Wir haben uns so sehr an sie gewöhnt: Freiheit ist ein Wort, das durch seine allzu häufige Benutzung in Festreden inzwischen einigermaßen abgenutzt daherkommt. Freiheit gilt in einer "liberalen Gesellschaft" als selbstverständlich. Welch ein Irrtum!
Hirnforscher arbeiten jedenfalls schon seit geraumer Zeit daran, die Freiheit in eine Chimäre zu verwandeln, in reines Wunschdenken, weil alles Wirkliche doch längst in irgendwelchen Hirnsubstanzen materialisiert und entsprechend determiniert sei. Einen Beweis, so der Philosoph Robert Spaemann, für die Unfreiheit des menschlichen Wollens haben die Hirnforscher bisher allerdings noch nicht erbracht. Weil man sich aber auch einen "Freiheitsbeweis" ebenso wenig vorstellen kann, wäre es klug zu fragen, womit man besser leben kann. Freiheit lässt sich nicht beweisen, man muss sich für sie entscheiden.
Dass es klug ist, sich für die Freiheit zu entscheiden, dafür gibt es Gründe. Vor allem einen: Wenn wir nicht von Freiheit ausgingen, wäre niemand für sein Tun verantwortlich, wäre also auch niemand dafür verantwortlich zu machen. Der Mörder nicht für seinen Mord, die Liebenden nicht für ihre Liebe und die Griechen nicht für ihre Staatsschulden. Alle können sich schön herausreden. Haftung und Verantwortung, Grundvoraussetzung jeglichen menschlichen Zusammenlebens, aber auch Fundament einer sozialen Marktwirtschaft, kann man nur verlangen in einer Welt, in der es Freiheit gibt. Entscheidungen, Akte des Wollens also, die dem Handeln Urheberschaft zuweisen, ergeben in einer Welt des Determinismus keinen Sinn.
Doch auch wer sich für Freiheit entschieden hat, ist damit noch nicht am Ziel. Im Gegenteil: Dann fängt der Streit erst an. "Freiheit", sagt der Frankfurter Philosoph Axel Honneth, ein Habermas-Schüler, sei "einer der am stärksten umkämpften Begriffe der gesellschaftlichen Moderne", gerade weil es keiner sonst mit ihm aufnehmen kann, weil es aber auch kein anderer zu solch philosophischer Vormachtstellung gebracht hat.
Freiheit ist nicht Laisser-faire
Was also ist Freiheit? Freiheit ist eben Freiheit. Doch wo bleibt das Positive? Da lässt die Freiheit die Menschen allein. "You have to catch it yourself", antwortete Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten: "Das müsst ihr schon selbst wissen." Andernfalls wäre die Freiheit ja nicht die Freiheit, sondern erziehende Eltern, die dem Kind sagen, wo es langzugehen hat. Freiheit ist eben schwer auszuhalten? Die Menschen, insbesondere die Menschen in Deutschland, setzten in den Listen ihrer Wertevorlieben denn auch die Gleichheit und Brüderlichkeit allemal höher an als die scheinbar selbstverständliche, aber unkonkrete Freiheit. Von einem "unreflektierten Antiliberalismus" der Deutschen sprach schon der erste Bundespräsident Theodor Heuss. Joachim Gauck weiß, in welchem Land wir leben.
Der englische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill nennt in seiner Grundsatzschrift "On Liberty" (1859) die Freiheit den "ersten und stärksten Wunsch der menschlichen Natur". Freiheit ist für Mill jene scharfe Grenzziehung, die es (jedermann, auch und vor allem dem Staat oder der herrschenden "Tyrannei der Mehrheit" in einer Demokratie) verbietet, sich in die Entscheidungen und Handlungen der Bürger einzumischen und ihnen Vorgaben zu machen. Freiheit ist das Recht und die Möglichkeit, zu tun und zu lassen, was jemand will. Mill fügt sogleich hinzu, dass dieses Recht nur und allein dann eingeschränkt werden dürfe, wenn die Freiheit des einen den anderen schädige: Denn die Freiheit des Wolfes führe eben auch oftmals zum Tod des Schafes. Freiheit ist nicht Laisser-faire.
Das "Negative" der Freiheit, die gerade nicht "positiv" vorgibt, was zu tun und zu lassen ist, hat immer schon Anlass zu Missverständnissen gegeben. Was ist das für eine Freiheit, die allen Menschen erlaubt, vor dem Kölner Dom zu betteln, so heißt der polemische Einwurf, der an das Diktum von Anatole France erinnert, die Gleichheit vor dem Gesetz verbiete es Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen.
