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Arbeitsplätze Der Treck nach Berlin

 ·  Viele junge Leute wollen unbedingt in Berlin arbeiten. Die Unternehmen stellen sich darauf ein. Um gutes Personal zu bekommen, eröffnen oder erweitern sie Büros in der Hauptstadt.

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Adieu Frankfurt, auf nach Berlin: Als sich Henrik Blank vor zwei Jahren nach einem neuen Arbeitsplatz umschaute, wusste er genau, wo dieser sein sollte. Nicht im Rhein-Main-Gebiet, wo der Betriebswirt die vergangenen Jahre gelebt und gearbeitet hatte. Auch nicht in Mannheim, wo er zuvor studiert hatte. Die deutsche Hauptstadt sollte es sein. Wegen des großen Kulturangebots. Wegen des internationalen Flairs. Und wegen des diffusen Gefühls, dass in Berlin mehr passiert als anderswo in Deutschland. Inzwischen arbeitet der 32 Jahre alte Blank im Berliner Büro der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), einem Altbau am Hackeschen Markt, mitten in Mitte. Dass er in aller Regel montags morgen zu einem Projekt in einer anderen Stadt fliegt und erst Donnerstagabend wieder zurückkommt, stört ihn nicht. „Von Freitag bis Sonntag bin ich in Berlin. Das genieße ich.“

Fast 160.000 Menschen zogen im vergangenen jahr nach Berlin

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! In den Schlachtruf, den sonst vor allem Fußballfans in Erwartung des Endspiels um den DFB-Pokal zum Besten geben, stimmen in jüngster Zeit immer mehr Unternehmensberater, Werbetexter und Internetprogrammierer ein. Auch sie wollen nach Berlin, wollen Teil der 3,5-Millionen-Einwohner-Metropole werden, deren Kreativ- und Modeszene eine ähnliche Anziehungskraft ausübt wie jene in London und New York.

Im vergangenen Jahr zogen 158.800 Menschen in die Hauptstadt, der größte Zuwachs binnen eines Jahres seit der Wiedervereinigung, berichtete unlängst das Statistikamt. Längst sind es nicht mehr nur die Freiberufler, die es nach Berlin zieht, sondern auch die Angestellten. Und die Unternehmen, sie stellen sich darauf ein, eröffnen oder erweitern ihre Büros in Berlin, weil sie im vielzitierten Wettstreit um die besten Köpfe keine andere Wahl sehen, als in den Schlachtruf einzustimmen: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.

„Wir sind in Deutschland das beliebteste Büro“, sagt Reinhard Messenböck, der verantwortliche Partner von BCG in Berlin. Überproportional sei die Mannschaft zuletzt gewachsen, auf aktuell rund 200 Mitarbeiter. Bei jeder neuen Einstellungsrunde wollen mehr Kandidaten nach Berlin, als Plätze frei sind. Demnächst wird die Unternehmensberatung umziehen. Es gehe nicht anders, aus Platzgründen, sagt Messenböck. Die Details stehen noch nicht fest, aber es wird wohl wieder ein Altbau werden, wieder in Mitte. Klar ist schon: Die neuen Büroräume werden Platz für bis zu 350Mitarbeiter bieten.

Die Mitarbeiter können sich in Berlin von ihrem Gehalt mehr leisten als anderswo

Auch Wolf Ingomar Faecks bekommt die Berlin-Bewegung zu spüren. Er ist Geschäftsführer der auf digitale Kommunikation spezialisierten Beratungsgesellschaft Sapient, die derzeit Büros in München, Düsseldorf und Köln hat und im nächsten Jahr aller Voraussicht nach eines in Berlin eröffnen wird. Eine reine „Talent- und Lebensumgebungs-Entscheidung“ sei das, sagt Faecks. „Es gibt eine Menge Bewerber, die sagen: Ich will nach Berlin.“ Er will diese Bewerber, also expandiert er. 100 Mitarbeiter kann er sich in Berlin mittelfristig vorstellen. Trotz der damit verbundenen Kosten: Die Zentrale in Amerika unterstütze das Vorhaben. Auch von dort hätten schon Mitarbeiter den Wunsch geäußert, nach Berlin zu wechseln, berichtet Faecks. Dass er in Berlin niedrigere Gehälter zahlen kann als anderswo, glaubt er nicht, das habe sich längst angeglichen. Aber die Mitarbeiter könnten sich dort von ihrem Gehalt mehr leisten als etwa in München.

