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Arbeitsmarkt Dienstwagen für den Lehrling

 ·  Durch die Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker sind zwar auf einen Schlag 25.000 Stellen gestrichen worden. Das ändert aber nichts daran, dass in fast allen Berufen vom Lehrling bis zum Akademiker Bewerber Mangelware sind - und bleiben werden.

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© doc-stock „Der Markt für spezialisierte Techniker ist hochgradig angespannt“

Schlecker war ein harter Schlag: 25.000 Menschen verloren ihre Stelle. Weitere 1380 müssen bei Neckermann auf jeden Fall gehen. Das hat die positive Bilanz des Arbeitsmarktes der letzten Monate ins Wanken gebracht - aber nicht ausgehebelt. Auch im ersten Halbjahr 2012 wurden in der deutschen Wirtschaft mehr Stellen geschaffen als gestrichen. Allerdings schließt sich die Schere langsam. Das Niveau ist hoch; es ist viel Bewegung im Arbeitsmarkt. Das zeigen die öffentlichen Ankündigungen der Unternehmen über Veränderungen in den Belegschaften von mehr als 100 Personen, die regelmäßig vom F.A.Z.-Archiv ausgewertet und vierteljährlich veröffentlicht werden.

Danach sind in den ersten zwei Quartalen fast 88.000 offene Stellen genannt worden, die man gern kurzfristig besetzen würde. Andererseits wurden gut 57.000 Stellen gestrichen - darunter die 25.000 Stellen bei Schlecker. Ohne den Zusammenbruch der Drogeriemarktkette wäre die Relation Stellenstreichungen zu Stellenschaffungen fast bei 1 zu 3 geblieben, so wie sie im Vorjahr war, als auf jede gestrichene Stelle drei neugeschaffene Stellen kamen. Obwohl sich die Stimmung in der Wirtschaft in den vergangenen Wochen etwas eingetrübt hat, sind schon im ersten Halbjahr 2012 fast so viele neue Stellen ausgeschrieben worden wie im gesamten Jahr 2011. Das belegt, dass grundsätzlich eine positive Stimmung in der Wirtschaft vorherrscht.

Umsatzentwicklung mittelfristig bedroht

Stark zugenommen haben dazu passend auch die warnenden Aussagen von Unternehmern und Verbandsmanagern, dass man in den kommenden Monaten in einen personellen Engpass laufe, weil es aus demographischen Gründen an genügend Mitarbeitern fehlen werde. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart und des Branchenverbandes für Informationstechnik Bitkom kommt allein für die deutsche IT-Wirtschaft zu alarmierenden Ergebnissen. Die gute Umsatzentwicklung der Unternehmen sei schon mittelfristig durch einen sich ständig ausweitenden Mangel an Fachkräften und eine Erosion der Wissensbasis in den Unternehmen bedroht. Vor allem mittelständische Unternehmen leiden danach unter einer zunehmenden Fluktuation und Schwierigkeiten bei der Besetzung von Stellen.

Nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom können in der gesamten IT-Industrie 40.000 Stellen nicht besetzt werden. Der Grund sind die hohe Nachfrage der Unternehmen und die damit einhergehenden gut gefüllten Auftragsbücher der IT-Anbieter. Klassische Industrien wie die der Maschinenbauer und der Autohersteller, wie die der Nahrungsmittelanbieter oder auch die Chemie sind dabei, von der Produktion bis zum Vertrieb ihre Werke, Betriebe und Fabriken technisch aufzurüsten. Damit haben Programmierer alle Hände voll zu tun. Während der vergangenen fünf Jahre hat die Branche rund 100.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Ende 2011 waren in Deutschland im Bereich Software 605.000 Mitarbeiter tätig. Insgesamt beschäftigt die ITK-Branche derzeit knapp 850.000 Menschen. Tendenz steigend.

800 offene Stellen

Schon heute können Unternehmen wie SAP, Software AG oder der mittelständische Ingenieurdienstleister Ferchau offene Stellen nicht mehr oder nicht schnell genug besetzen. Ferchau meldete jüngst 800 offene Stellen. Der Ingenieurdienstleister wuchs zuletzt um 27 Prozent und könnte noch stärker wachsen. „Unser Wachstum wird eindeutig im Rekrutierungsbereich gebremst“, sagt Frank Ferchau, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens mit Sitz in Gummersbach. Viele Projekte blieben unbearbeitet mangels fachlicher Ressourcen. Ferchau spürt wie die Mitbewerber auch, dass immer mehr Projekte nicht mit eigenen festangestellten Mitarbeitern, sondern mit entsprechenden Dienstleistern verwirklicht werden.

Viele Unternehmen hätten nicht die Kapazitäten, um die schnellere Produktentwicklung im eigenen Haus zu leisten, nennt Ferchau als einen Grund. Weil neue Produkte zunehmend disziplinübergreifend entwickelt würden, fehle oft auch das notwendige Expertenwissen, das man sich dann von draußen holen müsse. Damit die Auftragsvergabe an Dritte nicht nur aus Sparsamkeitsgründen gemacht wird und auf Kosten der eigenen festangestellten Mitarbeiter geht, hat Ferchau als erstes Unternehmen seiner Branche einen sogenannten Equal-Pay-Tarif mit der IG Metall abgeschlossen, wonach alle den Kunden überlassenen Mitarbeiter den gleichen Lohn bekommen wie deren Stammbelegschaft.