Wer Freiheit als Egozentrik der Reichen desavouiert, verrät, was er davon hält: nichts. Das Negative der Freiheit ist gerade ihr Positives. Der englische Historiker Quentin Skinner erweitert die klassisch liberale Definition, wonach negative Freiheit die Abwesenheit von Hindernissen sei, um den Zusatz, sie müsse vor allem "Abwesenheit von Abhängigkeit" sein. Ein freier Mann ist eben kein Knecht, er ist mündig. Ein "Freeman", so Skinner, ist sein eigener Herr, "niemandem sonst verpflichtet, jemand, der auf Augenhöhe ist, der gleichberechtigt argumentieren und verhandeln kann, ohne jemals die Notwendigkeit zu verspüren, den Hut zu ziehen oder das Knie zu beugen. Demzufolge schreibt man freien Menschen jene Achtung - und Selbstachtung - zu, die daraus resultiert, als jemand zu gelten, der ein offenes Wort führt und unparteiisch einzig danach handelt, was ihm Vernunft und Gewissen diktieren."
Frei zu sein ist anstrengend
Freiheit verkörpert das Ideal bürgerlich-erwachsener Tugend. Wir haben die Fähigkeit, uns selbst zu bestimmen und selbstbestimmt zu handeln. Wer die Fähigkeit zur Selbstbestimmung hat, weiß um die Gefahr der Fremdbestimmung nicht nur durch äußere Autoritäten, sondern auch durch eigene Triebe und Begierden. Wer autonom handelt, ist sich gleichwohl der inneren Widersprüchlichkeit bewusst, weiß auch, dass er seinen Leidenschaften unterliegen kann, kennt aber zugleich seine Chance, sich selbst die Gesetze seines Handelns zu geben und ihnen gemäß tätig zu werden. Freiheit ist der bleibende Anspruch, sein eigener Autor und sein Subjekt zu sein trotz aller emotionalen Unruhe und irrationalen Selbstwidersprüchlichkeit. Es ist der Sieg meines Willens über die Begierden. Es ist die Überzeugung, dass das eigene Leben mehr ist als die passive Erfahrung dessen, was einer Person zustößt und wovon sie wehrlos überwältigt wird.
Der Markt bietet (überraschenderweise darin der Liebe verwandt) die Chance zur Ausübung der menschlichen Freiheit und verlangt zugleich ihre freie Beschränkung (Axel Honneth). Denn gefordert ist wechselseitige Anerkennung der am Tausch beteiligten Subjekte: Sie müssen sich als frei anerkennen (der Handel kann, muss aber nicht zustande kommen), sich aber auch kooperativ aufeinander beziehen. Im Gegenüber nehmen sie denjenigen wahr, der durch Angebot oder Nachfrage die Befriedigung ihrer Bedürfnisse gewährleistet. Der Markt ist Freiheit und zugleich Nötigung zur Interaktion, die von den Teilnehmern Kooperation verlangt.
Frei zu sein ist anstrengend. Kein Wunder, dass die Freiheitszumutung von vielen als Überforderung erfahren und, wo immer möglich, gemieden wird.
„Zwei feindliche Leidenschaften“
Das Freiheitspathos trifft auf die Ambivalenz der menschlichen Natur, die nicht weiß, ob sie der Freiheit gewachsen ist. Diesen Zwiespalt hat schon Alexis de Tocqueville bemerkt: Durch "zwei feindliche Leidenschaften" würden die Zeitgenossen im Innersten bedrängt. "Sie haben das Bedürfnis, geführt zu werden, und das Verlangen, frei zu bleiben. Da sie weder den einen noch den anderen dieser entgegengesetzten Triebe ausrotten können, trachten sie, beide zu gleicher Zeit zu befriedigen." Genau in jener Ambivalenz liegt für Tocqueville der Antrieb zur Erfindung der Demokratie. Sie ermöglicht es den Menschen, den Paternalismus des Staates als aus ihrem eigenen Willen entsprungen zu deuten. Die Bürger haben jene, die sie bevormunden, selbst dazu ermächtigt.
Die demokratische Illusion dieser Selbstwahl wird freilich von den Herrschenden gnadenlos ausgenützt, meint Tocqueville: als Legitimation der Despotie. Sie, die demokratischen Herrscher, nehmen sich gerne das Mandat ihrer Wähler, verstehen sich zwar nicht wie früher als Tyrannen (sie sind ja Demokraten), gebärden sich jetzt aber als "Vormünder" ihrer Bürger, quasi die demokratische Spielart der Tyrannis.
