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Mehr Wohlstand : Die globale Ungleichheit sinkt

  • -Aktualisiert am

Durch das Aufholen einiger Schwellenländer ist die Ungleichheit in der Welt gesunken. Bild: Reuters

Entgegen dem Klischee wird die Welt nicht immer ungleicher. Viele Länder holen auf. Große Fortschritte gibt es bei Gesundheit und Bildung.

          Es gibt heute die verbreitete – aber falsche – Vorstellung, dass die Ungleichheit unaufhaltsam steigt. Die Hilfsorganisation Oxfam trug neulich zu diesem Fehleindruck bei, indem sie verbreitete, dass die reichsten 62 Menschen auf dem Globus so viel hätten wie die untere Hälfte der Erdbevölkerung. Oxfam bezieht sich dabei auf das Vermögen, nicht auf das Einkommen. Entscheidend ist, dass Oxfam auch „negatives“ Vermögen einbezieht.

          Das bedeutet, dass Amerikaner mit mehr Hypotheken- als Immobilienwert ein negatives Vermögen ausweisen und dann, in Oxfams Darstellung, zu den Ärmsten der Welt gehören, ärmer als drei Viertel aller Afrikaner. Selbst die elendste Seele, die man sich vorstellen kann, etwa ein Tagelöhner in Simbabwe ohne einen Cent in der Tasche, liegt nach der Oxfam-Statistik über dem untersten Drittel der Erdbevölkerung, das nämlich ein negatives Nettovermögen hat. Diese Statistik gibt ein verzerrtes Bild wieder. (Siehe dazu einen Mailwechsel mit Oxfam.)

          Bjørn Lomborg ist Präsident des Copenhagen Consensus Center sowie Gastprofessor an der Copenhagen Business School.
          Bjørn Lomborg ist Präsident des Copenhagen Consensus Center sowie Gastprofessor an der Copenhagen Business School. : Bild: Charlotte Carlberg Bärg

          Die echte Geschichte über die Ungleichheit ist optimistischer als die Erzählung von Oxfam. Wenn man einen längeren Zeitraum anschaut und die Entwicklung in den vergangenen zweihundert Jahren misst, dann hat die Lücke zwischen Arm und Reich sicherlich zugenommen. Aber das liegt daran, dass immer mehr Menschen aus der Armut herausgehoben wurden. Im Jahr 1820 war die globale Ungleichheit vergleichsweise niedrig - einfach weil fast alle unseren damaligen Vorfahren auf der Welt etwa gleich arm waren, auch wenn einige Länder schon weiter fortgeschritten waren als andere. Dann verstärkte sich die industrielle Revolution, und es kam ein schneller Anstieg der Einkommen, erst in wenigen, dann in mehr Ländern.

          Bild: F.A.Z.

          Vor knapp 200 Jahren lebten rund 94 Prozent aller Menschen auf unserem Planeten in ärmlichen Verhältnissen, wie François Bourguignon, der frühere Weltbank-Chefökonom, und Christian Morrisson gezeigt haben. Das hat sich stark verbessert. Im vergangenen Jahr ermittelte die Weltbank, dass zum ersten Mal in allen Zeiten weniger als 10 Prozent der Erdbevölkerung in absoluter Armut leben. Wenn wir uns allein auf die Ungleichheit fokussieren, dann werden wir nicht erkennen können, dass dies ein erstaunlicher Erfolg ist, der so viele aus den Fesseln der Armut befreit hat. Wie der Nobelpreisträger Angus Deaton, Autor des Buchs über „das große Entkommen“ (aus der Armut), schreibt, macht die Tatsache, dass nicht alle der Armut entfliehen können, in keiner Weise das Ausbrechen so vieler aus der Armut weniger bewundernswert.

          Die Schere schließt sich wieder

          Im Jahr 1820 war die globale Ungleichheit, wie erwähnt, vergleichsweise gering, auch wenn es natürlich schon damals Ungleichheit zwischen den Einkommensniveaus der Länder gab. Das zeigt der Gini-Koeffizient, den Bourguignon aus historischen Daten für die Welt errechnet hat. Ein Wert von null bedeutet totale Gleichheit der Einkommen, ein Wert von eins wäre totale Ungleichheit. Wie die Kurve zeigt, stieg der Wert seit dem neunzehnten Jahrhundert stark. Vor allem aufgrund der schnellen Entwicklung in einigen Ländern ging die Schere der globalen Ungleichheit auseinander. In den 1950er bis in die 1980er Jahre war die Kluft zwischen großen und niedrigen Einkommen global besonders groß.

          Dann passierte aber etwas Bemerkenswertes: Die globale Schere hat sich wieder etwas geschlossen. Noch 1980 lebten die Menschen auf der Erde in zwei sehr unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichen Einkommensgruppen: die arme Welt, wo das typische Einkommen je Jahr nur rund 1000 Dollar beträgt und viele sogar noch weniger zur Verfügung haben, und auf der anderen Seite die reiche Welt, wo das typische Einkommen mehr als sechsmal höher oder noch viel größer ist. Wenn man die globale Einkommensverteilung als Kurve darstellt, hatte sie 1980 zwei Hügel: Es gab wirklich zwei sehr unterschiedliche Welten, die entwickelte und die unterentwickelte Welt. Niemals zuvor in der Geschichte war die Welt so ungleich.

