Home
http://www.faz.net/-gqe-13uq8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arbeitsmarkt im September Zahl der Arbeitslosen leicht gesunken

30.09.2009 ·  Der deutsche Arbeitsmarkt bekommt die Folgen der Wirtschaftskrise nur abgemildert zu spüren. Die Zahl der Arbeitslosen ist im September um 125.000 auf 3.346.000 gesunken. Kurzarbeit und Tricks bescheren eine Herbstbelebung.

Von Sven Astheimer und Kerstin Schwenn
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (3)

Der deutsche Arbeitsmarkt bekommt die Folgen der Wirtschaftskrise nur abgemildert zu spüren. Im September sank die registrierte Arbeitslosenzahl sogar um 125.000 auf 3,346 Millionen. Das waren 266.000 mehr als ein Jahr zuvor. Die Quote gab um 0,3 Punkte auf 8 Prozent nach, wie die Bundesagentur für Arbeit am Mittwoch in Nürnberg bekanntgab. Damit fällt der Herbstaufschwung am Arbeitsmarkt zwar geringer aus als in den Vorjahren. Der Vorstandsvorsitzende der Behörde, Frank-Jürgen Weise, zeigte sich angesichts der wirtschaftlichen Lage jedoch überrascht, dass es überhaupt zu einer leichten Belebung gekommen ist. Für den Winter geht er aber von einem deutlichen Anstieg der Erwerbslosigkeit aus. „Es ist nicht erkennbar, dass das schon ein Trend zum Besseren ist“, sagte er. Allerdings sei es wahrscheinlich, dass die Marke von 4 Millionen nicht überschritten werde. „Horrorzahlen in diesem Jahr sind nicht gerechtfertigt.“

Die bislang gute Entwicklung der Arbeitsmarktstatistik hat mehrere Gründe. Zum einen hatte die Bundesregierung im Frühjahr entschieden, Arbeitslose nicht mehr zu zählen, die von privaten Vermittlern betreut werden. Dadurch sinkt die offizielle Arbeitslosenzahl jeden Monat um mehr als 10.000 Personen. Rechnet man diesen Effekt hinaus, ergibt sich für den September statt eines saisonbereinigten Rückgangs um 12.000 ein Anstieg um rund 10.000.

Vor allem aber sorgt der Einsatz von Kurzarbeit weiterhin dafür, dass sich Unterbeschäftigung nicht stärker in Beschäftigungsabbau niederschlägt. Ende Juni befanden sich rund 1,42 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Im Durchschnitt hatten sie mit ihrem Arbeitgeber eine Arbeitszeitverkürzung um 30,5 Prozent vereinbart. Die finanziellen Einbußen wurden zum Teil durch das Kurzarbeitergeld ausgeglichen. Umgerechnet in Vollzeitstellen, ergeben sich mehr als 430.000 möglicherweise bedrohte Arbeitsplätze, die durch Kurzarbeit vorerst gesichert wurden.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall sieht damit den Höhepunkt der Kurzarbeit erreicht. Auch eine Umfrage dieser Zeitung ergab, dass viele Unternehmen den Einsatz bis zum Jahresende reduzieren wollen (siehe Die Kurzarbeit hat ihren Zenit überschritten). Auch eine andere Entwicklung vermag die Arbeitslosenzahl nicht auszudrücken: Während die Vollzeitbeschäftigung deutlich weniger wird, steigt die Teilzeitbeschäftigung noch immer. Dadurch sinkt die Beschäftigtenzahl weniger als das Arbeitsvolumen.

Ersten Hochrechnungen der Bundesagentur zufolge gab die Zahl der sozialversicherungspflichtig Versicherten im Juli gegenüber der Vorjahreszeit um 100.000 auf 27,34 Millionen nach. Die Zahl der Erwerbstätigen, wozu neben den Beschäftigten noch Selbständige und Beamte gehören, lag im August bei fast genau 40 Millionen. Saisonbereinigt sank sie gegenüber dem Vormonat um 57.000.

Mit Blick auf die derzeitigen Koalitionsverhandlungen zwischen Union und FDP sprach sich Weise gegen eine von den Liberalen und von Wirtschaftsverbänden ins Gespräch gebrachte Lockerung des Kündigungsschutzes aus. In der Krise sei es nicht klug, Leistungen zu kürzen und die Situation zu verschärfen.

Der scheidende Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) warf der Union für diesen Fall sogar „Wortbruch“ gegenüber dem Wähler vor. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, der in Berlin als sein Nachfolger gehandelt wird, sparte das Thema Kündigungsschutz am Mittwoch aus. Er betonte, die Union wolle die „Rahmenbedingungen so zimmern“, dass Arbeitsplätze gesichert und neu geschaffen werden könnten. Deshalb sollten Arbeitsmarktinstrumente auf den Prüfstand, die teuer oder ineffizient seien. Der CDU-Politiker versicherte, die eingeführten branchenspezifischen Mindestlöhne sollten Bestand haben. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt ging es neben der Vermeidung einer Kreditklemme darum, die Kosten der Kurzarbeit nicht der Arbeitslosenversicherung aufzubürden. Diese Sonderlasten müssten wie andere Ausgaben zur Krisenbekämpfung vom Investitions- und Tilgungsfonds der Bundesregierung getragen werden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

Jüngste Beiträge

Jahrgang 1963, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2481 −0,06%
Rohöl Brent Crude 106,85 $ −0,38%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.