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Arbeitsmarkt Nappo probt die 60-Stunden-Woche

05.08.2004 ·  Deutschlands Politiker, Gewerkschafter, Professoren und Wirtschaftsbosse reden sich die Köpfe über die 40-Stunden-Woche heiß. In einem Betrieb in Krefeld gilt derlei - der Vergleich sei ausnahmsweise erlaubt - offenbar als Peanuts.

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Deutschlands Politiker, Gewerkschafter, Professoren und Wirtschaftsbosse reden sich die Köpfe über die 40-Stunden-Woche heiß. In einem Betrieb in Krefeld gilt derlei - der Vergleich sei ausnahmsweise erlaubt - offenbar als Peanuts. Der Süßwarenhersteller Nappo-Dr. Helle probt die 60-Stunden-Woche - und hat damit einen Eklat mit der Gewerkschaft ausgelöst.

Nappo steckt in einer merkwürdigen Situation. Das Unternehmen stellt den Schokoriegel Nappo, Pfefferminz, Lutscher, Eiskonfekt, Speckartikel und Müsliriegel her. Die sind derzeit so gefragt, daß die Aufträge in der normalen Arbeitszeit nicht bewältigt werden können. Andererseits haben die kreditgebenden Banken die Zügel angezogen. Ohne eine Absenkung der Arbeitskosten stellten sie keine weiteren Finanzierungsmittel zur Verfügung, heißt es von der Geschäftsführung. Die schwierige wirtschaftliche Situation habe sie auf einer Betriebsversammlung im Juli den 150 Beschäftigten dargelegt und mit ihnen einvernehmlich Mehrarbeit vereinbart. Daraus ist nun die 60-Stunden-Woche geworden, jedenfalls wenn man der Gewerkschaft glaubt.

„Seit etwas mehr als einer Woche gilt bei Nappo die 60-Stunden-Woche. Das ist ein klarer Gesetzes- und Tarifbruch", sagt eine Sprecherin der Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten. Tariflich gelte die 38-Stunden-Woche. Nappo habe 40 Stunden vereinbart und lasse darüber hinaus 20 Stunden je Woche zusätzlich arbeiten. Diese würden zwar bezahlt, die erforderlichen Zuschläge aber nicht. Zudem gebe es nur noch halbes Weihnachtsgeld.

Alle hätten zugestimmt

Nappo-Geschäftsführer Berndt Bleser versteht dagegen die Aufregung nicht: "Wir sind ein kleines mittelständisches Unternehmen, das von Flexibilität lebt", sagt er. Man habe kurzfristig Mehrarbeit vereinbart, weil das notwendig sei und die Mitarbeiter das auch so wollten. Mehr noch: Die Geschäftsleitung habe niemanden gezwungen, sondern einen Vorschlag aus der Belegschaft aufgegriffen und den Versuch unternommen, eine auf drei Monate befristet höhere Arbeitszeit einzuführen. Alle hätten freiwillig zugestimmt und damit demonstriert, daß sie an einem Strang zögen. Von einer generellen 60-Stunden-Woche könne keine Rede sein. "Die Arbeitszeitanforderung ist je nach Stelle unterschiedlich. Die einen müssen mehr, die anderen weniger arbeiten", sagt Bleser. Ohnehin gehe es nur um die Abarbeitung von Auftragsspitzen. Die habe es auch schon früher gegeben. Im Jahresverlauf werde das ausgeglichen.

Immerhin bestand offensichtlich Handlungsbedarf, denn am 4. August haben sich Betriebsrat und Geschäftsführung abermals zusammengesetzt und eine neue Regelung gefunden. Wie lange nun genau gearbeitet wird, darüber schweigen sich alle Beteiligten aus. Nur soviel: "Nachdem bekannt wurde, daß das gemeinsame Projekt gegen arbeitszeitrechtliche Vorschriften verstoßen könnte, wurden alle nötigen Schritte eingeleitet. Es wurde eine betrieblich notwendige interne Betriebsvereinbarung getroffen. Diese bewegt sich im gesetzlichen und tariflichen Rahmen." Der Geschäftsleitung gehe es vor allem darum, gemeinsam mit ihren Mitarbeitern das Traditionsunternehmen Nappo und die damit verbundenen Arbeitsplätze zu erhalten.

Quelle: hap., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2004, Nr. 181 / Seite 11
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