http://www.faz.net/-gqe-8yf4r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 04.06.2017, 20:32 Uhr

Arm und Reich Wie steht es um die Ungleichheit?

Die Ungerechtigkeitsdebatte in Deutschland ist überzogen und birgt die Gefahr politischer Fehlentscheidungen. Der Korrekturbedarf liegt nicht dort, wo ihn die lautesten Kritiker vermuten. Ein Gastbeitrag.

von Clemens Fuest
© dpa Beteiligung nicht nur für Akademikerkinder: Der Bildungsgrad der Eltern entscheidet noch zu oft über den Schulerfolg der Kinder.

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Politik und Medien darüber klagen, Deutschland sei ein ungerechtes Land, in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgehe. Die Verteilung von Einkommen und Vermögen ist ein wichtiges Thema. Umso wichtiger ist es, die Entwicklung nüchtern und ausgewogen einzuordnen.

Dem ist nicht gedient, wenn öffentliche Debatten über Verteilungsfragen so von alarmistischen Thesen geprägt sind, wie es derzeit in Deutschland der Fall ist. Zu den alarmistischen Thesen gehört zum Beispiel der Vorwurf, Deutschland hätte sein Wirtschaftsmodell der Sozialen Marktwirtschaft aufgegeben. Das Gegenteil ist der Fall: Der Sozialstaat trägt entscheidend dazu bei, dass die Einkommensverteilung in Deutschland eine hohe Stabilität aufweist und sich zumindest in den vergangenen zehn Jahren nur wenig geändert hat.

Weniger Ungleichheit, mehr Wachstum?

Irreführend ist die verbreitete Behauptung, die unteren 40 Prozent der Einkommensbezieher wären von der Wachstumsentwicklung abgehängt. In den letzten zehn Jahren war der Anteil dieser Gruppe an den gesamten verfügbaren Einkommen in Deutschland weitgehend stabil, ebenso wie der Anteil der oberen zehn Prozent.

Unser Angebot für Erstwähler
Unser Angebot für Erstwähler

Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

Zum Angebot

Eine Fehlinterpretation ist die kürzlich sogar in einer OECD-Studie verbreitete Behauptung, das Wirtschaftswachstum in Deutschland wäre höher, wenn die Ungleichheit reduziert würde. Der von Ökonomen immer wieder angeführte Konflikt zwischen Verteilungszielen und Wachstumszielen bestehe also gar nicht. Dabei handelt es sich um Wunschdenken, das von ökonomischen Daten nicht gedeckt ist. Ein negativer Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum ist in Entwicklungs- und Schwellenländern zu beobachten, in Industrieländern geht mehr Ungleichheit dagegen im Durchschnitt mit mehr Wachstum einher. Das heißt allerdings nicht, dass Ungleichheit höheres oder niedrigeres Wachstum auch verursacht.

Von der Auslagerung in Billiglohnländer profitiert

Um die aktuelle Entwicklung der Einkommensungleichheit in Deutschland zu verstehen, sollte man mit der Beobachtung beginnen, dass die Entlohnung hoch und niedrig qualifizierter Arbeit sich in den vergangenen Jahrzehnten in allen Industrieländern zu Lasten niedrig qualifizierter Arbeit verschoben hat. Zwei Faktoren werden dafür verantwortlich gemacht. Erstens ist mit der Einbindung Chinas und anderer Schwellenländer in die globale Wirtschaft das Angebot an niedrig qualifizierten Arbeitskräften enorm angestiegen. Viele einfache Tätigkeiten sind aus Industrieländern in Schwellenländer verlagert worden.

Mehr zum Thema

Das hat Millionen Menschen aus bitterer Armut befreit und die weltweite Ungleichheit reduziert. In den Industrieländern hat diese Verlagerung aber dazu geführt, dass die Löhne für niedrig qualifizierte Tätigkeiten in der Produktion handelbarer Güter gesunken sind. Hoch qualifizierte Beschäftigte und Eigentümer von Unternehmen haben von dieser Entwicklung dagegen profitiert. Gewinner sind außerdem wir alle als Konsumenten. Viele Waren können wir heute deutlich billiger und in besseren Qualität als in vergangenen Jahrzehnten kaufen.

Ungleichheit der Einkommen steigt durch Digitalisierung

Ein zweiter Faktor ist der technische Wandel. Mit dem Fortschreiten der Automatisierung, der Digitalisierung und der wachsenden Bedeutung komplexer Fertigungstechniken und Dienstleistungen steigt die Nachfrage nach gut ausgebildeten und hochspezialisierten Arbeitskräften, während viele Routinetätigkeiten durch Maschinen übernommen werden. Auch das treibt die Entlohnung auseinander.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Ein Digitalminister wäre mehr als ein Signal

Von Carsten Knop

Alles verändert sich: die Kommunikation, die Energienetze, der Verkehr, die Produktion. Deshalb braucht Deutschland einen Digitalminister. Einen mit politischem Gewicht. Pläne und Phrasen gibt es schon genug. Mehr 17 14