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Arbeit im fernen Osten : In Japan ein Abschied vom Gruppendenken

Skyline von Tokio Bild: Reuters

Der wichtigste japanische Wirtschaftsverband Keidanren bricht mit einer Tradition. Von 2021 an will er den Unternehmen nicht mehr vorschreiben, wann und wie sie neue Mitarbeiter einstellen. Der Korporatismus bröckelt.

          Das Ritual gehört zu den korporatistischen Traditionen in Japan, die das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen zu einer Gruppe in der Gesellschaft stärken. Jedes Jahr am 1. April, den Beginn des neuen Geschäftsjahres, stellen die meisten japanischen Unternehmen massenweise neue Mitarbeiter ein, die gerade die Universität verlassen haben. In Willkommensfeiern begrüßen leitende Manager die Neuen als Teil der Unternehmensfamilie. Der gemeinschaftliche Arbeitsbeginn führt die Studenten jahrgangsweise in das Arbeitsleben und zumindest bei den traditionellen Großunternehmen noch oft in die Geborgenheit einer lebenslangen Anstellung.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Doch die klassischen Einstellungspraktiken kommen mächtig unter Druck. Der wichtigste Unternehmensverband Keidanren hat jetzt beschlossen, dass er von 2021 an keine zeitlichen Richtlinien mehr für die Einstellung von Mitarbeitern setzen werde. „Traditionelle Gepflogenheiten einschließlich der lebenslangen Beschäftigung und der Masseneinstellung von Universitätsabgängern haben sich überholt“, sagte Hiroaki Nakanishi, der Vorsitzende des Keidanren und von Hitachi. Bislang empfiehlt der Verband den Unternehmen informell, im März Job-Messen abzuhalten und erst von Juni an Einstellungsgespräche mit Bewerbern zu führen, die dann im April des kommenden Jahres zum Arbeitsbeginn führen. Die Entscheidung von Keidanren ist ein gewaltiger Bruch mit der Tradition. Seit 1953 hatte der Verband Einstellungsregeln veröffentlicht.

          Die Regeln sind nicht bindend, werden aber von vielen Unternehmen eingehalten. Das starre Zeitgerüst regelt einen Parameter im Wettbewerb um neue Mitarbeiter und macht es den Unternehmen so einfacher. Offiziell begründet wird die Vorgabe auch damit, dass man im letzten Studienjahr die Studenten nicht zu sehr mit der Jobsuche vom Lernen abhalten möchte.

          Aber in den vergangenen Jahren bröckelte das System schon an den Rändern. Ausländische Unternehmen Japan, Internetunternehmen wie Rakuten oder Startups wie der Online-Marktplatz Mercari halten sich oft nicht an die Richtlinien des Keidanren und stellen neue Mitarbeiter nach Bedarf im ganzen Jahr ein. Das kommt einem stärker individualisierten Leben jüngerer Japaner zugute.

          Treibende Kraft des Wandels ist aber vor allem die Knappheit an Personal, die in der alternden und schrumpfenden Gesellschaft zunehmend sichtbar wird. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, die Arbeitslosenquote liegt bei 2,4 Prozent. Auf jedes Stellengesuch kommen rechnerisch mehr als 1,6 offene Stellen. Das Verhältnis ist aus Sicht der Arbeitssuchenden besser als auf der Hochzeit der Börsenblase um 1990. Die schärfere Konkurrenz um Arbeitnehmer bringt die Unternehmen offensichtlich dazu, die Rituale der Masseneinstellungen aufzugeben.

          Ob Japan sich an dieser Stelle wirklich von der korporatistischen Tradition wird lösen können, werden die kommenden Jahre zeigen. Die Regierung plant schon eine Kommission, um mit den Arbeitgebern und den Universitäten über neue Regeln zur Einstellung zu beraten.

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