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Amerikanische Geldpolitik Zu viel des Guten

28.12.2007 ·  Das amerikanische Wachstum steht auf der Kippe. Womöglich gleitet die größte Volkswirtschaft zum ersten Mal seit fast sieben Jahren in eine Rezession. Die amerikanische Notenbank trägt Mitschuld an den augenblicklichen Schwierigkeiten.

Von Claus Tigges
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Die Federal Reserve stemmt sich gegen den Konjunkturabschwung. 40 Milliarden Dollar hat die amerikanische Notenbank den Finanzmarktakteuren über die Feiertage zur Verfügung gestellt in der Hoffnung, die Kreditklemme im Interbankenhandel mit zusätzlichem Geld zu lösen. Zuvor hatten die Währungshüter um Fed-Chef Ben Bernanke schon den Leitzins in drei Schritten um insgesamt einen Prozentpunkt ermäßigt, um den gestiegenen Wachstumsrisiken zu begegnen.

Die Taten der vergangenen Wochen und Monate sind zu erklären als die beinahe zwangsläufige, zumindest nicht überraschende Reaktion einer Notenbank, die sich nicht nur um die Preisstabilität, sondern auch aktiv um eine Glättung der Konjunkturschwankungen bemüht. Doch die jüngsten Beschlüsse des geldpolitischen Rates der Fed sind mehr als normales Tagesgeschäft. Sie haben eine zusätzliche, die Grundsätze der Geldpolitik berührende Dimension: den monetären Umgang mit Inflation, die sich nicht oder nicht nur in verschiedenen Indizes der Verbraucherpreise niederschlägt.

„Asset Inflation“, eine Inflation der Preise von Vermögenswerten wie Aktien oder Immobilien, wie es im Jargon der Ökonomen heißt. Denn die Fed ist derzeit mit den Aufräumarbeiten der zerplatzenden Preisblase auf dem amerikanischen Häusermarkt beschäftigt. Dort bröckeln nach Jahren atemberaubender Steigerungen die Preise, in einigen Regionen fallen sie sogar schnell. Darunter leiden nicht nur die Hausbesitzer, die einen Teil ihres Vermögens schmelzen sehen; die Krise zieht ihre Kreise im Finanzsystem, in der Bauwirtschaft, im Maklergewerbe und anderswo. Das amerikanische Wachstum steht auf der Kippe, womöglich gleitet die größte Volkswirtschaft zum ersten Mal seit fast sieben Jahren in eine Rezession.

Zwei Fragen

2001 schrumpfte das amerikanische Bruttoinlandsprodukt, nachdem viele Träume des Hightech-Booms und der „New Economy“ zerplatzt waren und sich die Aktienkurse nach einer nicht enden wollenden Hausse schließlich doch auf Talfahrt begeben hatten. Die Fed, damals unter der Führung Alan Greenspans, eilte den Börsianern, Unternehmen und Verbrauchern zu Hilfe und schleuste den Leitzins in schnellen Schritten hinab. Weil die Währungshüter aber anschließend die Geldpolitik zu lange zu locker ließen, brachten sie die Saat aus für jene Übertreibungen auf dem Immobilienmarkt, die sich nun mit negativen realwirtschaftlichen Folgen korrigieren. Die Fed trägt daher Mitschuld an den augenblicklichen Schwierigkeiten.

Bernanke und seine Kollegen müssen Antworten auf zwei Fragen finden, die sowohl für den Kurs der Geldpolitik in den kommenden Monaten als auch für die spätere Zukunft entscheidend sind: Wie lassen sich die Gefahren für die Konjunktur verringern, ohne der Entstehung einer neuen Preisblase Vorschub zu leisten? Wäre es nicht besser, künftig einem allzu schnellen Preis- oder Kursaufschwung auf Vermögensmärkten durch eine frühzeitige Verknappung von Liquidität vorzubeugen? Insbesondere die zweite Frage wird seit einiger Zeit unter Notenbankern und Ökonomen kontrovers diskutiert. Das liegt unter anderem daran, dass sich Preisblasen, sei es an der Börse, auf dem Häusermarkt oder anderswo, nicht in Echtzeit mit einem verlässlichen Maß an Sicherheit identifizieren lassen.

Behutsam Liquidität verknappen

Anders als beim Verbraucherpreisindex haben die Währungshüter keine Null-Linie, die ihnen als Maßstab dienen könnte. Völlig orientierungslos sind sie freilich auch nicht. Bewertungsmaßstäbe wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Aktien oder die „Erschwinglichkeit“ von Häusern, bei der der Preis ins Verhältnis zum Einkommen gesetzt wird, können Hilfestellung geben. Entfernen sich die Preise weit von ihrem historischen Durchschnitt, ist Vorsicht geboten. Wachsen gleichzeitig auch Geldmenge und Kreditvergabe übermäßig schnell, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass nicht fundamentale Kräfte, sondern Spekulation und Überschwang die Preise antreiben.

Die Geldpolitik darf kein bestimmtes Kurs- oder Preisniveau bei Vermögenswerten zur Zielgröße machen, so wie es beim Verbraucherpreisindex geschieht. Den Währungshütern könnte sonst zu Recht vorgeworfen werden, absichtlich Vermögen zu vernichten. Aber es spricht einiges dafür, bei Hinweisen auf eine entstehende Vermögenspreisblase behutsam die Liquidität zu verknappen, selbst wenn die Inflation der Konsumentenpreise noch keinen Handlungszwang signalisiert. Die Wohlfahrtsverluste einer solchen Politik sind vermutlich geringer als jene, die beim schmerzhaften Zerplatzen der Blase entstehen. Zumal bei der nachträglichen Hilfe die Gefahr besteht, zu viel des Guten zu tun und die Investoren abermals zur Vernachlässigung der Risiken zu verleiten.

Für den Kurs der Fed bedeutet das: Die Währungshüter sollten den Märkten durch zeitlich befristete Geldspritzen über die gegenwärtigen Kalamitäten hinwegzuhelfen versuchen. Weitere Zinssenkungen aber, die die Wirtschaft insgesamt großzügiger mit Liquidität ausstatten, sollten nur mit großer Vorsicht und in dem Bewusstsein beschlossen werden, frühzeitig den Kurs zu wechseln.

Quelle: F.A.Z., 28.12.2007, Nr. 301 / Seite 11
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