Externe Spezialisten

Den Trend, Projekte immer mehr von externen Spezialisten bearbeiten zu lassen, spürt auch die Solcom Unternehmensberatung GmbH in Reutlingen. Gerade an der hardwarenahen Programmierung - also bei Maschinensteuerungen oder der Verbindung von Maschine und Internet - gibt es „eine wahnsinnig hohe Nachfrage“ nach Personal, beobachtet Thomas Müller, Geschäftsführer von Solcom, einem Spezialisten für externe Projektunterstützung. Müller registriert eine hohe Nachfrage vor allem nach Experten für Cloudcomputing und nach Informatikern mit hoher Ingenieuraffinität sowie nach Ingenieuren mit Informatikaffinität. „Der Markt für hochspezialisierte Techniker ist hochgradig angespannt“, stellt er fest.

Aber einem mittelständischen Unternehmen wie Solcom falle es auch zunehmend schwer, junge Akademiker für den Vertrieb oder die Personalabteilung zu gewinnen. Ein Grund sei, dass sich viele Hochschulabgänger an Marken und Produkten ausrichten und zunächst bei den angesehenen Unternehmen wie BMW, Porsche oder Siemens ihr Glück versuchen. „Das ist schon einmal der erste Filter für den Mittelstand, in dem die Besten von den großen Markenartikelunternehmen abgeschöpft werden“, beklagt Müller. Erst wer dort keine Stelle finde, wende sich in einer weiteren Bewerbungsrunde auch an mittelgroße Unternehmen.

Nur Bewerber mit Bachelor-Abschluss

Damit seien aber die wenigen Bewerber mit Masterabschluss schon einmal vergeben und der Mittelstand bekomme weitgehend nur Bewerber mit Bachelor-Abschluss. Die schlagen zwar schon mit 22 oder 23 Jahren bei den Unternehmen auf, seien aber sowohl in Bezug auf die Persönlichkeitsbildung als auch auf die fachliche Ausbildung mit früheren Diplomabsolventen nicht zu vergleichen. „Ein gutes Stück der früher von der Hochschule geleisteten Ausbildung muss heute das Unternehmen übernehmen“, folgert Müller aus der Situation.

Produktionsunternehmen brauchen aber nicht nur Ingenieure. Um den Bedarf an technischen Mitarbeitern unterhalb der Akademikerebene zu besetzen, muss man viel früher mit der Werbung um die Schulabgänger anfangen. Der Klebebandhersteller Tesa (Teil der Hamburger Beiersdorf AG) sucht für künftige Mitarbeiter im Werk Offenburg schon in den Schulen der Umgebung das „tesa Technik-Talent“ in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Gelockt wird mit Eintrittskarten für den Freizeitpark Rust oder mit Schülerpraktika im Werk. Die Situation auf den Ausbildungsmärkten droht sich noch dramatischer zuzuspitzen als bei den Akademikern, weil hier die kleineren Jahrgänge früher durchschlagen.

Vom Angebots- zum Nachfragemarkt

Dieter Hieber, Edeka-Kaufmann aus dem badischen Lörrach, lockt Auszubildende mit der Aussicht, für ein Jahr ein Auto zur Verfügung gestellt zu bekommen, wenn man die Lehre nach drei Jahren als einer der zwei Jahrgangsbesten absolviert. Die Notwendigkeit solcher außergewöhnlichen Maßnahmen belegen die Zahlen. Binnen eines Jahres sank bei dem Einzelhändler (1000 Mitarbeiter, 12 Filialen) die Zahl der Lehrstellenbewerber von 280 auf 100. Drei Stellen für Metzgerlehrlinge konnten gar nicht besetzt werden. Viele Einzelhändler denken angesichts dieser Entwicklung über Boni für gute Leistungen in Schule oder Praxis nach, um die Lehrstellen besetzen zu können. Besondere Werbekampagnen für Schulabsolventen mit Migrationshintergrund sind heute ebenso an der Tagesordnung wie die Ansprache älterer Menschen, die noch keine Ausbildung haben und sich noch bis ins Alter von 50 Jahren nachqualifizieren können.

Unabhängig von aktuellen Entwicklungen bleibt mittel- und langfristig der Trend, dass die Zahl der Bewerber sinkt. „Der Arbeitsmarkt wandelt sich von einem Angebots- zu einem Nachfragemarkt, auf dem die potentiellen Mitarbeiter die Regeln bestimmen“, sagte der Rewe-Vorstandsvorsitzende Alain Caparros kürzlich auf einer Mittelstandstagung - und sprach damit für die gesamte Wirtschaft. „Personalrekrutierung wird die Herausforderung der Zukunft. Jeder Arbeitgeber muss sich etwas einfallen lassen“, betont der mittelständische Einzelhändler Dieter Hieber aus Lörrach. Allerorten wird über die Erhöhung der Arbeitgeberattraktivität nachgedacht - oder über die verstärkte Rekrutierung ausländischer Mitarbeiter, wie jetzt Bundesforschungsministerin Annette Schavan ein Projekt in Baden-Württemberg auf den Weg gebracht hat. Im deutschen Südwesten ist die Sorge der Unternehmen am größten, an einem Mangel an Mitarbeitern zu scheitern. Dort ist die Arbeitslosigkeit bei gut 4 Prozent. Insgesamt dürfte also die Entwicklung anhalten, dass die Zahl der offenen Stellen jene der gestrichenen überschreitet.

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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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