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Amerikanische Bonität Mitten in der Zeitenwende

 ·  Die Drohung der Rating-Agentur Moody's, Amerikas Bonitätsnote zu senken, hat die Märkte verunsichert. Aber eine Abstufung wird kommen. Amerika kann die Weltwirtschaft nicht mehr führen.

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In den vergangenen Tagen waren aus Europa immer wieder Stimmen zu hören, die den internationalen Rating-Agenturen vorwarfen, mit zweierlei Maß zu messen und zwar die Bonitätsnoten europäischer Schuldenstaaten herunterzustufen, die Vereinigten Staaten aber zu schonen.

Die Maßnahme der Rating-Agentur Moody's vom Mittwochabend, dem Land wegen des Konfliktes um die Haushaltsregeln mit der Aberkennung der Bonitätsnote „AAA“ zu drohen, weil die Gefahr eines auch nur kurzfristigen Zinszahlungsausfall nicht mehr vernachlässigbar sei, könnte man nun als Reaktion auf diese Kritik verstehen.

Blockadepolitik

Denn die Verhandlungen zwischen Präsident Obama und den Republikanern im Kongress über eine Anhebung des Schuldenlimits von derzeit 14,3 Billionen Dollar (10 Billionen Euro) stecken offenkundig weiter fest.

Die Republikaner sperren sich gegen Abgabenerhöhungen, ohne die die Demokraten aber die Sozialausgaben nicht kürzen wollen. Sollte in den kommenden Tagen keine Übereinkunft geben, könnte Moody's das Rating überprüfen.

Dann würde Moody's auch das Rating von rund 7000 Kommunen senken, auch amerikanische Staatsunternehmen wie die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac wären betroffen, was dem kränkelnden Immobilienmarkt durch höhere Zinsen einen schweren Schlag versetzen würde.

Chinesen bewerten Südkorea als Schuldner besser

Die chinesische Rating-Agentur Dagong kündigte unterdessen an, die Bonitätsnote voraussichtlich auch im Fall einer Einigung zu senken. Die Agentur rechnet nicht mit einem deutlich niedrigeren Defizit in den kommenden Jahren, die schwache Wirtschaftsentwicklung Amerikas werde von einem notwendigen Ende der losen Geldpolitik zusätzlich gebremst werden. Amerika werde sich weiter verschulden müssen, doch sieht Dagong die Märkte zunehmend weniger bereit dazu, dies ohne weiteres mitzutragen.

Dagong ist zwar international von geringer Bedeutung. Doch China ist der größte ausländische Kreditgeber der Vereinigten Staaten und so lässt sich die Besorgnis Chinas, das diese am Donnerstag äußerte und der Hoffnung Ausdruck verlieh, dass die Vereinigten Staaten die Interessen der Investoren garantierten, anhand der Einschätzung von Dagong abmessen.

Diese ist offenbar weit größer als die der aus Amerika stammenden Agenturen. Vor einem Jahr schon stuften die Chinesen die Bonitätsnote Amerikas auf „AA“ herab, nur vier Monate später auf „A+“. Bei einer Herabstufung auf „A“ entspräche das Rating der Note, die etwa Standard & Poor's (S&P) Trinidad und Tobago oder Südkorea zu erkennen. Letzteres Land bewertet Dagong übrigens schon jetzt mit „AA-“ besser als die Vereinigten Staaten.

Dollar unter Druck

Führende amerikanische Experten wie Notenbank-Gouverneur Bernanke warnen vor den Folgen. Einen Vorgeschmack gibt es am Donnerstag. Die an für sich nicht überraschende, weil schon Ende Juni in Aussicht gestellte Maßnahme von Moody's drückte den Eurokurs des Dollar binnen Sekunden um einen halben Cent. Der Aktienmarkt war zum Zeitpunkt der Ankündigung schon geschlossen. Am Donnerstag kostet der Euro 1,4229 Dollar. Am Mittwochabend wurde die Gemeinschaftswährung noch mit 1,4140 Dollar bewertet. Zum Yen fiel die amerikanische Währung im Tief auf 78,245 Dollar und damit den niedrigsten Stand seit 1971, erholte sich dann aber wieder und notiert bei rund 79 Yen etwas fester als im März. Druck auf den Dollar übt auch die Aussicht auf ein mögliches drittes Programm der geldpolitischen Lockerung seitens des Notenbank Fed aus.

„Die Tatsache, dass Moody's für die Vereinigten Staaten eine Herunterstufung angedroht hat, macht die Welt nicht sicherer“, kommentiert Cyrus de la Rubia von der HSH Nordbank und untertreibt damit noch.

Undenkbare Konsequenzen einer daher unwahrscheinlichen Pleite

Die Konsequenzen einer Zahlungsunfähigkeit der Vereinigten Staaten sind kaum auszudenken. Finanzminister Timothy Geithner etwa sieht zutreffend katastrophale wirtschaftlichen Konsequenzen, die über Jahrzehnte zu spüren wären. Dagegen wäre sich die jüngste Finanzkrise nicht mehr als ein kurzer Schreck. Gerade deswegen halten sich die Reaktionen der Märkte in Grenzen.

