03.08.2009 · Die Caritas will jungen Menschen beim Einstieg ins Berufsleben helfen. Paten aus der freien Wirtschaft geben in ihrem Projekt „Arbeit statt Stütze“ Tipps bei der Lehrstellensuche - und werden dabei immer öfter mit Armut konfrontiert.
Von Philipp Krohn, BruchsalTimo kennt sein Problem. Das Hinterteil müsste er mal hochbekommen. Gerade gestern hat ihm das wieder seine Beraterin in der Arbeitsagentur klargemacht. Etwas überdeutlich vielleicht - aber recht hat sie ja, das weiß der 18 Jahre alte Badener. Timo ist ein lockerer Typ: kurze schwarze Haare, Turnschuhe, dunkler Kapuzenpulli, die Kopfhörer hängen lässig aus dem T-Shirt-Kragen. Dass er weder einen Job noch eine Ausbildungsstelle hat, gefällt ihm gar nicht. Die Mutter bezieht Rente, er will etwas zum Lebensunterhalt beitragen. Deshalb ist er heute zur Caritas gekommen.
Im Dachgeschoss der Bruchsaler Einrichtung haben sich acht Jugendliche eingefunden; ihr Gesichtsausdruck bewegt sich zwischen gelangweilt und neugierig. Caritas-Mitarbeiterin Sina Krauth präsentiert das Projekt „Arbeit statt Stütze“ (AsS). Vor sechs Jahren nahmen einige Paten ihre Arbeit auf. Inzwischen kümmern sich 24 Freiwillige darum, junge Arbeitslose an Betriebe in der Region zu vermitteln. Ein ehemaliger Personalchef von Siemens ist dabei, ein IHK-Mitarbeiter, ein Gaststättenbetreiber. „Es stimmt, die Hälfte der Teilnehmer haben wir vermittelt“, antwortet Krauth auf Timos Frage. Betreut wurden 673 Jugendliche; für 148 haben die Paten direkt eine Arbeitsstelle gefunden, 129 haben eine Ausbildung aufgenommen, 49 ihre Schullaufbahn fortgesetzt.
„Warum haben Sie Ihre Eins in Englisch nicht stärker betont?“
Nach der Einführungsrunde, die einmal im Monat stattfindet, versammeln sich die acht Jugendlichen im Caritas-Keller, wo die Paten schon auf sie warten. „Timo geht mit Frau Krumteich“, ruft eine Projektmitarbeiterin. In einem Zwiegespräch sollen sich Pate und Patenkind kennenlernen. „Wie stellen Sie sich meine Arbeit vor?“, fragt Karin Krumteich ihren neuen Schützling. Timo wünscht sich Kontakte zu einem Unternehmen, das ihn als Lagerlogistiker einstellen würde. Detailliert geht die ehemalige Lehrerin in der Erwachsenenbildung mit ihm seinen Lebenslauf und sein Bewerbungsschreiben durch. „Warum haben Sie Ihre Eins in Englisch in der Bewerbung an John Deere nicht stärker betont?“, fragt sie ihn.
Timo ist kein typischer Fall für AsS: Er hat seinen Hauptschulabschluss immerhin mit einem guten Notenschnitt absolviert. Die abgebrochene Wirtschaftsschule liegt ihm aber auf der Seele. Es kommen allerdings auch viel schwierigere Fälle zur Caritas, berichtet Fachbereichsleiter Martin Kehrhahn. Ursprünglich sei das Projekt mal erdacht worden, als es selbst Schülern mit höheren Abschlüssen nicht gelang, eine Ausbildungsstelle zu finden.
Ausbildungsstellen werden auf dem Silbertablett präsentiert
Nachdem sich die Lage aber in den vergangenen Jahren verbessert hatte, kamen vermehrt die schwächeren Schüler, um das Projekt zu nutzen. „Dadurch sind wir unverhofft immer stärker auch mit Armut konfrontiert worden“, sagt Sozialpädagoge Kehrhahn. Nach und nach merkten die Mitarbeiter, dass ihre Hilfe noch stärker an der Basis ansetzen musste: Seit zwei Jahren bieten mehrere Paten auch eine Bewerberwerkstatt an, immer häufiger stoßen sie an ihre eigenen Grenzen, weil Schuldenberatung, Lebensrisiken und psychische Erkrankungen zum Thema werden. In diesen Fällen aber können sich die Paten dann wieder an die professionellen Hilfsangebote der Caritas wenden und stellen somit den wertvollen Erstkontakt zu Betroffenen her. „Einige streben gerade diese Herausforderung an“, erzählt Kehrhahn, der nicht verheimlicht, dass ihm der Einsatz für die unterste soziale Gruppe besonders am Herzen liegt.
Die Arbeit ist nicht frei von Enttäuschungen. Immer mal wieder servieren die Helfer den Jugendlichen Ausbildungsstellen geradezu auf dem Silbertablett - bevor diese dann unreflektiert darauf verzichten. „Dadurch, dass sie aber selbst aktiv sein müssen, lernen sie, dass wir kein Butlerservice sind“, betont Kehrhahn. Auch Timo hat sich vorgenommen, die Kurve zu kriegen. Die Visitenkarte von Karin Krumteich hat er in der Tasche seiner weiten Jeans verstaut. Er weiß, dass der Kontakt zu ihr seine Chance sein könnte. Er werde sie anrufen, verspricht er.
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