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F.A.Z. Woche : Schere im Kopf

Falsches Bild: In den Medien ist Reichtum omnipräsent – tatsächlich gibt es wenige Bootsbesitzer. Bild: Imago

Für Wahlkämpfer ist es ein gefundenes Fressen: Die Deutschen überschätzen massiv, wie ungerecht es zugeht. Aber warum sind wir eigentlich so pessimistisch?

          Wenn Soziologen eine Gesellschaft beschreiben, neigen sie dazu, ihre Diagnose mit einem prägnanten Bild zu versehen. So zum Beispiel Ulrich Beck. Vor 31 Jahren attestierte er der deutschen Gesellschaft einen „Fahrstuhleffekt“. Es gehe aufwärts in diesem Land, und zwar in allen Schichten. „Bei allen sich neu einpendelnden oder durchgehaltenen Ungleichheiten“, schrieb Beck damals, „gibt es ein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität.“

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Im Jahr 2017 dominieren ganz andere Bilder die öffentliche Debatte: Von einer „großen Kluft zwischen Arm und Reich“ ist die Rede, einer „sich öffnenden Einkommensschere“, einer „bröckelnden Mittelschicht“. "Es geht ein tiefer Riss durch die Gesellschaft", lautet die vernichtende Gegenwartsdiagnose des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

          Sie trifft den Nerv der Zeit. Aktuelle Befragungen zeigen, dass etwa acht von zehn Deutschen die Einkommensunterschiede hierzulande für „zu groß“ halten. In einer Umfrage von Infratest Dimap sind es sogar 85 Prozent. Sie machen ihr Urteil an verschiedenen Beobachtungen fest: Die Agenda 2010 habe den Menschen zwar Arbeit gegeben, aber die Zahl der prekär Beschäftigten sei explodiert. Bildung reiche nicht mehr, um sich seinen Platz in der Mittelschicht zu sichern. Außerdem gebe es unzählige Manager, die selbst in erfolglosen Zeiten Millionensummen einstreichen, während andere, „hart arbeitende“ Menschen trotz Vollzeitstelle kaum über die Runden kämen.

          Ab wann es in einer Gesellschaft ungerecht zugeht, ist schwer zu sagen. Aber haben die Deutschen überhaupt ein realistisches Bild davon, wie groß die Ungleichheit im Land ist? Judith Niehues, die am arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln forscht, hat sich mit ebendieser Frage befasst und Menschen gefragt, wie sie sich die Einkommensverteilung im Land vorstellen: eher wie eine Pyramide mit sehr vielen Armen am unteren Ende und ganz wenigen Reichen an der Spitze? Oder eher wie einen Kreisel mit wenigen Reichen und Armen, dafür aber mit einer breiten Mittelschicht? Die Tendenz war eindeutig: Mehr als die Hälfte der Befragten tippten auf die Pyramide oder andere Gesellschaftsstrukturen mit extremer Ungleichheit (siehe Grafik am Ende des Absatzes). In Wahrheit aber bildet der Kreisel am besten ab, wie es um die Einkommen der Deutschen steht. „Alle Untersuchungen zeigen, dass die deutsche Gesellschaft eine Mittelschichtgesellschaft ist“, sagt Verteilungsforscherin Niehues. Die reale und die gefühlte Einkommensverteilung hätten in Deutschland also nicht viel miteinander zu tun.

          Die meisten Deutschen leben in der Einkommens-Mittelschicht.

          Ähnlich pessimistisch sind die Deutschen, wenn man sie nach der Einkommensentwicklung in den vergangenen Jahren fragt. Zu sehen ist das im „Armuts- und Reichtumsbericht“ von Sozialministerin Andrea Nahles (SPD). Die These, dass Armut und Ungleichheit in den letzten Jahren deutlich zugenommen hätten, könne „anhand messbarer statistischer Daten so nicht bestätigt werden“, steht darin geschrieben. Stattdessen sei der Anteil der Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung - gemäß der Definition der Bundesregierung - in den vergangenen zehn Jahren stabil bei 78 Prozent geblieben.

          Und doch ist beinah die Hälfte der Deutschen laut einer vom Sozialministerium in Auftrag gegebenen Umfrage der Meinung, der Anteil armer Menschen sei in den letzten fünf Jahren stark gestiegen. Rund ein Drittel nahm dies auch für den Anteil reicher Menschen an. Das Fazit des Ministeriums fällt entsprechend deutlich aus: In der deutschen Bevölkerung fielen „Wahrnehmung und messbare Realität mitunter auseinander“.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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          Woher also rührt diese Lücke zwischen den harten Zahlen und der kollektiven Wahrnehmung? An einer allgemeinen Unzufriedenheit mit dem eigenen Einkommen, wie man vielleicht meinen könnte, liegt es jedenfalls nicht. Das sagen die Deutschen jedenfalls selbst. In einer aktuellen Allensbach-Umfrage zeigt sich die Mehrheit mit der eigenen wirtschaftlichen Lage nicht nur zufrieden - der Anteil der Zufriedenen hat sich demnach in allen Einkommensgruppen in den vergangenen zehn Jahren sogar deutlich erhöht. Auch die Lebenszufriedenheit insgesamt hat sich verbessert.

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