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Gaziantep : Wie syrische Flüchtlinge die Türkei bereichern

Produktion von Kunststoffsäcken durch Syrer in Gaziantep Bild: Christian Geinitz

Kein Land hat mehr Syrer aufgenommen als die Türkei. Weil sie dort keine Sozialhilfe erhalten, haben Migranten in einer Stadt im Südosten der Türkei 1000 neue Betriebe gegründet.

          Die Großstadt Gaziantep im Südosten der Türkei, eine der ältesten Siedlungen Kleinasiens, rühmt sich vielerlei Rekorde. Das örtliche Museum beherbergt die größte Mosaiksammlung der Welt, die Küche der Region ist preisgekrönt: Seit 2015 steht Gaziantep auf derselben Unesco-Liste internationaler Feinschmecker-Paradiese wie Parma. Wer auf die Kostüme in den Kinofilmen „Harry Potter“, „Herr der Ringe“ oder „Troja“ geachtet hat, kennt die Yemeni-Schuhe aus Gaziantep. Diese handgefertigten Leder-Slipper leiten angeblich überschießende Körperelektrizität in den Erdboden ab.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Seit einiger Zeit erregt der Landstrich aber aus ganz anderen Gründen internationale Aufmerksamkeit. Die Provinz Gaziantep mit der gleichnamigen Hauptstadt grenzt an das kriegsgeplagte Syrien, in der Nachbarprovinz Kilis haben sich die türkischen Truppen für die Militärintervention in Nordsyrien gesammelt. Das Blutvergießen im Nachbarland hat dazu geführt, dass drei Millionen Menschen in die Türkei geflüchtet sind, jeder sechste von ihnen hat sich in Gaziantep niedergelassen.

          Die Wege in die Heimat sind kurz

          Etwa 45.0000 sind offiziell registriert, weitere 50.000 halten sich illegal hier auf. Zusammen stellen sie, je nach Quelle und Zählweise, 18 bis 25 Prozent der Bevölkerung von etwa 2 Millionen Einwohnern. „In Europa regen sich einige Länder auf, wenn sie 100 Flüchtlinge aufnehmen sollen“, sagt Provinzgouverneur Ali Yerlikaya und schüttelt ungläubig den Kopf. „Wir zeigen, dass man Hunderttausende betreuen kann, ohne dass es zu sozialen Konflikten kommt.“ 120.000 Syrer waren zunächst in anderen türkischen Regionen untergebracht, es zog sie dann aber hierher.

          Auf dem Weg nach Europa : Flüchtlinge stecken in der Türkei fest

          Was Gaziantep so attraktiv macht, sind die kurzen Wege in die Heimat und der jahrhundertelange Austausch in der Grenzregion. Es gibt einige Aufnahmelager, der Großteil der Fremden aber lebt in Wohnungen und hat sich auf eine lange Zeit eingerichtet. Da die Türkei die Genfer Flüchtlingskonvention nur auf Europäer anwendet, gelten die Syrer nicht als Flüchtlinge oder Asylbewerber, sondern als „Gäste“, denen temporärer Schutz geboten wird. Sie erhalten eine freie Gesundheitsversorgung, die Kinder besuchen unentgeltlich die Schule.

          Ihren Lebensunterhalt aber müssen die meisten Migranten selbst bestreiten. In Gaziantep kommt ihnen zugute, dass die Arbeitslosenquote weniger als 7 Prozent beträgt – im ganzen Land sind es mehr als 10 Prozent – und dass es eine starke Privatindustrie mit langer Tradition und großen Exporterfolgen gibt. Der Anteil an der Ausfuhr des gesamten Landes ist doppelt so hoch wie der Bevölkerungsanteil, wobei Syrien an dritter Stelle der Handelspartner rangiert.

          Gaziantep ist der sechstgrößte Exportstandort des Landes, 60 der 1000 umsatzstärksten Unternehmen siedeln hier. Nirgendwo in der Türkei werden mehr Strickwaren, Plastiktüten und maschinell gefertigte Teppiche hergestellt; mit einem Anteil von fast 40 Prozent ist die Türkei der größte Teppichproduzent der Welt. Innerhalb des Landes ist die Region führend in der Gewinnung von Bulgur, Pistazien, Mehl, Teigwaren und Süßigkeiten.

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