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Veröffentlicht: 18.09.2016, 12:34 Uhr

Gentrifizierung in London Vom Sozialamt aus der Stadt geworfen

Für ein Londoner Arbeiterviertel wurde einst das Wort Gentrifizierung erfunden. Hier tobt die Verdrängung seit Jahrzehnten. Einkommensschwache siedelt das Sozialamt mittlerweile in die Provinz um.

von , London
© Reuters Vor einem halben Jahrhundert war Notting Hill faktisch ein Slum. Heute zieht Ende August eine farbenfrohe Karnevalsparade durch die Straßen.

Man muss schon vor gut zwei Jahrzehnten Teenager gewesen sein und damals ein ausgeprägtes Interesse an britischen Boygroups gehabt haben, um diesen Londoner Stadtteil zu kennen: Walthamstow liegt weit draußen im Nordosten der britischen Hauptstadt und bildet die Endstation der U-Bahnlinie Victoria Line. Die britische Band East 17, die in den neunziger Jahren einige Hits hatte, benannte sich einst nach der Postleitzahl von Walthamstow: E17. Lange her.

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Doch es tut sich etwas in dem Arbeiterviertel. Noch immer leben in der Gegend viele osteuropäische Migranten und andere Geringverdiener. Aber wer sich in Walthamstow umschaut, entdeckt im eher trüben Reihenhausmeer schmuck renovierte Altbauten. Auf der kleinen Einkaufsstraße im Walthamstow Village gibt es mittlerweile schicke Cafés und Edeltrödler, die Möbel aus den sechziger und siebziger Jahren verkaufen.

Das Arbeiterviertel Walthamstow wird immer teurer

Auf einem ehemaligen Industriegelände bietet ein Geschäft namens „God’s Own Junkyard“ gebrauchte Neonwerbeschilder für daheim feil. Im Biergarten der Kleinbrauerei nebenan hängt am Wochenende ein lässiges Völkchen überwiegend junger Gäste ab. Die Indizien sind eindeutig: In Walthamstow rücken die Hipster an. Weil Wohnraum in der Innenstadt der Metropole auch für vergleichsweise gut verdienende Londoner aus der Mittelschicht immer unerschwinglicher wird, dringen viele immer weiter in die Peripherie vor.

 
Gentrifizierung in London: Einkommensschwache siedelt das Sozialamt mittlerweile in die Provinz um

Der Londoner Immobilienmakler Foxtons, der in Walthamstow vergangenes Jahr eine Filiale eröffnet hat, rechnete kürzlich vor, dass in dem Stadtteil inzwischen mehr zu verdienen sei als in Pimlico, einem gediegenen Wohnquartier an der Themse am anderen Ende der Victoria Line: In Walthamstow seien zwar die Immobilienpreise niedriger, dafür aber werden in dem aufstrebenden und begehrten Stadtteil viel mehr Häuser gehandelt als im arrivierten Pimlico.

Randalierer demolieren ein Café

In Walthamstow schlägt, so wie in vielen Londoner Bezirken zuvor, die Gentrifizierung zu: Die vergleichsweise Wohlhabenden verdrängen mit ihrer Kaufkraft die relativ Ärmeren. In wohl keiner europäischen Großstadt hat dieser Wandel eine solche Wucht wie in London, wo selbst Garagen für mehr als eine halbe Million Pfund einen Käufer finden.

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An der Themse rollte die Gentrifizierungswelle schon vor vielen Jahrzehnten heran. Zum Beispiel in Notting Hill: Der Stadtteil nordwestlich des Hyde Parks, dem Rest der Welt vor allem bekannt aus dem gleichnamigen Film mit Julia Roberts, war vor einem halben Jahrhundert faktisch ein Slum und eine der übelsten Wohngegenden der Stadt. Heute ist Notting Hill längst zu einem Refugium der Millionäre geworden. Sogar der Begriff selbst wurde in London geprägt. Die Wortschöpfung Gentrifizierung stammt von der deutschbritischen Soziologin Ruth Glass, die damit Mitte der sechziger Jahre erstmals den Bevölkerungswandel im ehemaligen Arbeiterviertel Islington der britischen Hauptstadt beschrieb.

Der urbane Verdrängungskampf läuft nicht immer friedlich ab: An einem Samstagabend im vergangenen Herbst demolierten Randalierer ein Café im Hipster-Stadtteil Shoreditch nördlich des Bankenviertels. Der Laden namens „Cereal Killer“ bietet Frühstücksflocken aus aller Welt an. Die gehobenen Preise auf ihrer Speisekarte machten die beiden Gründer, zwei Brüder mit modischen Vollbärten und Tattoos auf den Armen, zur Zielscheibe einer gewalttätigen Klassenkampf-Truppe, die sich „Fuck Parade“ nannte. Im Südlondoner Stadtteil Brixton, einem weiteren Brennpunkt der Gentrifizierung, stürmten erboste Demonstranten das Bezirksrathaus und verwüsteten die Filiale eines Immobilienmaklers.

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