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Arbeiten Spaniens verlorene Generation

24.07.2010 ·  In Spanien sind von den Jugendlichen unter 25 Jahren inzwischen vierzig Prozent ohne Beschäftigung. Man nennt diese verlorene auch die „Ni-Ni-Generation“ - mit schlechter Ausbildung und fragwürdiger Motivation. Die arbeitende ältere Generation muss sie stützen.

Von Leo Wieland
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Spanien ist nicht Griechenland, jedenfalls was den - noch immer - bemerkenswerten sozialen Frieden angeht. Ähnliches gilt für Portugal. Anders als sporadisch in Athen "brennt es" weder in Madrid noch in Lissabon. Anders als in den Pariser Vorstädten werden auf der Iberischen Halbinsel auch in den Vierteln der Einwanderer und sozial Schwachen keine Autos angezündet. Das ist die gute Nachricht aus dem "Club Med".

Was sind nun die Gründe dafür, dass es trotz dreijähriger Wirtschaftskrise und zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit in Spanien sowie schon zehnjähriger zäher Stagnation im Nachbarland bislang nicht zu gewalttätigen Eruptionen und lähmenden Streiks gekommen ist? Die Antwort beginnt damit, dass die iberische Bevölkerung weder besonders weinerlich noch rebellisch ist. Die Mehrheit äußert inzwischen sogar Verständnis für den harten Sparkurs ihrer Regierungen, der sie direkt am Geldbeutel oder in den staatlichen Leistungen trifft.

Außerdem halten die Gewerkschaften, die ihren sozialistischen Regierungen - fast die letzten in der EU - nicht noch zusätzlich das Leben schwermachen wollen, von Nadelstichen abgesehen ziemlich still. Die verkrusteten Organisationen, die im Bild der Öffentlichkeit vor allem die Interessen jener vertreten, die Arbeit haben, und nicht die der Beschäftigungslosen, haben in der Krise noch zusätzlich an Einfluss verloren. Außer bei den Staatsbediensteten ist es ihnen nicht nennenswert gelungen, ihre Anhänger für Ausstände zu mobilisieren. Ob der für den 29. September angesetzte Generalstreik in Spanien - gegen Arbeitsmarktreform, Lohnkürzungen, Erhöhung des Pensionsalters, Rentenreform etc. - für sie ein Erfolg wird, ist mehr als fraglich. In Portugal ist ein vergleichbarer Arbeitskampfversuch gar nicht in Sicht.

Verwöhnt und nicht gefordert

In beiden Ländern stützt inzwischen die arbeitende ältere Generation mit ihren schwer kündbaren Verträgen eine jüngere mit Zeitverträgen oder ganz ohne Arbeitsplatz, mit schlechter Ausbildung oder fragwürdiger Motivation. Das wird besonders eklatant in Spanien sichtbar, wo von den Jugendlichen unter 25 Jahren inzwischen vierzig Prozent ohne Beschäftigung sind. Man nennt diese verlorene auch die "Ni-Ni-Generation", die zu dreißig Prozent aus Schulabbrechern ohne irgendwelche Kenntnisse besteht. Verwöhnt und in den fünfzehn goldenen Jahren des spanischen Wirtschaftswunders auch nicht gefordert, handelt es sich hier um eine halbe Million junger Menschen (14 Prozent aller Erwerbstätigen), die weder eine Arbeit haben noch eine suchen und auch nichts lernen wollen. Im europäischen Vergleich schneiden nur noch Italien, die Slowakei und Großbritannien schlechter ab. Was trägt nun wider alle Schwierigkeiten eine Gesellschaft mit gegenwärtig nur geringen Aussichten auf kräftiges Wirtschaftswachstum und entsprechende Jobangebote?

Hier ist die Antwort die Kombination aus hilfreichen Eltern und einer blühenden Schattenwirtschaft. Die unter fünfunddreißigjährigen Spanier sind, wenn sie daheim jemals auszogen, inzwischen gern wieder zurückkehrt. Im "Hotel Mama" sind Kost und Logis gratis. Der Vater zahlt im Zweifel sogar noch eine Weile die Hypothek für eine Wohnung oder den Kredit für ein Auto, die der Nachwuchs nicht mehr bedienen kann. Regierungschef Zapatero, als er noch Mittel in der Kasse hatte, zahlte nach dem Ende des Arbeitslosengeldes immerhin auch noch eine monatliche Zugabe von gut vierhundert Euro. Das reichte in der Teenagersprache für Bier, Disko und einen Joint, so dass niemand einen regulären Job für fünfhundert Euro suchte, sondern als Milchschäumer oder Pizzaauslieferer sich "schwarz" etwas dazuverdiente.

Die Jugend lacht über „la crisis“

Der spanische Arbeitsminister Corbacho selbst schätzte unlängst den Anteil der Schattenwirtschaft auf ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts. Er wurde für diesen Freimut von seinen Kabinettskollegen gescholten. Seine Hausstatistiker gehen aber eher von einem "schwarzen Viertel" des BIP aus, und im Finanzministerium gibt man ihnen stillschweigend recht. Weil sich die Wertschätzung der politischen Klasse bei den Wählern in Grenzen hält und weil die in alle Parteien reichenden Korruptionsskandale davon künden, dass "die da oben" sich bei jeder Gelegenheit schamlos selbst bedienen, hapert es mit der Steuerehrlichkeit. Ein volles Drittel aller Steuerzahler gibt nach den jüngsten Zahlen an, weniger als 857 Euro im Monat zu verdienen. Das glaubt niemand. Aber mangelnde Kontrollen halten das System porös. Hier ist nur eine gute Nachricht zu notieren, nämlich dass im abgelaufenen Krisenjahr 2009 die Zahl der spanischen Millionäre im Vergleich zum Vorjahr um 12,5 Prozent gestiegen ist. Sie sind nun im Blickfeld.

Anders als im melancholischeren Portugal, das auch noch während der Fußball-Weltmeisterschaft einen Dämpfer bekam, ist in Spanien die vom Sieg gehobene kollektive Stimmung recht gut. Man schimpft oder lacht über "la crisis", konsumiert weiter, so gut es geht, und sucht ansonsten nach privaten Auswegen. Die Hoffnung auf bessere Zeiten scheint jedenfalls in allen Altersklassen ungebrochen.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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