          300 Millionen Chinesen in der Mittelschicht

          Aber mit dem schnellen Wirtschaftswachstum in einigen Schwellenländern besonders in China seit 1978 und in Indien von 1990 an, sind die Einkommen von sehr vielen in der ärmsten Hälfte der Welt stark gestiegen. Dem Großteil der ärmeren Hälfte der Welt gelang es aufzuholen. Die beiden Hügel der Einkommensverteilung sind verschwunden; es gibt heute eine durchgängige Kurve. Die Welt ist damit zusammengewachsen, auch wenn sie immer noch sehr ungleich ist, aber nicht mehr so ungleich wie vor dreißig Jahren. Durch den Aufstieg von Hunderten Millionen Menschen aus der Armut sind neue, boomende Mittelschichten in früheren „Entwicklungsländern“ entstanden. Die globale Mittelschicht umfasste 1985 nur etwa eine Milliarde Menschen, heute ist sie auf 2,3 Milliarden Menschen gewachsen, davon etwa 300 Millionen Chinesen, so die Zahlen der Brookings Institution. Das starke Wirtschaftswachstum, das sehr viele Arme erreicht hat, die so in die Mittelschicht aufsteigen konnten, ist der Hauptgrund dafür, dass die globale Ungleichheit im Lauf der vergangenen drei Jahrzehnte tatsächlich gesunken ist, vor allem in den vergangenen 15 Jahren.

          Bild: F.A.Z.

          Innerhalb der Länder ist die Ungleichheit gleichzeitig aber etwas gestiegen, wohl überwiegend als Folge der Globalisierung. Aber das Ausmaß der Ungleichheit ist heute im Allgemeinen geringer als vor hundert Jahren. Wenn wir hören, dass das oberste eine Prozent heute einen Rekordanteil am Bruttoinlandsprodukt auf sich vereint – ein Argument, das Thomas Piketty berühmt gemacht hat –, dann müssen wir uns erinnern, dass sich dies nur auf Daten aus den Vereinigten Staaten und den anderen angelsächsischen Ländern bezieht. Im Jahr 1913 vereinte das oberste Prozent in den Vereinigten Staaten 18 Prozent des Gesamteinkommens auf sich; dieser Wert sank danach, 1976 betrug er nur noch 9 Prozent, stieg danach aber wieder steil auf erstaunliche 20 Prozent im Jahr 2011.

          In Kontinentaleuropa und in Japan ist die Erfahrung aber eine andere. Die Top-Ränge dort starteten vor dem Ersten Weltkrieg mit einem ähnlich großen Anteil wie die Magnaten in Amerika, und ihr Anteil rutschte dann in ähnlicher Weise ab bis in die 1970er Jahre, doch seitdem ist er weniger angestiegen. Der Anteil des obersten Prozents in den europäischen Ländern und Japan am Gesamteinkommen ist nur etwa halb so groß wie vor hundert Jahren - damals annähernd 20 Prozent, heute rund 10 Prozent, wie Piketty und andere ausgerechnet haben. Das passt zum globalen Trend, dass die Ungleichheit in einem längerfristigen Vergleich abgenommen hat.

          Moderne Medizin verbreitet sich

          Außerdem spielt bei Ungleichheit sehr viel mehr als nur das Einkommen oder das Vermögen eine Rolle. Mehr als die Hälfte der Wohlfahrtsgewinne in den vergangenen vierzig Jahren gehen auf die Tatsache zurück, dass wir heute viel länger leben und gesünder leben, wie Gary Becker, Thomas Philipson und Rodrigo Soares vor einigen Jahren festgestellt haben. 1900 lag die durchschnittliche Lebenserwartung auf der Welt nur bei 30 Jahren, heute leben wir durchschnittlich 71 Jahre laut Weltgesundheitsbehörde WHO. Die Ungleichheit wurde vor einem Jahrhundert durch medizinische Durchbrüche zunächst einmal verstärkt, weil nur wenige Länder davon profitierten. Aber heute erfasst die moderne medizinische Versorgung immer mehr Länder. Der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung zwischen den ärmsten und reichsten Ländern hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren von 28 auf 18 Jahre verkürzt. Die Ungleichheit der Lebenserwartung ist heute geringer als vor zwei Jahrhunderten.

          Auch die globale Ungleichheit in puncto Bildung und Ausbildung hat abgenommen. 1870 waren mehr als drei Viertel der Weltbevölkerung Analphabeten. Der Zugang zu Schulbildung war ungleicher als die Einkommensverteilung. Heute können mehr als vier Fünftel der (stark gewachsenen) Weltbevölkerung lesen und schreiben - und die verbliebenen Analphabeten sind hauptsächlich ältere Leute, wogegen die jüngere Generation in fast allen Ländern einen zuvor undenkbaren Zugang zu Schulbildung gewonnen hat.

          Ungleichheit ist sicherlich bedeutsam, nicht zuletzt deshalb, weil zu viel Ungleichheit die Fähigkeit zu Wirtschaftswachstum beeinträchtigen kann und die soziale Mobilität erstickt. Ungleichheit muss bekämpft werden, aber wir sollten uns vor hochgejubelten Behauptungen über „Rekord-Ungleichheit“ hüten, welche die enormen Entwicklungen ausblenden, die in den vergangenen Jahrzehnten die globale Ungleichheit verringert, die Zahl der sehr Armen reduziert und die globale Kluft in puncto Einkommen, Bildung und Gesundheit verkleinert haben.

          Aus dem Englischen von Philip Plickert

          Quelle: F.A.Z.

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