Aus der Krise ziehen die arabischen Staatsfonds zwei Lehren: Zum einen halten sich die traditionellen Staatsfonds, die als passive und langfristige Investoren agieren, mit neuen Investitionen im Ausland noch einige Monate zurück. Zum anderen spalten sich von ihnen neue Investmentzweige ab, die die Krise nutzen, um mit Übernahmen strategisch interessanter Unternehmen die Diversifizierung der einheimischen Volkswirtschaften voranzutreiben.
Ins Visier nehmen sie Unternehmen aus den Branchen Chemie und Petrochemie, Energie und Transport. Sollte das Emirat Abu Dhabi wirklich an Opel interessiert sein, müsste der Käufer aus dem zweiten Kreis der Investmentvehikel kommen. Auffällig war im vergangenen Jahr, dass 15 Prozent aller Fusionen und Übernahmen in der Ölbranche – und damit so viele wie nie zuvor – bereits von arabischen Staatsfonds oder ihnen nahestehenden Unternehmen getätigt worden sind.
Erhebliche Verluste im Jahr 2008
Dabei verzeichneten sie 2008 erhebliche Verluste. Henry Azzam, der Chef der Deutschen Bank für die Region Nahost in Dubai, schätzt, dass die arabischen Staatsfonds im vergangenen Jahr 450 Milliarden Dollar verloren haben. Das entspricht dem Wert der Ölexporte eines normalen Jahres. Da die Fonds keine Zahlen offenlegen, kursieren lediglich Schätzungen über das Volumen der Fonds und ihrer krisenbedingten Verluste. Durchgesetzt hat sich der Konsens, dass die arabischen Staatsfonds Verluste von 25 bis 30 Prozent verbuchten. Die amerikanische Denkfabrik Council on Foreign Relations taxiert den Wertverlust lediglich auf 8 Prozent.
Demnach würden die arabischen Staatsfonds noch Aktiva von 1200 Milliarden Dollar halten. Überproportional habe die 1976 gegründete Abu Dhabi Investment Authority (Adia) verloren, deren Portfolio nach Schätzung des Souvereign Wealth Fund Instituts im März noch 627 Milliarden Dollar wert war; andere Analysten gehen von größeren Verlusten aus und taxieren die Adia nur noch auf 330 Milliarden Dollar. Größer wäre dann die saudische Zentralbank Sama, die die Auslandsanlagen des Königreichs hält und eine sehr konservative Anlagepolitik betreibt. Nach Angaben des SWI Institute beträgt der Wert des Sama-Portfolios derzeit 430 Milliarden Dollar. Das Portfolio der Kuwait Investment Authority (Kia) wird auf etwas mehr als 200 Milliarden Dollar und das der erst 2005 gegründeten Qatar Investment Authority (Qia) auf 58 Milliarden Dollar geschätzt.
„Wir sollten lange Ferien antreten“
In einer seltenen Stellungnahme sagte jüngst der Chef der Qatar Investment Authority, Hussein al Abdullah, dass er in den kommenden sechs Monaten so gut wie nichts tun werde. „Wir sollten lange Ferien antreten und erst 2010 zurück sein.“ Die einzige „Gelegenheit“ zu investieren sei die „Volatilität“, sagte er. Beginne der Fond wieder zu investieren, werde er sich auf Nahrungsmittel, Energie und Wasser konzentrieren – wegen des Wachstums in China und Indien. In einer Umfrage des Beratungsunternehmens Financial Dynamics International in den Führungsetagen der arabischen Staatsfonds antworteten nur 10 Prozent der Befragten, sie investierten auch unter den gegenwärtigen Bedingungen an den internationalen Aktienmärkten. Als interessanteste Märkte gaben sie Brasilien und China an, auch Nordamerika und Westeuropa.
Die Regierungen von Qatar und Kuweit hatten zu Beginn der Krise angekündigt, ihre Staatsfonds einzusetzen, um die lokalen Börsen zu stützen, Banken zu retten und Infrastrukturprojekte zu finanzieren. Da der sinkende Ölpreis die Budgets unter Druck setzt, greifen die Regierungen auf das Polster der Staatsfonds zurück, die für solche Aktionen aber Teile des Portfolios verkaufen und damit ihre Buchverluste realisieren müssen. Die Lust der Fonds dazu wird zunehmend geringer. Andererseits schossen die Staatsfonds von Abu Dhabi dem benachbarten Emirat Dubai frisches Kapital zu.
Bei Milliardenspritzen für Großbanken viel verloren
Eine der wenigen Maßnahmen, die zwischen den beiden Emiraten bekannt wurden, war die Übernahme der Anteile der beiden Staatsfonds Dubai Aerospace und Istithmar von jeweils 27,6 Prozent an dem weltgrößten Flugzeugwarter SR Technics durch Mubadala. Das 2002 gegründete Staatsunternehmen Mubadala ist ein Beispiel für den neuen Typus eines strategischen Investors, der sich nicht länger mit einem passiven Anteil von weniger als 5 Prozent der Aktien begnügt, sondern im industriepolitischen Interesse des Heimatstaates agiert. Auch stieg Mubadala jüngst mit 8 Prozent beim zweitgrößten Mikroprozessorhersteller AMD ein. Ebenfalls aus Abu Dhabi stammen die International Petroleum Investment Company (IPIC) und ihre Tochtergesellschaft Aabar, die in den letzten Monaten 70 Prozent an Ferrostaal erwarben und 9,1 Prozent der Anteile der Daimler AG.
Viele Milliarden Dollar verloren die Staatsfonds bei ihren Milliardenspritzen für Großbanken, allen voran die Citigroup, Merrill Lynch und Barclays. Dies war auch ein politisches Bekenntnis zum Finanzsystem der westlichen Industriestaaten. Staatsfonds aus Qatar und Abu Dhabi pumpten im vergangenen Oktober 9,7 Milliarden Dollar in Barclays, Abu Dhabi griff in einer für das Emirat untypischen Maßnahme der Citigroup mit einem Schuldeninstrument von 7,5 Milliarden Dollar unter die Arme. Die Anteile haben 90 Prozent an Wert verloren.
Die Abu Dhabi Investment Authority hält mutmaßlich ein breitgestreutes Portfolio an Aktien, Anleihen und Immobilien. Die Kuwait Investment Authority investierte unter anderem in Aktienpakete von Daimler, BP, der Industrial and Commercial Bank of China, Merrill Lynch und Dow Chemical. Die Qatar Investment Authority erwarb Anteile an der London Stock Exchange, Credit Suisse, Lagardère, der Einzelhandelskette Sainsbury und Barclays. Saudi-Arabien indes legte seine Petrodollars über die Sama überwiegend in festverzinslichen Wertpapieren an.