Diese Entmündigung verursacht hohe Kosten. Will der Staat die Bürger entlasten und ihnen ihre Freiheit abnehmen, so braucht er dafür Geld. Dabei kann der Staat immer nur ausgeben, was er vorher eingenommen hat (Steuern und Abgaben) oder was er später einnehmen wird und vorher mit Schulden finanziert hat. So wachsen nicht nur die Staatsausgaben und die Steuern der Wohlfahrtsstaaten seit eineinhalb Jahrhunderten. Es wachsen auch die Staatsschulden. Irgendwoher muss das viele Geld kommen, das die Fürsorge und der Wohlstand der Bürger die Bürger kostet. Und je mehr die Staaten ihren Bürgern bindend versprechen, umso mehr schrumpft paradoxerweise auch der Spielraum demokratischer Staatsgestaltung.
Demokratische Staaten wiegen ihre Bürger in der Illusion, jeder könne alles und immer noch mehr bekommen und (kaum) einer müsse dafür zahlen. Unzählige An-spruchsgruppen greifen auf eine gemeinsame, aber knappe fiskalische Ressource zu. Wie auf der Allmende, der Gemeindewiese, kommt es auch im Wohlfahrtsstaat zu Übernutzung. Die Quellen der Einzahlung und die Mündungen der Auszahlungen sind weit voneinander entfernt. Kommunen und Länder holen sich das Geld beim Bund. Der Osten holt es sich im Westen. Das Saarland und die Stadt Berlin lassen sich ihren Finanzbedarf in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg auszahlen. Und die Griechen und Portugiesen zechen auf Kosten Brüssels, will sagen auf Kosten der Deutschen und der Franzosen, die die Strukturfonds auffüllen, wenn sie leer geworden sind.
Das ist kein Unfall, sondern systemisch bedingt. Die Staaten verstehen sich als Agenturen der Umverteilung. Nicht Ausgabenpartys um der Wählerstimmenmaximierung willen würden die Herrschenden ihr Geschäft nennen, sondern Umverteilung um der Gleichheit und der Gerechtigkeit willen.
Mit den Stichworten Gleichheit und Gerechtigkeit haben sie treffsicher den Nerv ihrer Bürger erwischt. "Niemand soll aufgrund von Dingen, die er nicht kann, schlechter gestellt werden als andere." So ungefähr heißt der kategorische Imperativ der Gleichheit. Wer so redet (und es sind die meisten), verstehe sich als Egalitarist. Egalitaristische Theorien bestimmen das einem jeden Zustehende relational oder komparativ, also stets mit Blick auf andere.
Das schiefe Bild vom gebackenen Kuchen
Für Egalitaristen versteht Gleichheit sich von selbst. Sie ist Ausweis der Gerechtigkeit. Nicht die Gleichheit, sondern die Ungleichheit muss begründet werden. Um dies zu beweisen, haben die Egalitaristen stets eine schlagende (auf Isaiah Berlin zurückgehende) Geschichte parat, und die geht so: Eine Mutter will einen Kuchen unter ihren Kindern verteilen. Angenommen, alle Kinder wollen ein möglichst großes Stück. Wie soll die Mutter den Kuchen verteilen? Wenn keines der Kinder einen überzeugenden Grund dafür nennen kann, warum es ein größeres Stück als die anderen bekommen soll, dann müsse der Kuchen in gleich große Stücke geteilt werden, sagt diese Geschichte. Gleichverteilung, soll man aus diesem Beispiel schließen, hat Vorrang. Ungleichheit ist eine Ausnahme, die der Begründung bedarf.
Man sollte nicht zu rasch vor diesem Beispiel kapitulieren. Denn so verführerisch es auf den ersten Blick scheint, so sehr gerät beim zweiten Nachdenken alles ins Rutschen. Es fängt schon mit der Geschichte selbst an. Würden nicht in der Realität alle Kinder stets überzeugende Gründe vorbringen, warum gerade ihnen ein besonders großes Stück des Kuchens zusteht? Der Älteste würde argumentieren, sein Kalorienbedarf sei schließlich größer als jener der jüngsten Schwester. Die Jüngste könnte gerade umgekehrt argumentieren und auf Nachholbedarf plädieren. Und die Mittlere würde die Argumentationsebene wechseln und daran erinnern, sie habe der Mutter beim Backen geholfen, was, weil die anderen sich gedrückt haben, selbstverständlich den Anspruch auf ein großes Stück begründe.
