Justin, Dalvin, Tom und Michael müssen sich sputen. Die vier Teenager, alle zwischen 14 und 15 Jahre alt und Afroamerikaner, kommen gerade aus einem Sportgeschäft, und ihnen bleiben nur noch ein paar Minuten. Gleich ist es an diesem Montag nämlich fünf Uhr nachmittags, und sie müssen das Fairlane-Einkaufszentrum im Detroiter Vorort Dearborn verlassen. Nicht etwa, weil es schließt - die Öffnungszeiten gehen bis neun Uhr abends -, sondern weil sie nicht mehr erwünscht sind.
Für Teenager ohne erwachsene Begleitung ist ab fünf Uhr Sperrstunde. Schilder und Broschüren weisen überall im Einkaufszentrum darauf hin. Justin motzt: "Das ist nicht fair. Warum werden wir bestraft? Wir geben doch hier Geld aus." Ein paar Minuten später kommt die Lautsprecheransage: "Jeder, der jünger als 18 Jahre ist und nicht von einer mindestens 21 Jahre alten Person begleitet wird, muß jetzt gehen. Vielen Dank für Ihr Verständnis", sagt eine Frauenstimme. Erst auf englisch, dann auf arabisch, dann noch einmal auf spanisch, um der Zusammensetzung der Bevölkerung in der Region um Detroit gerecht zu werden. Die vier Jungs haben sich zu diesem Zeitpunkt schon in Richtung Ausgang verzogen.
Eine gewagte Politik, aber eine „Notmaßnahme“
Es ist eine gewagte Politik, das gibt Fairlane-Geschäftsführerin Catherine O'Malley zu. Schließlich wird ein Teil der Kundschaft mit voller Absicht aus dem Haus gejagt. O'Malley beschreibt die vor zwei Jahren eingeführte Sperrstunde aber als Notmaßnahme: "Wir hatten hier oft bis zu 3.000 Teenager auf einmal im Haus, und das schafft eine explosive Stimmung." Heftige Streitereien zwischen Teenagern seien an der Tagesordnung gewesen, ob verbal oder in Form von Prügeleien. "Es müssen nur zwei Jungs anfangen zu zanken, und in Null Komma nichts wird daraus eine Massenkeilerei mit Dutzenden von Beteiligten", sagt O'Malley. Kundin Teana Jones, mit 19 Jahren selbst noch nicht lange dem Sperrstundenalter entwachsen, hat das oft genug miterlebt: "Das waren Getto-Zustände hier. Außer Rand und Band."
Der Effekt: Der Rest der Kundschaft wurde von den pöbelnden Jugendlichen verschreckt und blieb der "Mall", wie Einkaufszentren in Amerika heißen, vor allem in den Abendstunden fern. O'Malley sah sich gezwungen, die Notbremse zu ziehen, und verhängte die Sperrstunde. Damit steht Fairlane längst nicht mehr alleine da. Immer mehr amerikanische Einkaufszentren haben Restriktionen für Teenager.
Vom Teenager Treffpunkt zum sozialen Brennpunkt
Der Branchenverband International Council of Shopping Centers hat im vergangenen Jahr eine Umfrage unter seinen amerikanischen Mitgliedern durchgeführt. Mehr als 20 Prozent der Befragten berichteten, spezielle Öffnungszeiten für Teenager zu haben, in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Das größte Einkaufszentrum in den Vereinigten Staaten, die "Mall of America" in der Nähe von Minneapolis, schickt Teenager unter 15 Jahren freitags und samstags um sechs Uhr abends nach Hause.
Malls haben in Amerika eine Funktion als Treffpunkte für Teenager - und das läßt sie leicht auch zu sozialen Brennpunkten werden. Teenager verabreden sich in den Malls nicht in erster Linie, um einzukaufen, sondern um sich die Zeit zu vertreiben. Das heißt zum Beispiel Videospiele ausprobieren, die neuesten Turnschuh-Modelle anschauen oder einfach nur rumhängen. Fairlane-Managerin O'Malley spricht von der "Jugenddisco in der Mall".
Die Straße oder das Einkaufszentrum
Diese Funktion haben die Einkaufszentren, weil es sonst wenig zu tun gibt. Amerikanische Städte sind oft so zersiedelt, daß sie keine wirklichen Innenstädte haben, und die Versorgung mit Freizeitangeboten ist schlecht. Also bleiben die Straße und das Einkaufszentrum als Treffpunkt. Das gilt um so mehr in wirtschaftlich schwachen Regionen, und dazu gehört das Einzugsgebiet der Fairlane-Mall. Dearborn ist nicht nur Vorort der Autostadt Detroit, sondern auch Hauptsitz des Autoherstellers Ford - hängt somit also voll an der amerikanischen Autoindustrie, die in einer schweren Krise steckt und in den vergangenen Jahren ein Entlassungsprogramm nach dem anderen gestartet hat.
Die Vorschriften in der Mall werden von Sicherheitsangestellten umgesetzt, die Ausweise kontrollieren und Jugendliche hinausbitten. Die Teenager scheinen die Regeln widerstandslos zu befolgen: Nach fünf Uhr ändert sich die Zusammensetzung der Mall-Besucher gewaltig, an diesem Montag sieht man keine Jugendlichen ohne Begleitung von Erwachsenen mehr.
„Die sollten nur die Unruhestifter bestrafen“
Trotzdem fühlen sich viele Teenager ungerecht behandelt, sie sprechen von Diskriminierung und willkürlicher Bestrafung. "Ich mache überhaupt keinen Ärger und muß trotzdem gehen", sagt Mary Kirkland, eine 16 Jahre alte Schülerin mit bravem Gesicht, die sich um viertel vor fünf mit einem Buch in der Hand am Ausgang vor der Bushaltestelle postiert hat. Matt O'Brien ist kürzlich 18 Jahre alt geworden und darf bleiben. Er kann sich aber noch gut in die Situation als unerwünschter Kunde hineinversetzen und hat wenig Verständnis für die Sperrstunde: "Die sollten nur Unruhestifter bestrafen und nicht jeden. Wir tragen doch unser Geld hierher." Der Zwangsrausschmiß von Jugendlichen ist in der Tat ein wirtschaftlicher Drahtseilakt: Teenager sind schließlich eine konsumfreudige Zielgruppe. Nach einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts Teenage Research Unlimited haben junge Menschen zwischen 12 und 19 Jahren im vergangenen Jahr in Amerika 159 Milliarden Dollar ausgegeben.
Manche Ladenangestellte in der Mall murren über die neue Politik. Lisa Coles vom Bekleidungsgeschäft "President Tuxedo" zum Beispiel, das nach fünf Uhr menschenleer ist. Der Laden verkauft Anzüge und Kleider für die "Prom" - den Abschlußball in der Highschool und in Amerika ein Großereignis in jedem Schülerleben - und spricht damit unmittelbar die von der Sperrstunde betroffene Zielgruppe an. "Bevor wir die Regel hatten, waren zumindest noch Leute im Laden. Sicher haben viele davon nichts gekauft oder Unsinn gemacht, aber zumindest gab es hier ein bißchen Leben." Coles spricht von Umsatzrückgängen von 15 Prozent seit Einführung der Politik, "und der Eisdiele nebenan geht es genauso". Fairlane-Geschäftsführerin O'Malley will nicht ausschließen, daß einzelne Geschäftsinhaber mit der Sperrstunde unglücklich sind. Der Gesamtumsatz der Mall sei im vergangenen Jahr aber um 2 Prozent gestiegen, und Ladendiebstahl habe deutlich abgenommen.