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Kanzlerin eröffnet IAA : Merkel rüffelt die Automanager

  • Aktualisiert am

Angela Merkel bei ihrer Rede auf der IAA in Frankfurt Bild: STEINBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Zum Beginn der IAA müssen sich die Automanager Kritik der Kanzlerin anhören. Die Branche hätte im Abgasskandal „Regelungslücken exzessiv ausgenutzt“, kritisierte Angela Merkel. Die Regierungschefin wandte sich allerdings auch gegen eine Verdammung der Dieseltechnologie.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die deutsche Autoindustrie aufgefordert, das durch den Abgas-Skandal zerstörte Vertrauen wieder aufzubauen. Unternehmen der Branche hätten „Regelungslücken exzessiv ausgenutzt“, sagte sie bei der Eröffnung der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA am Donnerstag in Frankfurt. Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren war in den Vereinigten Staaten bekannt geworden, dass Volkswagen die Abgasreinigung von Millionen Dieselmotoren weltweit manipuliert hat. Das war der Ausgangspunkt des größten Betrugsskandals in der Geschichte der Branche. „Sie haben sich damit nicht nur selbst Schaden zugefügt, sondern vor allem auch Verbraucher und Behörden getäuscht und enttäuscht“, sagte die Kanzlerin in ihrer Eröffnungsrede.

          Auch wenn dies nur eine Minderheit der Branche betreffe, müsse diese „alles daran setzen, Glaubwürdigkeit und Vertrauen so schnell wie möglich zurückzugewinnen“. Doch auch andere Hersteller nutzten gesetzliche Regelunglücken in der EU nach den Worten Merkels exzessiv, um die Abgasreinigung von Dieselautos zu drosseln. „Auch wenn es nur einige Unternehmen betrifft, ist doch viel Vertrauen zerstört worden“, sagte sie. Nun müssten sich neben den deutschen auch die ausländischen Hersteller daran beteiligen, durch die Nachrüstung von Dieselmotoren die Luft sauberer zu machen.

          Automesse IAA : Merkel: „Autoindustrie muss Vertrauen so schnell wie möglich zurückgewinnen“

          Schärfere Bewertungen der Abgasmanipulationen, die sie im laufenden Bundestagswahlkampf unter anderem auch als „Betrug“ verurteilt hatte, wiederholte die Kanzlerin in ihrer Rede nicht.

          Die Regierungschefin wandte sich gegen eine Verdammung der Dieseltechnologie. „Es geht kein Weg daran vorbei, dass wir auf Jahrzehnte noch Verbrennungsmotoren brauchen und gleichzeitig in neue Antriebstechnologie investieren„, sagte Merkel. Das laute Nachdenken über ein Ende von Verbrennungsmotoren in China müsse die deutschen Exporteure allerdings aufhorchen lassen.

           „Da brauchen wir noch eine kleine Küche drin und so, aber das kommt dann schon“: Angela Merkel, als sie sich am Audi-Stand das Modell der selbstfahrenden Luxuslimousine „Aicon“ erklären lässt.
          „Da brauchen wir noch eine kleine Küche drin und so, aber das kommt dann schon“: Angela Merkel, als sie sich am Audi-Stand das Modell der selbstfahrenden Luxuslimousine „Aicon“ erklären lässt. : Bild: BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

          Die Kanzlerin hob die große Bedeutung der Schlüsselindustrie für Beschäftigung und Wachstum hervor. „Wir wissen, was unser Land an Ihrer Branche hat.“ Um drohende Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in Städten wegen zu hoher Schadstoffwerte zu vermeiden, müssten Verbrennungsmotoren sauberer werden. Zugleich seien Investitionen in neue Antriebe notwendig. „Bereiten Sie die Menschen auch mental aufs autonome Fahren vor“, sagte die Kanzlerin. Dass bei Elektro- und Hybridantrieben weltweit etwa jedes dritte Patent aus Deutschland stamme, lasse auf wachsende Marktanteile hiesiger Hersteller hoffen. Merkel verwies auf das Spannungsfeld, sowohl das Klimagas CO2 als auch Stickoxide (NOx) zu reduzieren. „Ein Entweder-oder hilft hier gar nichts. Beides muss möglich werden.“

          Zuvor hatte der Präsident des Automobilverbands VDA, Matthias Wissmann, „gravierende Fehler“ einzelner Autokonzerne eingeräumt. Diese Fehler hätten nicht passieren dürfen. Die Konzerne hätten diese Fehler aber erkannt und gingen ihnen mit aller Konsequenz nach. Die Autobranche sei sich bewusst, dass sie Vertrauen verloren habe, sagte Wissmann. Es sei nun ihr „zentrales Anliegen“, dieses wieder zurückzugewinnen. Der VDA-Präsident wandte sich zugleich gegen „Pauschalurteile“ und gegen Fahrverbote. „Innovative Zukunftsstrategien“ seien „allemal besser als pauschale Fahrverbote“.

          ADAC will von VW Entschädigung für Dieselfahrer

          Der ADAC fordert derweil von Volkswagen eine freiwillige Zahlung von je 5000 Euro für die 2,6 Millionen Autobesitzer, denen der Konzern Autos mit Schummelsoftware verkauft hatte. Das wären insgesamt 13 Milliarden Euro. ADAC-Vizepräsident Ulrich Klaus Becker sagte auf der IAA, aus der Nachrüstung der Autos könnten sich möglicherweise Langzeitschäden ergeben. Deshalb sollte VW den deutschen Kunden eine Entschädigung wie in den Vereinigten Staaten anbieten, auch wenn dafür in Deutschland keine gesetzliche Verpflichtung besteht.

          Die Kanzlerin lässt sich ein Brennstoffzelle zeigen.
          Die Kanzlerin lässt sich ein Brennstoffzelle zeigen. : Bild: BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

          In den Vereinigten Staaten habe VW den Kunden im Rahmen eines Vergleichs 5000 Dollar gezahlt, sagte Becker. "Das sollte auch für Deutschland der Rahmen sein." VW verwies dagegen auf andere Grenzwerte, die andere Rechtslage und andere technische Lösungsmöglichkeiten in Deutschland. Hier habe das Unternehmen inzwischen 2 der 2,6 Millionen VW-, Audi-, Skoda und Seat-Dieselfahrzeuge nachgerüstet. Bei der ADAC-Rechtsberatung gingen täglich hunderte Anrufe verunsicherter Mitglieder ein, sagte ein Sprecher des Autoclubs.

          Nach zwei Fachbesuchertagen am Donnerstag und Freitag wird die IAA ab Samstag bis zum 24. September auch für das breite Publikum geöffnet. Zahlreiche Hersteller präsentieren in Frankfurt neue Modelle. Schwerpunkte sind in diesem Jahr unter anderem die Digitalisierung und die Elektromobilität. Rund 1000 Aussteller aus 39 Ländern sind auf der IAA vertreten.

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          Quelle: FAZ.NET

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