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Anwälte in Frankfurt In der Krise soll guter Rat nicht billig werden

21.04.2009 ·  Der Feldzug begann Anfang der neunziger Jahre. Amerikaner und Briten entdeckten den deutschen Markt der Wirtschaftskanzleien. Sie haben ihn längst, gerade am Finanzplatz Frankfurt, erobert. Die Krise erfordert nun neue Geschäftsmodelle. Topanwälte, die 500 Euro je Stunde berechnen, bangen um ihre Jobs.

Von Helmut Schwan
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Hans-Josef Schneider war am 15. September 2008 in New York, als Lehman Brothers Insolvenz anmeldete. Der Schock im Finanzdistrikt sei mit den Händen greifbar gewesen, erinnert sich der deutsche Managing Partner der internationalen Großkanzlei Clifford Chance. Die Ausläufer dieses Bebens sind auch heute in den Räumen der Kanzlei im Hochhaus IBC an der Mainzer Landstraße noch zu spüren. Die Rezession trifft die Großkanzleien nun, da sie in den zuvor so einträglichen Geschäften der Unternehmens- und Immobilientransaktionen und bei der Gestaltung neuer Finanzprodukte überaus engagiert waren, stärker als die mittelständisch orientierten, auf Deutschland konzentrierten Kanzleien.

Wie sehr freilich der Zusammenbruch der Investmentbank die Krise beschleunigte, wisse heute noch keiner so genau, sagt Schneider. Der Weg werde noch lang sein, das Vertrauen der Kunden zu den Banken und zwischen diesen wiederherzustellen. Aber es gebe die ersten Anzeichen, dass das Räderwerk wieder in Bewegung gerate.

Schneider hat die Erfahrung und die Perspektive, Zeichen zu deuten. 1982, nur drei Jahre nach seinem Eintritt als junger Anwalt, wurde er Partner in der damals schon europaweit agierenden Sozietät Pünder, Volhard und Weber; 17 Jahre später stimmte er mit dafür, sich mit Clifford Chance aus London zusammenzuschließen. Der 58 Jahre alte Anwalt und Notar, promovierter Spezialist für große Immobilienprojekte, hat zu viele Schwankungen der Märkte erlebt, um voreilig Prognosen zu wagen. Dass die Krise diesmal tiefer geht als einige Rezessionen zuvor, daran zweifelt er nicht. Die Gefahr, ganze Geschäftsfelder für eine international operierende Sozietät wie Clifford Chance könnten auf Dauer wegbrechen, sieht er dennoch nicht. Derzeit verlagerten sich die Aufgaben eher, etwa im Segment der Unternehmensbeteiligungen. Während Börsengänge und Unternehmenskäufe in den großen Dimensionen früherer Jahre nahezu völlig ruhten, nutzten Mittelständler diese Phase, relativ günstig einzusteigen.

Verstärkt Suche nach gemeinsamen Lösungen gefragt

Die Volumina solcher Beratungsmandate, das räumt Schneider ein, könnten die Einbußen in dem in den vergangenen Jahren so einträglichen Geschäft der Transaktionen allerdings nicht wettmachen. Aber auch die Krise selbst eröffne neue Möglichkeiten für die juristischen Berater. So nehme zum Beispiel gegenwärtig in Banken und unter Investoren die Bereitschaft zu, bei notleidenden Immobilienprojekten nicht, wie es zu Beginn der Krise gerade in den Vereinigten Staaten geschah, den „Schlüssel zurückzugeben“ und das Geschäft abzuwickeln, sondern gemeinsam nach anderen Lösungen zu suchen.

„Gemeinsam“ bedeutet mit juristischer Expertise. Der Rat und das internationale Netzwerk von Clifford Chance waren auch gefragt, als es galt, die Milliardenlöcher auszuleuchten, die das Engagement am amerikanischen Kreditmarkt in die Bilanzen einiger Landesbanken oder Hypothekenbanken gerissen hatte. An den diversen Rettungsschirmen, die der Staat aufgespannt hat oder noch aufspannen will, arbeitet Clifford Chance gleichfalls mit.

Stundensatz von 500 Euro und mehr beim Honorar

Den in der Branche für einiges Aufsehen sorgenden „Capital Call“ Anfang des Jahres, als die globale Führung von Clifford Chance weltweit rund 400 Partner bat, insgesamt 60 Millionen Pfund aufzubringen, will Schneider nicht so gedeutet wissen, dass ein Liquiditätsengpass bestanden habe. Die Sozietät sei eigenkapitalfinanziert, ohne Bankverbindlichkeiten. Ziel war es laut dem Deutschland-Chef lediglich, Vorsorge zu treffen, um gegen „mögliche Umsatzschwankungen“ gewappnet zu sein. Von dem Stundensatz von 500 Euro und mehr beim Honorar mögen die internationalen Kanzleien vorläufig nicht herunter. Allein schon, um zu zeigen, dass die Qualität der Beratung hochwertig sei.

Allerdings verhandelten die Mandanten nun stärker über das Honorar als noch vor einem Jahr, berichtet der Deutschland-Chef von Clifford Chance. Ungeachtet dessen gelte weiterhin: Die beratenden Teams müssten in Größe und Zusammensetzung zu dem Schwierigkeitsgrad und der Komplexität der Aufgabe passen.