Solche Gedankenspiele haben große Werbeagenturen schon hinter sich. Nachdem sich die internationalen Agenturgruppen in der Nachkriegszeit bevorzugt in Frankfurt ansiedelten, verfügen heute sowohl Leo Burnett als auch Ogilvy und Saatchi & Saatchi über Ableger in der Hauptstadt. „Berlin hat eine künstlerische Szene, wie es sie in keiner anderen Stadt Deutschlands gibt. Wenn wir weiter ein konkurrenzfähiges Produkt anbieten wollen, brauchen wir solche Leute“, sagt Ogilvy-Deutschlandchef Thomas Strerath. Und auch mit Blick auf den internationalen Austausch im Unternehmen sei Berlin quasi ein Muss. „Einen Ogilvy-Mitarbeiter aus New York oder Singapur kann ich nach Berlin locken - nach Frankfurt nicht.“ Seit Anfang vergangenen Jahres ist seine Agentur daher auch an der Spree vertreten. Keine vollständige Werbeagentur mit allen Ressourcen sei das, sagt Strerath, mehr eine Art Satellit, dessen 30 Mitarbeiter Trends frühzeitig aufspüren sollen.

Während BCG-Mann Messenböck betont, dass sich das Berliner Büro nicht nur mit Blick auf das Personalmarketing rechne, sondern auch finanziell, ist Agenturchef Strerath zurückhaltender. „Wir bekommen eine gute schwarze Null hin. Aber unsere Profitvorgaben erfüllt Berlin nicht“, sagt er. Nicht nur um des Personals willen hält er dennoch an Berlin fest. Vor allem internationale Kunden machen seiner Beobachtung nach zunehmend ein Büro in Berlin zur Bedingung, bevor sie einen Werbeauftrag in Deutschland vergeben. So geschehen jüngst im Fall Coca-Cola, ein lukrativer Werbeetat, den Ogilvy ohne eine Niederlassung in Berlin nicht bekommen hätte.

Ohnehin sei die Wirtschaftskraft in Berlin größer als weithin angenommen, betont Unternehmensberater Messenböck. Ob Deutsche Bahn, Vattenfall oder die Internetszene - die Zahl der dort ansässigen Unternehmen sei größer als allgemein bekannt. Rund die Hälfte der Projekte spiele sich in Berlin ab, schätzt der Berater. Dass seine Mitarbeiter ansonsten mal in Stuttgart, mal in Frankfurt und mal in Ostwestfalen arbeiten - egal. In Unternehmensberatungen wird ohnehin viel gereist, werden Projekte überregional je nach Kompetenzen „gestafft“, wie die Einsatzplanung im deutsch-englischen Beraterkauderwelsch heißt.

Während der gebürtige Österreicher Messenböck längst ein eingefleischter Berliner geworden ist, betrachten andere die Euphorie mit einem gewissen Abstand. Vielleicht sei das eine Frage des Alters, sagt Sapient-Geschäftsführer Faecks. Er selbst hat zehn Jahre in Berlin gelebt, seine wilden Jahre nennt er diese Zeit. Nun will der Manager die Vorzüge Münchens nicht mehr missen. „Berlin ist um Längen unprofessioneller als München“, sagt er. „Das Flughafen-Desaster, die Probleme mit der S-Bahn - das würde in München nicht geduldet.“ Thomas Strerath fühlt sich in Köln am wohlsten. Dort hat er studiert, und dort wohnt er auch heute. „Ich persönlich kann mit Berlin überhaupt nichts anfangen.“ Er frage sich, wie lange dieser Berlin-Hype wohl noch anhalte.

Es ist eine Frage, die sich auch Reinhard Messenböck immer wieder stellt, wenn er durch die Touristenströme am Hackeschen Markt läuft, wo es neben den hippen Pop-up-Galerien längst auch H&M-Filialen gibt. Doch seine Antwort ist stets dieselbe: „Ja, es ist ein Hype, aber er wird nicht abnehmen. Dann müsste ja eine andere Stadt in Deutschland die Rolle Berlins übernehmen. Und welche sollte das sein?“

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Wirtschaft.

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