Schon eine Rating-Abstufung mit der Konsequenz höherer Zinsen brächte die Vereinigten Staaten, mit ihr die amerikanische Konjunktur und über den Import auch die Weltwirtschaft unter immensen Druck. Schon ohne dies wird der amerikanische Konsum nicht mehr die Weltwirtschaft antreiben wie in den Jahrzehnten zuvor. Bei einer aktuellen Verschuldung von knapp unter 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und laut IWF von 110 Prozent im Jahr 2015 bleibt Amerika nichts anderes übrig als zu sparen.

Das geht nur über Abgabenerhöhungen, die den Konsum lähmen. Zudem entsteht eine weltpolitische Umwälzung - denn ohne Kürzungen im Militärhaushalt wird es nicht abgehen können, was die Pax Americana der vergangenen Jahre in Frage stellt. Auch dieses Problem ist nicht neu, waren doch der Vietnamkrieg und seine Kosten der Grund, warum die Vereinigten Staaten 1971 den Goldstandard aufkündigten und damit den Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods auslösten.

Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise

Der Dollar wird seine Rolle als Leitwährung längerfristig verlieren. Diese Ansicht vertraten schon Ende Juni in einer Umfrage der UBS die überwältigende Mehrheit von 80 Zentralbankern sowie Staatsfondsmanagern mit Blick auf die kommenden 25 Jahre. Eine Staatspleite würde der Welt ihre Ankerwährung von einem Tag auf den anderen entziehen.

Auch deswegen ist sie undenkbar, denn einer Ablösung steht derzeit der Mangel an Alternativen entgegen: Der Euro steckt selbst in der Krise, der Yüan ist nicht frei handelbar und womöglich völlig überbewertet, das Pfund zu unbedeutend. Vor allem aber stecken außer China alle genannten Staaten und Regionen selbst in einer Schuldenkrise, erst recht Japan, aber auch Deutschland ist nur ein Schritt hintendran.

Dies erinnert nur allzu deutlich an die Situation in den zwanziger und dreißiger Jahren als das britische Pfund in den Nachwehen des Ersten Weltkrieges als Weltleitwährung immer stärker ausfiel und Amerika nicht willens, aber auch noch nicht in der Lage war, einzuspringen, so wie heutzutage China.

Die Multilateralität der damaligen Weltfinanzordnung trug mit dazu bei, dass die Weltwirtschaftskrise zu der Katastrophe wurde, die sie war. Nationale Eigeninteressen führten zu ergebnislosen Gipfeltreffen, noch schlimmer als es bei den G20-Tagungen der Fall war.

Was vielen nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass die Konsequenzen der Krise viel weitreichender und langwieriger waren als die Jahre 1929 bis 1932. Der Verfall des Welthandels in den Bilateralismus mit der völligen Abkopplung etwa Deutschlands und Italiens konnte nur mühsam über Jahrzehnte zurück gedreht werden. Der rege internationale Anleihenmarkt stand bis in die achtziger Jahre still, die deutsche Aktienbörse blieb ebenso lang ein Insider-Handelsplatz.

China wird nicht der Sieger sein

Da dieses Mal aber vielen Beteiligten diese Zusammenhänge bewusst sind, rechnet niemand mit einem Zahlungsausfall Amerikas. Doch zu vermeiden ist der Wandel der Weltwirtschaft nicht. Das Tückische ist, dass niemand die Geschwindigkeit und die Richtung dieses Wandels absehen kann.

China sieht derzeit wie der Sieger aus. Doch das Misstrauen gegenüber den offiziellen Statistiken ist groß, zudem droht der demographische Wandel den chinesischen Boom schon bald ins Wanken zu bringen. Denn China durchläuft in nur einer Generation eine Entwicklung, die in Westeuropa 100 Jahre dauerte.

Schon gegen 2030 wird die Bevölkerung nicht mehr wachsen, gemeinsam mit einer höheren Lebenserwartung wird der Anteil der Über-65-Jährigen, der heute unter 10 Prozent beträgt, 20 Prozent erreichen, eine Entwicklung die für Deutschland nur wenige Jahre früher prognostiziert wird.

Deswegen wäre es falsch, schon jetzt eine neue Weltordnung und wirtschaftliche Supermacht von morgen zu küren. Mit dieser langfristigen Unsicherheit müssen Anleger leben, kurzfristig agieren und versuchen, die kurz- und mittelfristigen Schwankungen für sich auszunutzen. Vom „AAA“-Rating Amerikas sollten sie geistig jedenfalls Abschied nehmen. Diese wird sich das Land erst wieder verdienen müssen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors wieder.

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Jahrgang 1964, Redakteur in der Wirtschaft.

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