Bei weiterem Nachdenken fällt auf, wie schief das Bild insgesamt konstruiert ist. Die "Mutter" mit ihrem Gleichheitskuchen setzt nämlich jene paternalistische Umverteilungswelt schon voraus, die ihre Geschichte erst begründen will. Die paradiesische Urszene dieser Welt ist von Anfang an als zu verteilender Kuchen erzählt. Der Kuchen ist schon gebacken und muss nur noch verteilt werden. Ein Schlaraffenland (die Welt der Mütter!), wo wie durch ein Wunder immer wieder ein neuer Kuchen da ist, wenn der alte gegessen ist. Egalitaristen begründen die Welt als Verteilungs-, nicht als Freiheitsthema. Die Zutaten zum Kuchen gibt es frei Haus. Wie aus dem Nichts oder wie aus dem Märchen erscheint die gute Mutter mit ihrem Kuchen. "Wir sind nicht in der Lage von Kindern, denen jemand Kuchenstücke austeilt und in letzter Minute schlecht geschnittene Stücke berichtigt", sagt Robert Nozick, dem wir eine brillante Theorie der Freiheit und des Staates verdanken.
Je größer die Umverteilung, umso kleiner das Volumen der Umverteilung
Alles sähe anders aus, würde man den Kuchen nicht schon in einer Welt des Schlaraffenlandes als fertig voraussetzen, sondern annehmen, dass er erst in einer Welt der Knappheit gebacken werden muss. Denn einiges spricht dafür, dass die Annahmen über die Verteilung Auswirkungen auf den Prozess der Herstellung haben. Wenn wir an alle das gleiche Stück vom Kuchen verteilen, dann bekommen wir nur einen sehr kleinen Kuchen. Und alle verlieren viel Wohlfahrt. Am Ende wird das Wohlfahrtsniveau womöglich sogar bei allen geringer ausfallen als bei ungleicher Verteilung - und alle stünden schlechter da.
Wie kann das kommen? Zwei Effekte würden sich im Vorhinein bereits auswirken: Wenn, wie in der realen Welt üblich, nicht alle das Gleiche zur Herstellung des Kuchens beitragen (wäre es so, hätten wir gar kein Verteilungs- und Gleichheitsproblem), müssten die einen erwarten, dass sie hinterher weniger erhalten, als sie eingebracht haben, bei den anderen wäre es umgekehrt. Diese Erwartung würde bei beiden Gruppen die Arbeitsanreize verändern. Die "Reichen" würden sich etwas weniger anstrengen: Denn je mehr sie sich anstrengen, umso mehr würde ihnen genommen.
Bei den "Armen" wäre es nicht anders: Denn sie hoffen ja darauf, dass ihnen die Differenz kompensiert wird. Daraus folgt die Regel: Je größer die Umverteilung, umso kleiner das Volumen der Umverteilung. Im schlimmsten Fall würden die Reichen mehr Energie und Kraft dafür aufwenden, die Umverteilung zu unterlaufen, anstatt sich in ihrer eigentlichen Arbeit anzustrengen.
Okuns „löchriger Eimer“
Noch etwas kommt hinzu: Die Verteilung selbst ist mit Kosten der Transaktion verbunden. Dazu muss man sich ein bisschen von der häuslichen Kaffeesituation lösen. In einer größeren Welt braucht es eine Art Administration, die die Verteilung übernimmt. Klassischerweise nennen wir das Steuer- und Sozialsystem. Der Ökonom Arthur Okun sah einen leaky bucket, einen "löchrigen Eimer", in dem das Geld von Reich zu Arm transportiert wird und immer weniger wird.
Die Illusion der Egalitaristen besteht darin, dass sie meinen, man brauche den Kuchen nur zu verteilen, und nicht berücksichtigen, dass die Herstellung Auswirkungen auf die Verteilung hat und die Verteilung selbst mit Kosten verbunden ist. Das ist wohlgemerkt noch kein Argument gegen Umverteilung. Es ist nur ein Argument gegen die Naivität der Umverteiler, die meinen, auf die Debatte des Widerspruchs (Trade-off) zwischen Effizienz und Gleichheit - die eigentliche Gerechtigkeitsdebatte - verzichten zu können.
