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Die Oberschicht am Tegernsee : Deutschland, deine Reichen

Wir wissen viel über die Armen, aber wenig über die Reichen: Zeit für einen Ausflug zur deutschen Oberschicht. Und wo ballt sich mehr Wohlstand als am Tegernsee?

          Morgens um vier, wenn die brave Welt noch schlafen liegt, rudert Christoph von Preysing raus auf den See. Mit 15 hat er die Schule abgebrochen, sich in eine Lehre als Fischer geworfen. Heute, mit Anfang 30, ist er Herr über die Fische im Tegernsee, sein Betrieb, gestartet von null, gibt 14 jungen Leuten Arbeit. Was die mit ihm im Morgengrauen in ihre Holzschiffe ziehen, verkaufen sie später am Tag direkt vor Ort: Saiblinge und Renken vorzugsweise, dazu importierte Ware; gerne Hummer, Langusten, Kaviar. Auf engstem Raum reicht Preysing über die schmale Kühltheke frischen Fisch, dazu Wein und schärfere Alkoholika. Der Mann ist Fischer, Caterer, Gastwirt in einer Person.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jenni Thier

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nirgendwo in der Republik wird pro Quadratmeter mehr Champagner konsumiert als in der „Fischerei“, der Hausherr, so etwas wie der Stenz vom See, immer mittendrin. „Wir sind Dienstleister für die zig Milliardäre am See, gehören aber nicht dazu“, sagt er. „Das muss man sich immer wieder klarmachen, auch wenn man ein freundschaftliches Verhältnis zu diesen Leuten entwickelt: Wir spielen nicht in deren Liga.“

          Wir sind also gewarnt: Es tut sich eine eigene Welt auf hier im Tegernseer Tal, 50 Kilometer südöstlich von München. Streng statistisch gesehen mag es kompliziert sein, die Grenzen zwischen Mittel- und Oberschicht zu ziehen, am Tegernsee ist das nicht nötig. Wer sich hier eine Immobilie leistet, darf sich vermögend fühlen. Ein vorzeigbares Haus kostet gut und gern zwei Millionen. Und das zu Recht: Der Markt lügt selten, in dem Fall spiegeln Preise exakt die Begehrlichkeiten, wenn selbst die Zugezogenen aus dem gottlosen Norden, die Industriellen aus dem Sauerland und Ostwestfalen, den bayerischen Herrgott loben, wie der alles so herrlich hingestellt habe: die Berge, der See, der weiß-blauen Himmel. Sagenhaft. „Wir leben hier im Paradies“, sagt ein Juwelier, die Juweliersdichte ist unerreicht im Tal. Der Bedarf ist da.

          Reiche treffen hier auf Schöne, Zementkönige auf Immobilienentwickler, Topmanager auf noch besser bezahlte Fußballstars. Die Arbeitslosigkeit ist nahe null, der Anteil der Biobauern höher als sonst irgendwo in der Republik, die Kriminalität einschläfernd niedrig. Die Wahrscheinlichkeit, von Einbrechern ausgeraubt zu werden, ist in Nordrhein-Westfalen 15 Mal höher, brüstet sich die örtliche Polizei – dabei zieht Geld Gauner an, möchte man meinen. Nicht am Tegernsee, die Kriminaler sind wachsam, die Nachbarschaft auch.

          Schon Ludwig Erhard hatte sein Bungalow an der Nordspitze

          Steuerberater und Makler wechseln sich hier ab, Landwirte und Metzger nur noch selten, dafür hat der Tegernsee den berühmtesten Metzgersohn der Republik zu bieten: Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern, zurück in Amt und Freiheit, schaut von seinem Hügel runter auf das Wasser, an dessen Rändern sich deutsche Wirtschaftsgeschichte zugetragen hat. Die Flicks, die Krupps und die Grundigs verkehrten hier nach dem Krieg, rasch wetteiferte das Tal mit Baden-Baden darum, wer die meisten Millionäre vorzuweisen hat im Land.

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