22.10.2004 · Schlechte Aussichten für das Hochlohnland Deutschland. Standorte mit wesentlich geringeren Lohnkosten locken die Industrie, Arbeitsplätz dort anzusiedeln. Aber Deutschland ist nicht zur Tatenlosigkeit verdammt.
Durch die Abwanderung von Firmen in Niedriglohnländer droht der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) zufolge jeder vierte Industriearbeitsplatz in Deutschland wegzufallen.
Bis zum Jahr 2015 könnten im schlimmsten Fall zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gehen, hieß es in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie der BCG. Dabei sei der Bevölkerung die Gefahr der Verlagerung von Fertigung ins billigere Ausland noch immer nicht ausreichend bewußt: „Nur eine Minderheit verfolgt die Entwicklung aufmerksam.“
Die Mehrheit erwartet, daß die Abwanderung zunimmt
Als Rezepte gegen den Verlust von Industriearbeitsplätzen schlägt die BCG vor, neue Arbeitszeitmodelle zu verwirklichen und Lohnverzicht zu üben. Außerdem müßten als Ausgleich neue Jobs in Zukunftsbranchen und im Dienstleistungssektor entstehen.
Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach zufolge registrieren zwar 64 Prozent der Deutschen die Abwanderung einer großen Zahl von Unternehmen und erwarten 62 Prozent, daß die Abwanderung zunimmt. Gleichzeitig sehen aber nur 40 Prozent den Standort Deutschland dadurch ernsthaft in Gefahr. „Die überwältigende Mehrheit interessiert dieses zukunftsentscheidende Thema nur begrenzt", erklärte die BCG.
Industriezweige sind unterschiedlich betroffen
Dabei stehe die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland erst am Anfang, sagte BCG-Geschäftsführer Peter Strüven. So hätten sich die Importe aus Osteuropa und Asien binnen sechs Jahren bis 2003 auf sechs Prozent der Industriebeschaffung verdoppelt. Der Umfang und das Tempo der Verlagerung hänge dabei in hohem Maße von den Gesamtkosten und der Verlagerungsfähigkeit des jeweiligen Produktes ab, weshalb einzelne Industriezweige unterschiedlich betroffen seien. Neben Kostenvorteile spielten auch Risikoüberlegungen, die Liefergeschwindigkeit und die Struktur der Zulieferermärkte eine wichtige Rolle.
„Am stärksten von der Verlagerung betroffen sind weitgehend standardisierbare, arbeitsintensive, gut zu transportierende Produkte, bei denen Lieferzeiten und Risiken zu kontrollieren sind", sagte der Mitautor der BCG-Studie, Ralf Spettmann. Dazu zählten etwa Elektrogeräte oder Sofas. Variantenreiche Produkte wie Autositze könnten aber auch künftig wettbewerbsfähig in Deutschland produziert werden, ebenso Lebensmittel oder Medizin. Kühlschränke, Schuhe und Fernseher würden dagegen bald nahezu ausschließlich in Osteuropa oder Asien hergestellt werden.
Innovation, Flexibilisierung und ein Niedriglohnsektor
Nach den Worten Strüvens kostet die Produktion eines Fernsehers in Deutschland rund 251 Euro, in China nur 190 Euro. Die Lohnkosten betrügen in Fernost ein Sechstel, die Kosten für Teile weniger als die Hälfte des deutschen Vergleichswertes. Folglich würden die Apparate zunehmend in Asien gefertigt: „Der Konsumententrend Geiz ist geil verstärkt diese Tendenz.“
Aus Sicht der BCG sind Innovation und die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen die entscheidenden Voraussetzungen dafür, die Abwanderung von Industriearbeitsplätzen aufzuhalten oder zu verlangsamen. Von der Politik müßten zudem der Niedriglohnsektor weiter geöffnet werden und eine Bildungsoffensive gestartet werden. „Die Antwort liegt nicht darin, auf chinesische Lohnniveaus herunter zu gehen", sagte Strüven. An Wochenendarbeit, erfolgsabhängigen Löhnen oder Lohnverzicht führe in einigen Branchen aber kein Weg vorbei.
| Name | Kurs | Prozent |
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