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Arbeitsmarkt Der Weg zur Vollbeschäftigung ist noch weit

28.08.2008 ·  Heute wird die Bundesagentur wohl bekanntgeben, dass die Zahl der Arbeitslosen noch knapp über drei Millionen liegt - Tendenz fallend. Solche Aussichten lassen Regierungspolitiker die Vollbeschäftigung als Ziel ausrufen. Doch davon ist Deutschland noch ein gutes Stück entfernt.

Von Sven Astheimer
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Kehren die fünf Millionen noch einmal zurück? Es ist keine vier Jahre her, da ließ die Zahl der registrierten Arbeitslosen - dank einer Änderung der Statistik wohlgemerkt - erstmals in der Geschichte jene psychologisch wichtige Marke hinter sich und führte Deutschland sein arbeitsmarktpolitisches Elend drastisch vor Augen. Seitdem ist einiges geschehen. Ein Aufschwung hat das Land erfasst, von dessen Dynamik auch der Arbeitsmarkt profitiert: 40 Millionen Erwerbstätige gab es zuvor noch nie. Und an diesem Donnerstag wird die Bundesagentur für Arbeit wohl bekanntgeben, dass die Zahl der Arbeitslosen jetzt noch knapp über drei Millionen liegt - Tendenz fallend. Solche Aussichten lassen Regierungspolitiker die Vollbeschäftigung als Ziel ausrufen.

Der deutsche Weg dorthin ist allerdings noch weit. Die Arbeitslosenquote müsste sich nahezu halbieren - und dies unter wesentlich schlechteren Rahmenbedingungen als bisher. Bankenkrise, Inflation und der hohe Ölpreis verstärken die Wachstumssorgen, auch wenn noch unklar ist, ob der Aufschwung nur eine kleine oder größere Pause eingelegt oder doch eine Rezession begonnen hat.

Der Arbeitsmarkt reagiert schneller auf Wachstumsimpulse

Nüchtern betrachtet, spricht zumindest einiges dafür, dass der deutsche Arbeitsmarkt die nächste Wirtschaftsflaute besser verkraften könnte als die vorangegangenen. Ein verhaltener Optimismus speist sich aus der veränderten Beziehung zwischen Wachstum und Beschäftigung. Galt lange Zeit ein Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von rund zwei Prozent als Voraussetzung für das Entstehen neuer Arbeitsplätze, so veranschlagen Ökonomen diese Beschäftigungsschwelle heute etwas niedriger, bei einem bis 1,5 Prozent. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hat mit seinem bekannt feinen medialen Gespür sogar schon das Schlagwort vom „abgekoppelten Arbeitsmarkt“ geprägt. Zweifel scheinen hier aber angebracht. Zumindest lässt sich seine Abkopplungsthese erst dann ernsthaft überprüfen, wenn im Saldo neue Jobs entstehen, obwohl die Wirtschaft dauerhaft schrumpft.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex schrumpfte im August den dritten Monat in Folge, ein Zeichen für die trübe Stimmung in den Chefetagen. Auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt werden jetzt erwartet.

Einiges spricht dafür, dass der Arbeitsmarkt heute schneller auf Wachstumsimpulse reagiert; statt ein Jahr hinkt der Beschäftigungsaufbau nur noch rund sechs Monate den Wachstumsimpulsen hinterher. Die Ursache liegt in einer größeren Flexibilität der Beschäftigung. Früher begegneten Arbeitgeber einem steigenden Arbeitsaufkommen vor allem durch Überstunden der Stammbelegschaft. Neueinstellungen wurden wegen des scharfen deutschen Kündigungsschutzes so lange hinausgeschoben, bis das Vertrauen in die Nachhaltigkeit des Aufschwungs groß genug war. Zwar ist der Kündigungsschutz unverändert rigide, doch sind die Fesseln für Zeitarbeit von der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2003 gelockert worden.

Zeitarbeitsunternehmen haben Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen

Laufen die Auftragsbücher nun voll, versprechen Personaldienstleister rasche Abhilfe. Die Zeitarbeitsunternehmen haben in den vergangenen Jahren Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen, und zwar sozialversicherungspflichtige. Deshalb ist es ebenso falsch wie fahrlässig, wenn jetzt Michael Sommer, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, seine Forderung nach einem Konjunkturprogramm mit dem Hinweis untermauert, die Leiharbeiter wären automatisch die ersten Leidtragenden eines Abschwungs. Zeitarbeiter gehen eben nicht direkt zur Arbeitsagentur, wenn ein Einsatz endet. Sie haben einen Arbeitgeber, der sich in der Regel um den nächsten Auftrag kümmert. Dass dies funktioniert, zeigen die Beispiele der ehemaligen Zeitarbeiter von BMW und Nokia, die nach großem Personalabbau heute größtenteils anderswo ihr Geld verdienen.

Schließlich verringert auch die Bevölkerungsentwicklung zunehmend den Druck am Arbeitsmarkt. Drängten in der Vergangenheit jedes Jahr mehr Arbeitskräfte ins Berufsleben, hat sich der Trend nun umgekehrt. Das Angebot nahm in diesem Jahr schon um 70.000 ab. Dies ist erst ein Vorgeschmack auf die kommenden Jahre. Unternehmen haben also mehr Grund als bisher, ihre Fachkräfte im Abschwung zu halten. Schließlich müssen sie fürchten, im Aufschwung nicht genügend Personal zu finden.

Integrations- und Bildungspolitik müssen Antworten finden

Zu hoffen, dass der Arbeitsmarkt damit schon für die Zukunft gewappnet wäre, wäre jedoch ein Trugschluss mit verheerenden Folgen. Mindestens zwei Herausforderungen muss sich die Politik dringend stellen: Erstens ist Arbeit in Deutschland im internationalen Vergleich noch immer zu teuer, was vor allem auf die hohen Lohnnebenkosten zurückzuführen ist. Wird der Abgabenkeil aus Steuern und Sozialbeiträgen kleiner, steigt die Wettbewerbsfähigkeit, und die Beschäftigung erhält neue Impulse. Die Politik darf sich daher nicht damit zufriedengeben, Beiträge auf hohem Niveau einzufrieren - sie muss sie senken.

Zweitens ist es ein gesellschaftspolitischer Skandal, dass jährlich fast 80.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen und die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit ausländischen Wurzeln überdurchschnittlich hoch, das Bildungsniveau dagegen niedrig ist. Finden Integrations- und Bildungspolitik hierauf keine Antworten, droht eine große Gruppe von Menschen den Anschluss am Arbeitsmarkt dauerhaft zu verlieren.

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