01.02.2005 · Über mehr als zwei Jahrzehnte haben verschiedene Bundesregierungen den vorzeitigen Ruhestand als scheinbares Heilmittel gegen die Probleme am Arbeitsmarkt gefördert. Eine teure Medizin.
Über mehr als zwei Jahrzehnte haben verschiedene Bundesregierungen den vorzeitigen Ruhestand als scheinbares Heilmittel gegen die Probleme am Arbeitsmarkt gefördert. Das durchschnittliche Rentenzugangsalter entfernte sich immer mehr von der gesetzlichen Altersgrenze, dem 65. Geburtstag.
Von der frühen Rente profitierten viele: Arbeitnehmer, die schneller und zunächst sogar ohne finanzielle Einbußen das Rentnerdasein genossen, Arbeitgeber, die sich in Krisenzeiten ihrer älteren Mitarbeiter entledigten, und nicht zuletzt Politiker, die den Anstieg der offiziellen Arbeitslosenquote begrenzt hielten. Leidtragende waren Arbeitnehmer und Arbeitgeber als Beitragszahler der Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung sowie die Steuerzahler, die über den Bundeszuschuß für Lücken in den Sozialkassen haften.
Mit 63 Jahren in Rente
Wegen der finanziellen Belastungen für die Sozialsysteme war eine Kehrtwende nötig: Das gesetzliche Rentenalter wurde zu Beginn der neunziger Jahre schrittweise wieder heraufgesetzt, und es wurden Rentenabschläge für Vorruheständler eingeführt. Auch die rot-grünen Renten- und Arbeitsmarktreformen lassen eine Frühverrentung zunehmend unattraktiv erscheinen. Um hohe finanzielle Einbußen zu vermeiden, schieben Arbeitnehmer den Rentenbeginn daher wieder hinaus: Nach Erhebungen des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) gehen Männer jetzt im Durchschnitt mit 63,1 Jahren in Ruhestand, Frauen mit 63,3 Jahren - rund ein halbes Jahr später als noch vor sieben Jahren.
Eine noch schnellere Annäherung an das normierte Rentenalter wurde unter anderem dadurch verhindert, daß Sonderregeln wie die Rente wegen Arbeitslosigkeit oder Altersteilzeit unter Hinweis auf den Vertrauensschutz nur zögerlich aufgegeben werden. Nur ein kleiner Teil der Arbeitnehmer arbeitet heute bis zur Altersgrenze: Im Westen Deutschlands waren nur noch gut 21 Prozent der Neurentner zuvor erwerbstätig. 14 Prozent bezogen dagegen Leistungen wegen Arbeitslosigkeit, 10 Prozent kamen aus der Altersteilzeit, rund 45 Prozent waren passiv Beschäftigte (Beamte mit früherer Versicherung, Hausfrauen, Auslandsrentner, Selbständige), 10 Prozent waren Arbeitslose ohne Leistungsbezug. In den neuen Bundesländern wechseln mehr als 44 Prozent der Neurentner von Leistungen wegen Arbeitslosigkeit direkt zur Rentenzahlung.
Erste Klagen sind anhängig
Die Lücke zwischen Regelaltersgrenze und Rentenwirklichkeit wird sich wegen der schlechten Lage am Arbeitsmarkt nicht rasch schließen. Nach Umfragen beschäftigt rund die Hälfte der Unternehmen keine Arbeitnehmer über 50 Jahre mehr. Auch sind ältere Arbeitnehmer zunehmend länger arbeitslos. Die an strengere Bedingungen geknüpften Leistungen für Langzeitarbeitslose (Hartz IV) werden überdies den Druck wieder verstärken, unter finanziellen Einbußen vorzeitig in Rente zu gehen. Die Rentenversicherer bangen, daß die kürzere Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld ältere Arbeitslose in den frühen Ruhestand zwingt - zumal wenn sie der Vermögensprüfung für das Arbeitslosengeld II entgehen wollten.
Ihren Renteneintritt nicht mehr wählen können jene, die nach Paragraph 428 Sozialgesetzbuch III mit ihrem Arbeitsamt den Übergang von der Arbeitslosenhilfe zur Rente vereinbart haben und dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen müssen. Sie stehen als Folge der Leistungskürzungen beim Arbeitslosengeld II jetzt finanziell schlechter da. Erste Klagen sind anhängig.
960 Euro Rente
Von 1973 an konnten Männer zunächst ohne Abschlag vorzeitig mit 63 Jahren und Frauen mit 60 Jahren in den Ruhestand gehen. 2003 mußten dagegen schon fast die Hälfte der Neurentner Abschläge von 0,3 Prozent je Monat hinnehmen. Für den modellhaften Eckrentner mit 45 Versicherungsjahren nennt der VDR eine Durchschnittsrente von 1130 Euro. Nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge verfügen diese Rentner bei einem Abschlagsatz von 14,3 Prozent für 48 Monate nur noch über eine Rente von 960 Euro.
Die Rentenversicherer widersprechen dem Vorwurf der Arbeitgeber, die Abschläge seien zu niedrig kalkuliert. Versicherungsmathematisch bringe der Abschlag die - bei einer längeren Bezugsdauer - notwendige Rentenkürzung.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2481 | −0,06% |
| Rohöl Brent Crude | 106,85 $ | −0,38% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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