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Gestiegenes Armutsrisiko : Arme Zuwanderung lässt Mittelschicht schrumpfen

Flüchtlinge im Deutschkurs Bild: dpa

Mehr Reiche, mehr Arme und weniger dazwischen: Seit der Wiedervereinigung ist der Anteil der Mittelschicht von 60 auf 54 Prozent der Bevölkerung gesunken. Was die Zuwanderung damit zu tun hat.

          Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass die Einkommensmittelschicht sowohl in Deutschland als auch in den Vereinigten Staaten im längerfristigen Vergleich deutlich geschrumpft ist. Seit 1991 sei ihr Anteil an der Bevölkerung in beiden Ländern um etwa 6 Prozentpunkte gesunken. Allerdings ist die Mittelschicht in Deutschland weiterhin breiter als in Amerika: Während sie dort nach den Daten des Pew Befragungsinstituts von 56 auf 50 Prozent schrumpfte, ging der Anteil hierzulande von 60 auf 54 Prozent zurück, während gleichzeitig sowohl die Unterschicht als auch die Oberschicht leicht zulegten. „Die Polarisierung ist in Deutschland geringer ausgeprägt als in den Vereinigten Staaten von Amerika, sie nahm aber ebenfalls zu“, heißt es im DIW-Wochenbericht, der am Freitag veröffentlicht wurde. Die mittleren Vermögen der oberen Schicht in Amerika sind fast siebenmal so groß wie die der Unterschicht, wogegen hierzulande der Quotient nur 3,1 mal so groß ist.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Zur Mittelschicht wird in dieser Studie gezählt, wer ein Bruttoeinkommen inklusive Sozialtransfers hat, das zwei Drittel bis das Doppelte des mittleren Werts der Bevölkerung (Median) beträgt. Das Median-Einkommen in den Vereinigten Staaten ist nach den Angaben der Forscher von 55.000 Dollar im Jahr 1970 inflationsbereinigt auf etwa 77.000 Dollar zur Jahrtausendwende gestiegen, seitdem sei es aber real um etwa 4 Prozent gesunken. Das Medianeinkommen in Deutschland stieg nach DIW-Angaben von 1991 bis 2000 um 4 Prozent auf 31.000 Euro, danach sank es real um 5 Prozent auf 29.500 Euro, so die DIW-Zahlen.

          Zur Mittelschicht zählen demnach in Deutschland nach der Definition dieser Studie alle Personen, die ein Bruttoeinkommen zwischen 19.765 Euro und 59.000 Euro haben. In einer feinere Unterteilung wurden die Anteile der Niedrigeinkommensbezieher (weniger als die Hälfte des Medians) und der Bezieher hohen Einkommen (dreimal mehr als der Median) ausgewiesen. Ein Fünftel der Bevölkerung zählt zu den Niedrigeinkommensbeziehern, jeder Fünfundzwanzigste hat ein derart  hohes Einkommen.

          Demografie und Zuwanderung

          Ein wichtiger Faktor, der die Anteile der Mittelschicht bröckeln ließ, ist nach der Studie die Demografie und insbesondere die Zuwanderung. In den Vereinigten Staaten nahm die Unterschicht zu, weil es eine starke Einwanderung aus Lateinamerika gab; Afroamerikaner sind weiterhin stark überrepräsentiert in der Unterschicht. In Deutschland war die Immigration ebenfalls ein Faktor. Ausländer finden sich seltener in der Mittelschicht, meist in der Unterschicht. „Die Zuwanderer, vor allem aus Osteuropa, aber jüngst auch die Flüchtlinge, finden sich zunächst am unteren Ende der Einkommensverteilung“, sagte der Verteilungsforscher Jürgen Schupp, einer der Autoren der DIW-Studie. „Die Armutsrisikoquote kann dadurch steigen.“

          Bild: F.A.Z.

          Während die Armutsrisikoquote (weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens) eigentlich seit 2005 relativ konstant war, hat sie von 2013 an wieder etwas zugenommen. „Es gibt ein leicht gestiegenes, aber kein explodierendes Armutsrisko“, sagte er. Der Befund, den der DIW-Forscher Markus Grabka vor einiger Zeit der F.A.Z. mittelte, dass die Einkommensmittelschicht seit 2005 nahezu stabil sei, könne angesichts der neueren Daten und Entwicklungen nicht mehr aufrechterhalten werden. Grabka nannte es überraschend, dass auch der Beschäftigungsaufschwung seit etwa 2006 bislang nicht zu einer Stabilisierung des Anteils der Bezieher von Mittelschichtseinkommen geführt habe.

          Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft warnte vor einer Verunsicherung: „Die seit 2005 nicht mehr zu beobachtende Abnahme der Mittelschicht ist nicht zuletzt der positiven Beschäftigungs- und Wirtschaftsentwicklung zu verdanken“, schrieb es in Erwiderung auf die DIW-Studie. Durch diese „und die alarmistische Berichterstattung über sie“ werde wohl der Trend verstärkt, dass die Bevölkerung glaube, die Mittelschicht schrumpfe kontinuierlich. Dies stimme aber seit 2005 nicht mehr.

          Als weitere Faktoren, die zum schrumpfenden Anteil der Mittelschicht betrugen, wird die zunehmende Anzahl von Singles in der Bevölkerung gezählt, deren Einkommen in einem statistischen Verfahren geringer gewichtet werden, weil sie höhere Fixkosten der Haushaltsführung haben (sogenannte äquivalenzgewichtete Haushaltseinkommen). Dies hat nach einer Studie von Martin Biewen und Andos Juhasz etwas mehr als ein Zehntel zur Veränderung der Ungleichheitsindikatoren beigetragen, erläutert Schupp. Fast ein Drittel sei aber auf veränderte Arbeitsmarktbeteiligung, etwa mehr Teilzeitarbeit zurückzuführen. Und mehr als ein Drittel ging auf eine größere Kluft in der Entlohnung von Hoch-, Mittel und Unqualifizierten zurück. Fachleute sprechen von einem technologischen Wandel, der die Höherqualifizierten bevorzuge, weil deren Arbeit stärker nachgefragt wird als die von Geringausgebildeten.

          Die DIW-Zahlen, die auf dem Sozioökonomischen Panel beruhen, einer Langzeitbefragung von tausenden Haushalten, zeigen einige weitere interessante Ergebnisse: Demnach zählen die meisten Rentner klar zur Mittelschicht. Für die Personen im Rentenalter sei eine Verbesserung der Einkommensposition zu beobachten, notiert das DIW. Dagegen finden sich mehr jüngere Erwachsene bis 29 Jahre in der unteren Einkommensschicht als zuvor. Dieser Anstieg sei „auffällig“, heißt es im DIW-Bericht. Auch in der Gruppe der 30- bis 44-Jährigen gebe es einen Rückgang ihres Anteils in der Mittelschicht. Ein Teil von ihnen sank in die Unterschicht, ein Teil stieg aber auch in die Oberschicht auf.

          Quelle: FAZ.NET

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