Monat – das waren sogar 4 Euro mehr als jene ohne Nebenjob. Zudem hätten Vollzeitbeschäftigte, die einem Zweitjob nachgehen, in ihrem Hauptberuf mit 18,12 Euro einen um 1,5 Prozent höheren Stundenlohn erzielt als die Vergleichsgruppe ohne Nebenjob, heißt es in der Studie. Und noch eine überraschende Erkenntnis gewinnen die Autoren: Erwerbstätige mit zwei Arbeitsplätzen haben im Durchschnitt einen höheren Bildungsgrad.

          Die Hartz-Reform ist Schuld

          „Dass Nebenjobs auch für Fachkräfte mit ordentlichem Einkommen attraktiv sind, liegt insbesondere an den Hartz-Reformen von 2003“, erklärten die IW-Autoren. Demnach dürfen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – auf diese Gruppe entfallen vier Fünftel der Doppelarbeiter – nebenbei bis zu 450 Euro hinzuverdienen, ohne dafür Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen. Dazu bleibt der Nebenverdienst steuerfrei, wenn der Arbeitgeber einen Pauschalbeitrag entrichtet. Am häufigsten sind nebenberufliche Minijobs im Dienstleistungssektor zu finden. In Westdeutschland haben der Studie zufolge 9,2 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine Nebentätigkeit, in Ostdeutschland sind es 4,1 Prozent. In den meisten Arbeitsverträgen ist geregelt, dass ein Arbeitnehmer eine gewünschte Nebenbeschäftigung anzeigen muss. Wenn diese etwa mit den Ruhezeiten kollidiert, kann der Hauptarbeitgeber sie auch ablehnen.

          Auch wenn die Zunahme der Zuverdienste zunächst kein Problem darstelle, sei ihre steuerliche Begünstigung wirtschaftspolitisch fragwürdig, resümiert das IW. Die Politik solle deshalb die Regeln zur geringfügigen Beschäftigung, die 2003 unter schwierigen Arbeitsmarktbedingungen beschlossen worden seien, überarbeiten. Ähnlich sieht das auch Enzo Weber vom staatlichen Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Statt den Nebenberuf attraktiv zu machen, sollte sich die Politik auf die Hauptbeschäftigung konzentrieren und untere Einkommen entlasten. In der jetzigen Form werde Mehrarbeit im Minijob grundlos privilegiert gegenüber der Überstunde im Hauptberuf.

          Weniger unbezahlte Überstunden

          Am Montag machten auch Daten aus einer Anfrage der Linkspartei an die Bundesregierung zur Entwicklung der Überstunden die Runde. Die Entwicklung bietet laut IAB-Forscher Weber jedoch wenig Potential für Aufregung. Die Zahl der bezahlten Überstunden je Arbeitnehmer bewegt sich seit zehn Jahren um die Marke von 22 je Jahr. Die unbezahlten Überstunden sanken im selben Zeitraum von fast 30 auf etwas mehr als 25. Geleistet werden Überstunden vor allem von Führungskräften, gefolgt von Beamten im gehobenen Dienst und Fachkräften.

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          Gehälter steigen um 2 bis 3 Prozent

          Im nahezu abgelaufenen Jahr haben die Tarifverhandlungen in Deutschland den Arbeitnehmern Gehaltserhöhungen zwischen 2 und 3 Prozent eingebracht. Ein Schwerpunkt zeige sich bei einem Wert um 2,5 Prozent, teilte am Montag das WSI-Tarifarchiv der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung in Düsseldorf mit, das die Abschlüsse aus dem Jahr 2017 ausgewertet hat. Gleichzeitig seien die Verbraucherpreise mit rund 1,7 Prozent wieder deutlich stärker gestiegen als in den Vorjahren, was zu einem Reallohnzuwachs führe. „Auf das ganze Jahr 2017 gerechnet, ist mit einer realen Steigerung der Tarifverdienste von bis zu 0,8 Prozent zu rechnen“, sagte dazu der Leiter des Tarifarchivs, Thorsten Schulten. Für 2018 ergeben sich aus einigen schon abgeschlossenen, mehrjährigen Tarifverträgen noch einmal Steigerungen zwischen 1,7 und 2,5 Prozent. Neu verhandelt werden im kommenden Jahr die Entgelte und Arbeitsbedingungen für 9,7 Millionen Beschäftigte in Deutschland. dpa

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