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Armutsrisiko Kind : „Arme Familien wurden reicher gerechnet“

  • Aktualisiert am

Kinder entwickeln sich in Deutschland zunehmend zu einem Armutsrisiko. Bild: dpa

Arme Familien und Alleinerziehenden geht es in Deutschland finanziell schlechter als bislang angenommen. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung benennt offen die Gründe.

          Arme Familien und Alleinerziehende stehen einer neuen Studie zufolge oft noch schlechter als bislang angenommen da. Forscher hätten durch eine neue Berechnungsmethode festgestellt, „dass vor allem arme Familien bisher reicher gerechnet wurden, als sie tatsächlich sind“, erklärte die Bertelsmann-Stiftung am Mittwoch. Vor allem die Einkommenssituation von Alleinerziehenden sei schlechter als gedacht.

          Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum berechneten den Angaben zufolge neu, welche zusätzlichen Kosten durch Kinder je nach Familientyp und Einkommenssituation entstehen. Dabei zeigte sich demnach: „Je geringer das Familieneinkommen ist, desto schwieriger wiegt die finanzielle Belastung durch jedes weitere Haushaltsmitglied.“

          Die zusätzlichen Ausgaben für Kinder wurden laut der Stiftung bisher auf Grundlage einer Skala der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geschätzt. Die neuen Berechnungen zeigten nun, dass die Anwendung der OECD-Skala „die Einkommen armer Haushalte systematisch über- und jene reicher Haushalte unterschätzt“. Denn für ärmere Familien sei die finanzielle Belastung durch Kinder im Verhältnis größer als für wohlhabende Familien. Die finanzielle Belastung steige mit jedem weiteren Kind an, heißt es in einer am Mittwoch in Gütersloh veröffentlichten Untersuchung der Bertelsmann Stiftung.

          Armutsgefährdet seien 13 Prozent der Paare mit einem Kind, 16 Prozent mit zwei und 18 Prozent mit drei Kindern. Für Alleinerziehende liege die Armutsrisikoquote sogar bei 68 Prozent. Als von Armut bedroht gilt, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat. Haushalte mit Kindern sind laut Stiftung seit 25 Jahren durchschnittlich finanziell schlechter gestellt als kinderlose Paare. Für ärmere Familien sei die finanzielle Belastung durch Kinder im Verhältnis größer als für wohlhabende.

          Einkommensschere geht auseinander

          Auch die Einkommensschere zwischen wohlhabenden und armen Familien sei zwischen 1992 bis 2015 weiter aufgegangen, hieß es. In diesem Zeitraum sei es Familien nur durch Ausweitung der Erwerbstätigkeit gelungen, ihre Einkommenssituation zu halten oder zu verbessern. Dabei weiteten meist Frauen ihren Beschäftigungsumfang aus.

          Politisch sollte ein größeres Gewicht auf die Bekämpfung von Armut gelegt werden, forderte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. „Vor allem Alleinerziehende brauchen stärkere Unterstützung.“ Die staatliche Existenzsicherung für Kinder müsse neu aufgestellt und an ihren Bedürfnissen ausgerichtet werden. Die Stiftung plädiert für ein „Teilhabegeld“. Darin einfließen sollen das Kindergeld, der Kinderzuschlag, Hartz-IV-Leistungen und der größte Teil des Bildungs- und Teilhabepaktes, mit dem das Essen in Schulen und Kitas, Nachhilfe oder Beiträge für Sport und Kultur unterstützt werden.

          Grundlage der Studie sind nach den Angaben neue Berechnungsmethoden der Ruhr-Universität Bochum. Die Wissenschaftler stellten einkommensabhängige Skalen für verschiedene Haushaltstypen auf und ermittelten, welche zusätzlichen Kosten je nach Familientyp und Einkommensniveau durch Kinder entstehen. Sie grenzten sich damit von der oft genutzten OECD-Skala ab, die auf einkommensunabhängigen Werten basiere. Sie überschätze die Einkommenssituation von armen Haushalten und unterschätze die von wohlhabenden Familien, hieß es. Arme Familien würden mit der OECD-Skala reicher, wohlhabende weniger reich gerechnet.

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