Home
http://www.faz.net/-gqe-144wr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Amerikas Banken Willkommen im neuen Casino

22.10.2009 ·  Wenn bei Amerikas Banken jemals etwas von Demut zu spüren war, dann ist das vorbei. Strotzend vor Selbstbewusstsein präsentierte Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan, vergangene Woche einen sensationellen Quartalsgewinn von 3,6 Milliarden Dollar.

Von Christian Siedenbiedel
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Wenn bei Amerikas Banken jemals etwas von Demut zu spüren war, dann ist das vorbei. Strotzend vor Selbstbewusstsein präsentierte Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan, vergangene Woche einen sensationellen Quartalsgewinn von 3,6 Milliarden Dollar. Ganz Entertainer, hatte Dimon dem Finanzminister bereits vorher vor laufenden Kameras einen Scheck über 25 Milliarden Dollar überreicht. Die Botschaft war klar: Bitte, euer Staatsgeld brauchen wir nicht mehr - bei uns brummt es wieder.

Bei anderen Investmentbanken ist es ähnlich. Während Amerikas große Geschäftsbanken wie Citigroup und Bank of America noch mit Ausfällen im Kreditkartengeschäft und bei Verbraucherkrediten zu kämpfen haben, verdienen die Investmentbanken wieder richtig Geld. Und zwar jetzt schon drei Quartale hintereinander. Sie profitieren von Unternehmen und Staaten, die Anleihen auflegen, und haben auch im Handel mit Wertpapieren wieder gut verdient.

Der Verdacht, dass da wieder gezockt wird, liegt nahe

Die Welt wundert sich. Amerikas Wirtschaft wankt noch, trotz aller Hoffnungszeichen. Viele Menschen machen sich Sorgen, dass sie Job und Haus loswerden könnten. Aber einige Banken machen schon wieder Milliardengewinne. Und das, obwohl die schwerste Krise des Finanzsystems seit Jahrzehnten nur mit Mühe und staatlicher Hilfe überwunden wurde.

Der neue Wohlstand an Wall Street sorgt zugleich für eine Flut von Banker-Boni. Während in Deutschland noch die geschassten Investmentbanker vor Gericht um ihre Zulagen aus früheren Tagen kämpfen, gibt es in Amerika schon wieder aufsehenerregende Steigerungen bei den aktuellen Boni zu melden.

Die Gehälter der 23 größten amerikanischen Banken sind nicht nur wieder deutlich geklettert, wie aus einer Übersicht des "Wall Street Journal" hervorgeht (siehe Grafik). Sie dürften mit 140 Milliarden Dollar dieses Jahr sogar einen neuen Rekord erreichen. Das ist mehr, als es in den guten Jahren vor der Krise gab.

Der Verdacht, dass da wieder gezockt wird, liegt nahe. Kein Wunder, dass Politiker überall auf der Welt schimpfen: "Das Casino ist wieder eröffnet." Selbst Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, mahnte die Banken in der vergangenen Woche, sie müssten sich endlich von "hemmungsloser Spekulation und Glücksspielmentalität" abwenden.

Aber haben die Mahner recht? Haben die Banken wirklich nichts dazugelernt? Ist alles wieder wie vor der Krise?

Bei den Bonuszahlungen sieht es so aus. "Zwar hat es einzelne Banken gegeben, die ihr Bonussystem umgestellt haben", sagt der Darmstädter Bankenprofessor Dirk Schiereck. Die Schweizer Großbank UBS etwa. "Insgesamt aber ist da bislang wenig geschehen." Internationale Regelungen zur Begrenzung der Boni sind zwar auf den Gipfeltreffen der Politiker vereinbart worden - aber zumindest bislang nirgendwo in nationales Recht umgesetzt.

Im Gegenteil, berichten Mitarbeiter amerikanischer Investmentbanken: Im Augenblick sei besonders auffällig, dass gute Leute schon wieder mit gewaltigen Garantie-Boni abgeworben würden. Kaum eine Bank könne sich davon frei machen: "Ein garantierter Bonus für ein oder sogar für zwei Jahre ist schon wieder nicht unüblich." Und wo der Staat als Anteilseigner die Boni der Banker begrenzt habe - da stiegen dann eben die Festgehälter.

Sogar Zertifikate werden wieder offensiv beworben

Aber ansonsten normalisiert sich vieles einfach. Und das ist gut so. Die Anleger verlangen wieder höhere Zinsen. "Die Zeit, als alle zufrieden waren, wenn das Geld auf dem Girokonto zumindest nicht weg war, ist vorbei", sagen Bankberater. Das bringt die Banken dazu, wieder mehr riskante Produkte anzubieten. Sogar Zertifikate wie einst von Lehman werden wieder offensiv beworben.

Die Gier kommt aber nicht nur bei den Anlegern zurück, sondern auch bei den Bankern. Der Risikoappetit großer Investmentbanken hat zugenommen. Bereits im Sommer hatten sie wieder einen höheren "Value at Risk" gemeldet, die Kennzahl für den höchstmöglichen Verlust an einem Handelstag. Goldman Sachs hatte im Juli mit 245 Millionen Dollar sogar den eigenen Vorkrisenwert übertroffen.

Allerdings haben die meisten Banken inzwischen ein solideres Kapitalpolster als vor der Krise. Das ist eine wesentliche Änderung. Die Banken haben ihre Bilanzen "deleveraged", wie es im Bankerdeutsch heißt. Das Verhältnis von Eigenkapital zu Fremdkapital hat sich erhöht - der Risikopuffer ist größer geworden. Das macht das Geschäft für die Banken weniger ertragreich, aber auch sicherer. "Das haben die Banken aber nicht aus Einsicht gemacht oder weil es bald vorgeschrieben werden soll", sagt Bankenexperte Schiereck, "sondern weil ihre Geschäftspartner das verlangt haben."

Ein Teil der riskanten Geschäfte, die zur Krise führten, spielt zurzeit kaum eine Rolle. "Der Markt für verbriefte Kredite ist nach wie vor sehr schwierig und mit den Jahren 2006 und 2007 nicht zu vergleichen", sagt der Stuttgarter Bankenprofessor Hans-Peter Burghof. "Da sind die Banken vorsichtiger geworden."

Nicht alles ist also ganz so schlimm wie vor der Krise - aber einiges sogar noch schlimmer. Vor allem sind die Banken größer geworden. JP Morgan etwa hat in der Krise die Konkurrenten Bear Stearns und Washington Mutual übernommen. Die Bank wurde größer, die Konkurrenz kleiner. Auch deshalb hat JP Morgan jetzt einen so hohen Gewinn machen können. "Die Margen im Anleihegeschäft sind wegen der geringeren Konkurrenz hochgegangen", sagt Bankenexperte Schiereck.

Zugleich gilt: Käme es zu einer neuen Krise, könnte der Staat die größer gewordenen Banken noch schlechter fallen lassen. Das wissen die Banker. Auch deshalb können sie wieder hohe Risiken eingehen. So waren es gerade die Politiker mit ihren Rettungsaktionen, die das Casino wieder eröffnet haben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2481 −0,06%
Rohöl Brent Crude 106,85 $ −0,38%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.