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Anthropologe Gunther Hirschfelder „Die Gans macht ein schlechtes Gewissen“

Weihnachten ist vom religiösen Fest zu einem Sozial-Event geworden. Ein Gespräch über den Kulturwandel mit dem Anthropologen Gunther Hirschfelder - auch darüber, was daraus für die Land- und Ernährungswirtschaft folgt, die in der Kritik steht.

© Wresch, Jonas „Jeder glaubt, er sei Experte“:Gunther Hirschfelder, Professor an der Universität Regensburg

Herr Hirschfelder, wir haben uns hier in dieser Gaststätte im Frankfurter Gallusviertel soeben eine Gans bestellt. Derzeit wandelt sich ja die Welt recht schnell, aber wir essen vor Weihnachten immer noch Gans mit Rotkohl. Wieso?

Ich muss Sie enttäuschen. Die Gans ist überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Sie korrespondiert nicht mit den Vorstellungen jüngerer Leute. Die Zubereitung ist schwierig, das dunkle, fettige Fleisch wird gemeinhin als ungesund wahrgenommen. Sie wird im Ganzen serviert, man sieht ihr an, dass sie ein Tier ist. Die Gans macht uns ein schlechtes Gewissen.

Aber es gibt sie doch noch, die Gans zu Weihnachten, oder eben Ente - das ist doch fast anachronistisch, dass wir an einem solchen Fest einen ganzen Tag in der Küche stehen, ein ganzes Tier braten und ganz verwerten, wann gibt es das denn sonst - und: wieso noch immer?

Ja, wann sollte man denn sonst eine Gans machen? Nur noch Weihnachten sind alle wieder zu Hause und können mitessen. Weihnachten ist das Sozial-Event schlechthin geworden. Es ist nicht mehr die Zeit fürs Gebet, sondern ein verbindlicher Termin zur sozialen Interaktion.

Sie erforschen die Kulturgeschichte des Essens. Seit wann essen die Menschen in der Weihnachtszeit derart viel?

Eigentlich war die Adventszeit eine Fastenzeit. Papst Gregor legte das im 7. Jahrhundert fest. Deswegen ist am Heiligabend auch noch ein „Fastenmahl“ als traditionelles Essen geblieben - Kartoffelsalat mit Würstchen. Für viele ist der Heilige Abend aber ein Festmahl geworden. Heute gibt es selbst in der Kantine ständig Gans. Das hätten unsere Großeltern nie geglaubt. Bis in die 1960er Jahre diktierte Mangel den Speiseplan.

Es ist heute also Mittwoch, und wir essen Gans. Wie hat sich denn unsere Weihnachtskultur sonst verändert, abgesehen vom zunehmenden Essen?

Man kann in den letzten Jahren den Wandel von einer christlichen hin zu einer nicht-christlichen Symbolik sehen ...

 ... so wie hier in der Gaststätte „Luftikus“: da hängen Sterne ...

 ...die aussehen wie Schneeflocken! Der Stern von Bethlehem, der den Weg zur Krippe weist, ist zur Schneeflocke geworden. Da sehen wir einen Schneemann, bunte Kugeln. Brüssel verzichtete erstmals auf einen Weihnachtsbaum, um die Muslime nicht zu verärgern.

Haben Muslime oder andere Migranten andererseits Bräuche übernommen?

Auch nichtchristliche Kinder wollen Weihnachtsgeschenke haben. Alles andere ist ihnen schwer vermittelbar. Der Sinngehalt der Bräuche, auch Essensbräuche, geht uns heute verloren. Der eigentliche Sinn war ja, dass Gott uns seinen Sohn schenkt, und deshalb beschenken wir uns. Das ist heute für eine Bevölkerungsmehrheit irrelevant. Heute sind Ökonomie, Industrie, Handel und Werbung zum entscheidenden Movens der Kultur geworden. Sie schaffen die Muster, die von Akteuren erfüllt werden.

Die christliche Weihnachtskultur lässt sich nicht kommerzialisieren - und verliert deshalb an kultureller Prägekraft?

Auch. Es ist den Leuten aber auch einfach peinlich, vom Glauben zu sprechen. Wir können ja beispielsweise heute schon voraussehen, dass 2040 ein Asteroid der Erde so nahe kommen wird, dass er wirklich unsere Existenz bedrohen könnte. Ein reales Szenario, keine Science-Fiction! Dass wir so viel berechnen können, führt dazu, dass wir es intellektuell schwer akzeptieren können, dass es eine Göttlichkeit gibt. Bis vor wenigen Jahrzehnten war zwar das Individuum nicht unbedingt gläubig, aber es hat sich in einem gläubigen Kontext bewegt. Den haben wir verlassen. Wir haben gegenüber diesen Symbolen eine Ratlosigkeit. Wir versuchen die Dinge nicht zu verinnerlichen, sondern zu visualisieren. Das ist unser Weihnachten: Wir dekorieren winterlich.

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