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Kampagnenindustrie : Deutsche Angsthasen

Angst und Sorge: Glyphosat soll krebserregend sein.

Und auch manche Aktivisten sind Profis. Als in der vergangenen Woche vor dem Eingang in ein Konferenzgebäude Aktivisten des BUND in Berlin Agrarminister Christian Schmidt (CSU) mit Transparenten empfangen wollten, auf denen „Glyphosat“ mit einem Totenkopf anstelle des „o“ geschrieben stand, fragte sie ein Teilnehmer, ob sie für diese Arbeit immer noch so schlecht bezahlt würden wie er früher – 50 Euro am Tag. Nein, sie bekämen mittlerweile mehr, antwortete einer der Studenten etwas naiv. Der Protest ist in Teilen eingekauft.

Das wurde im vergangenen Jahr öffentlich, als bekannt wurde, dass die Welthungerhilfe in München (unter 40.000 Bürgern) auch fünf bezahlte Schauspieler gegen den G-7-Gipfel protestieren ließ. Deren Gesichter waren totenkopfähnlich geschminkt, die Leute trugen Sensen und schwarze Kutten. Eine Zeitung berichtete, dass es Schauspieler seien und sie zusammen 3000 Euro als Gage erhalten hätten. Das Kalkül ist nachvollziehbar: Bilder solcher bunten Inszenierungen gelangen wahrscheinlicher ins Fernsehen und in die Zeitungen. Erst werden so Stimmungen angeheizt, und dann wird von der Politik gefordert, den „Bürgerwillen“ umzusetzen, der allerdings teilweise erst ein Resultat der Kampagnen ist.

Mit dem Argument, dass es Rückstände gebe und Gesundheitsrisiken nicht letztgültig ausgeschlossen seien, ließe sich vieles verbieten: Wurst und Fleisch, Autos und Arzneimittel, Kerosin und die Pille, deren Hormone im Leitungswasser zu finden sind, und so weiter. „Es gibt eine Vielzahl von Risikoquellen, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Letztendlich können wir nicht umhin, eine Auswahl zu treffen“, sagte der Psychologe Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Medien und grüne Organisationen haben seit dem Atomausstieg eine Präferenz für Risikoängste, die Landwirtschaft betreffen. Auch das zeigte die Studie von „Rheingold“ – so ist letztlich auch die mittlerweile starke Ablehnung des Handelsabkommens TTIP in Ängsten vor Importen von Billighähnchen oder Hormonfleisch begründet.

Fruchtbarer Boden in Deutschland?

Fallen solche Kampagnen in Deutschland auf besonders fruchtbaren Boden? Die Geistesgeschichte, die Natur romantisch überhöht, ist spezifisch deutsch und mag erklären, dass Deutschland ziemlich allein und am konsequentesten aus der Atomkraft aussteigt oder dass es in den achtziger Jahren nur in Deutschland eine apokalyptische Angst vor dem „Waldsterben“ gab, das nie eintrat. „Diese Hysterie ist ein echter Standortnachteil“, meint Walter Krämer, Statistikprofessor in Dortmund. Andererseits lehnt eine Reihe der EU-Staaten Glyphosat ab, wofür es ja viele Gründe gibt.

Auch in Teilen Amerikas wächst die Abneigung gegen genveränderte Pflanzen. Ein gewisser Pessimismus, eine gewisse Scheu vor dem Risiko, mag als Kehrseite auch eine Eigenschaft haben, die maßgeblich ist für den Wohlstand der Deutschen: dass sie mehr an morgen und übermorgen denken als andere, dass sie so viel Geld sparen. Dann ist mehr da, um zu investieren – so wie beim Bayer-Konzern, der jetzt ironischerweise ausgerechnet Monsanto kaufen möchte. Und wenn man aus China hört, dass dort mittels der neuen Gentechnik „Crispr/Cas“ kinderleicht und ungehemmt das Genom von Tieren und Menschen optimiert wird, mag der diffuse Pessimismus, der zur Vorsicht führt, auch Berechtigung haben.

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