Schneider hält auch nichts davon, in die Geschäftsfelder kleinerer Kanzleien oder der sogenannten Boutiquen vorzustoßen, die sich auf wenige Rechtsgebiete spezialisiert haben. Eher wolle man in wachsenden oder stabilen Märkten präsenter werden: Gerade hat Clifford Chance Büros in Kiew und Abu Dhabi eröffnet.

Rechtsberatung auf diesem Niveau war in Zeiten des Booms auf den Immobilien- und Finanzmärkten weltweit ein Milliardengeschäft, das auf sehr spezifischem Wissen, kompetenten Teams und Vernetzung beruht. Personal macht rund 70 Prozent der Kosten aus. In Deutschland geben sich die internationalen Großkanzleien wie Freshfields und Clifford Chance, letztere allein in Frankfurt mit rund 280 Anwälten vertreten, trotz der zu verzeichnenden Einbußen von teilweise bis zu dreißig Prozent aufgrund einer flexibler „aufgestellten“ Mannschaft zuversichtlich.

100.000 Euro Gehalt - für den Einsteiger

Man werde wohl im Gegensatz zu den Büros in New York oder London betriebsbedingte Kündigungen vermeiden und sogar weiterhin rund 100 Berufsanfänger im Jahr einstellen können, heißt es übereinstimmend. Auch an den Einstiegsgehältern um die 100.000 Euro im Jahr soll nicht gerüttelt werden. Schließlich will man weiterhin die Besten der Besten, um für den demographischen Wandel gerüstet zu sein. Allerdings soll laut Clifford-Partner Schneider diese Phase genutzt werden, um noch intensiver zu besprechen, wer von den „Associates“, den angestellten Anwälten, zum Unternehmen passt und für sich darin Perspektiven entwickeln kann.

Das so rigide anmutende angelsächsische „Up or out“-Prinzip hält Schneider gerade in schwierigeren Zeiten für ein gutes Instrument für beide Seiten. Es bedeutet, entweder schafft ein Anwalt in überschaubarer Zeit den Aufstieg zum Partner oder man trennt sich „im gegenseitigen Einvernehmen“ per Auflösungsvertrag.

Obwohl jährlich rund 8000 bis 10.000 Jungjuristen auf den deutschen Anwaltsmarkt strömen, auf dem sich schon etwa 150.000 Kollegen – rund 17.000 davon allein in Frankfurt – tummeln, müssen sich jene, die nun durch das Raster der Großkanzleien fallen, wohl noch nicht um ihre berufliche Zukunft sorgen. Zwei Prädikatsexamina, zwei Fremdsprachen fließend, Auslandsstudium, oft auch Promotion – das ist mittlerweile fast Standard unter denjenigen, die in einer der weltweit operierenden Kanzleien gearbeitet haben. Was den Wert dieser Juristen für Arbeitgeber jenseits der Kanzleien noch erhöht, ist ihr Arbeitsethos: Sie sind aus der Zeit in den „law firms“ gewohnt, täglich mindestens zwölf Stunden zu arbeiten, wenn nötig auch am Wochenende.

„Faire Konditionen“ = halber Preis

Ob die effizienz- und renditeorientierte Führung der Mitarbeiter in der Krise nicht ebenfalls in Frage gestellt werden müsse, darüber denkt derzeit Robin Fritz verstärkt nach. Er ist geschäftsführender Partner der vor allem auf Mandate in Deutschland ausgerichteten Sozietät Fritze Wicke Seelig Rechtsanwälte & Notare (FPS). Die 1946 gegründete Frankfurter Kanzlei mit Stammsitz an der Eschersheimer Landstraße und Büros in Düsseldorf, Hamburg und neuerdings auch Berlin gehört mit rund 120 Anwälten und Steuerberatern zum Mittelstand der Branche und zu den zehn größten in Deutschland, die nicht Teil einer internationalen Kanzlei sind.

Fritz, der zu Beginn seiner Anwaltstätigkeit in einer großen New Yorker Kanzlei Erfahrungen sammelte, sieht nun in der Krise das Geschäftsmodell von FPS bestätigt: als auf das Handels- und Wirtschaftsrecht ausgerichtete „Full-Service-Kanzlei“ mit Spezialgebieten. Den Mandanten soll ein möglichst breites und kompetentes Angebot an Beratung gemacht werden, sagt Fritz, man sei mit der Region und ihrem Markt vertraut und habe sich durch erfolgreich begleitete Projekte wie etwa am Frankfurter Flughafen und bei der Sanierung der Deutschen Bank einen Namen gemacht.

„Faire Konditionen“, mit denen die Kanzlei wirbt, bedeutet für die Mandanten rund die Hälfte des Stundensatzes der Großkanzleien. Der 53 Jahre alte promovierte Jurist Fritz, der einen Lehrauftrag an der Frankfurter Universität hat, sieht jedoch für seine Branche die Zeit gekommen, mehr Fairness auch nach innen zu üben. Dazu zählt für ihn die „Balance zwischen Arbeit und privatem Leben“ gerade für junge Anwälte. Rund 65.000 Euro zuzüglich Bonus bietet FPS als Einstiegsgehalt. Geld sei aber für die weiter gesuchte Elite des juristischen Nachwuchses inzwischen nicht mehr alles, sagt Fritz. Zu der beruflichen müsse auch die private Perspektive passen. Wo „Verstand und Herz“ am richtigen Platz säßen, das spreche sich unter ihnen herum.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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