Es geht den Egalitaristen um die allseitige Entschädigung für unverdientes Pech: Weniger angeborene Talente, schlechte Eltern oder eine unangenehme Persönlichkeit zu besitzen, unter Unfällen oder Krankheiten zu leiden, das alles muss, weil nicht selbst verschuldet, eingeebnet werden. Doch abgesehen davon, welch tiefer Eingriff in die Privatsphäre damit verbunden ist, setzen diese Prinzipien nicht nur eine Norm der Gleichheit voraus, sondern auch ein Wissen um den Normalfall, von dem her Abweichungen bestimmt werden können. Hier kommt abschätziges Mitleid zum Ausdruck mit denen, die der Staat als minderwertig brandmarkt. Zugleich wird der Neid sanktioniert als die Basis für Güterumverteilung von den Glücklichen zu den Glücklosen. "Solche Prinzipien stigmatisieren die Glücklosen, erweisen aber auch den Glücklichen keine Achtung, weil sie ihnen nicht erklären können, warum sie der Neid anderer überhaupt zu irgendetwas verpflichten müsste", schreibt die Philosophin Elizabeth Anderson.
Jede Egalisierung ist Ausgangspunkt neuer Ungleichheiten
Der fundamentale Irrtum des Egalitarismus liegt nach einem provokanten Ausspruch Harry G. Frankfurts in der Annahme, es sei moralisch entscheidend, ob eine Person weniger als eine andere hat, unabhängig davon, wie viel jeder der beiden hat. Ohnehin ist die Annahme, Gleichheit lasse sich herstellen, indem man (unverschuldete) Ungleichheiten korrigiere, eine Illusion: Denn jede Egalisierung ist Ausgangspunkt und Quelle neuer Ungleichheiten. Gäbe man verschiedenen Menschen die gleiche Menge Geld, so würden die Vorsichtigen daraus einen größeren Gewinn ziehen als die Unvorsichtigen und Verschwenderischen. Vielleicht kommt es aber auch ganz anders? Dann hätten die Risikofreudigen den größten Vorteil der Egalisierungsaktion. Da die Individuen unterschiedliche Talente, Ziele, soziale Identitäten und Lebensumstände haben, bleibt das Ziel der Egalisierung stets eine sinnlose Sisyphosarbeit. Immer müssen die Egalisierer nacharbeiten. Denn es sind ungleiche Menschen, die Unterschiedliches aus ihren Talenten machen und denen das Schicksal unterschiedlich hold ist.
Nicht jedem das Gleiche, sondern jedem das Seine heißt deshalb der Wahlspruch derer, für die die Freiheit vor der Gleichheit rangiert. Wer Gleichheit herstellen will, das wusste schon David Hume, kriegt am Ende nicht nur mehr Ungleichheit: Er landet auch in der Armut.
Eine von der Freiheit her entworfene Theorie der Gerechtigkeit verlangt von den Menschen, dass sie Ungleichheiten aushalten, sie diese weniger als demotivierend, sondern als anspornend erfahren. Das ist nicht leicht, weil Menschen nicht nur stark, sondern auch schwach sind und es unmenschlich wäre, dies nicht zu berücksichtigen. Als Preis für diese Leistung verspricht die Freiheit vor allem die Erfahrung der Lust an der Freiheit selbst: Stolz, Lebensmut und Antrieb stärken das Individuum und bauen darauf, dass Selbstbestimmung, welche die Freiheit voraussetzen muss, sich auch lohnt. Zugleich, aber erst an zweiter Stelle, wird die Theorie der Freiheit insistieren, dass ihr Gerechtigkeitskonzept, weil effizienter, auch mehr Wohlstand für alle (also auch für die Ärmeren) schafft. Und sie wird die Freunde der Verteilung warnen, dass die Realität längst den Neid zum Herrscher einer auf den Hund gekommenen Idee von Gerechtigkeit hat verkommen lassen.
"Für mich ist der Wert der Freiheit von allergrößter Bedeutung - und das sieht man im linken Spektrum zuweilen doch ganz anders."
"Wir tun einem Menschen keinen Gefallen, wenn wir ihm die Anstrengungen ersparen."
"Jeder sollte sich fragen, ob wir den Mut immer ausrichten für die Freiheit."
"Wir stellen uns nicht gern die Frage, ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen."
"Wir rufen: Vater Staat, sei väterlich! Da läuft man Gefahr, in den Status des Kindes herabzusinken."
"Die Freude an der Freiheit hat sich in Furcht vor der Freiheit verwandelt."
"Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten."
Theorie mit Praxisdefiziten
Rainer Egold (Humanitas)
- 04.03.2012, 13:25 Uhr
Ich bin mal so frei
Harry Haller (haller100)
- 03.03.2012, 22:05 Uhr
Erstklassiger Artikel!
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Rainer Hank, Ein Hoch auf die Freiheit
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