02.01.2006 · Annette S. kennt die Untergrenze genau: "Das absolute Minimum für Lebensmittel sind 200 Euro im Monat", sagt die alleinerziehende Mutter dreier Töchter. Daß sie ihre Kinder nicht so fördern kann, wie sie es erlebt hat, bedrückt sie am meisten.
Annette S. kennt die Untergrenze genau: "Das absolute Minimum für Lebensmittel sind 200 Euro im Monat", sagt die alleinerziehende Mutter dreier Töchter im Alter von 15, 13 und 10 Jahren. "Darunter geht es nicht." Annette S., Ende 30, die seit sechs Jahren ihre Kinder allein erzieht, meint aber auch: "Es kommt zum Glück vielleicht ein- oder zweimal im Jahr vor", wenn sie vor dem letzten Wochende im Monat nur noch drei Euro im Portemonnaie hat und sich darüber den Kopf zerbricht, bei wem sie ein paar Euro leihen soll, um die Kinder satt zu bekommen.
Annette S. ist Musikerin, hat jahrelang im Orchester gespielt, bis es geschlossen wurde. Jetzt arbeitet sie freiberuflich. Finanziell sieht das im Monat so aus: Sie bekommt 462 Euro Kindergeld, 450 Euro vom Vater, der ebenfalls Musiker ist und zur Zeit - "Gott sei Dank!" - eine feste Anstellung hat, und 250 Euro Wohngeld. Sie selbst spielt mit ihren Auftritten und als Mitglied verschiedener Ensembles im Durchschnitt 500 Euro monatlich ein - allerdings in sehr unregelmäßigen Abständen. Sie könnte mehr machen, auf Tournee gehen, doch sie hat eben drei Kinder, die nicht immer wieder allein sein sollen.
Lernen, um viel Geld zu verdienen
Annette S. ist im Grunde ganz zufrieden: "Diese Mitleidsnummer, nur weil wir wenig Geld haben, kann ich nicht leiden", sagt sie. Die Kinder sind gut in der Schule und vor allem alle begeisterte Musiker. Besser gesagt: Sie wären es, sagt die Mutter, wenn sie richtig gefördert würden. Alle drei würden gern Klavier spielen, "aber das ist einfach nicht drin". Daß sie ihre Kinder nicht so fördern kann, wie sie es erlebt hat - Annette S. hat noch in der DDR Musik studiert -, bedrückt sie am meisten. "Und natürlich, daß es zu Hause oft Streit gibt, weil das Geld so knapp ist." Urlaub? Das geht beim besten Willen nicht, ebensowenig Theater- oder Konzertbesuche.
Die Töchter wissen längst, daß es reiche und arme Leute gibt. Die Älteste hat das Leben auf der Schwelle zur Armut satt. Musikerin will sie bei allem Respekt für die Mutter nicht werden. "Ich will etwas lernen", zitiert sie Annette S., "womit ich wenigstens die Chance habe, viel Geld zu verdienen."
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