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Vorbildliches Deutschland : Amerika ist heiß auf das „German Jobwunder“

Lehrstunde: Bildungsministerin Johanna Wanka und der amerikanische Arbeitsminister Tom Perez lauschen einem Siemens-Azubi Bild: Getty

Deutsche Autos, deutsches Bier - und jetzt die deutschen Arbeitsmarktreformen: Es gibt einen neuen Exportschlager. Auch Amerikas Arbeitsminister Tom Perez lässt sich bei seiner Europareise davon inspirieren. Wobei ihn vor allem eines interessiert.

          Wie sich die Zeiten ändern. Zur Jahrhundertwende waren es noch deutsche Politiker, die sich jenseits der Grenzen Reformanstöße im Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit holten. Mittlerweile hat sich der Arbeitsmarkttourismus umgekehrt. Scharen ausländischer Entscheidungsträger pilgern seit Jahren in deutsche Unternehmen und Verwaltungsstuben, um hinter das Geheimnis von dem Phänomen zu kommen, das im Ausland als „German Jobwunder“ bekannt ist.

          Sven Astheimer

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Diese Woche ist ein weitgereister Gast im alten Europa unterwegs: Thomas Perez, 53 Jahre alt, amerikanischer Arbeitsminister. Vier Tage hat sich der Jurist mit dem deutschen Arbeitsmarkt vertraut gemacht, bevor er an diesem Donnerstag nach Großbritannien weiterreist. „Ich will ein paar gute Ideen von hier mitnehmen“, sagte Perez im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

          Zwar hat sich der amerikanische Arbeitsmarkt von den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise einigermaßen erholt. Es entstehen wieder mehr Arbeitsplätze, und die Zahl der Erwerbslosen sinkt. Doch damit sind längst nicht alle Probleme gelöst. Zum Beispiel finden jenseits des Atlantiks junge Menschen viel schwerer eine Stelle als in Deutschland.

          „Diese deutschen Kids sind bereit für den Job“

          „Ich bin vor allem wegen des Ausbildungssystems hier in Deutschland“, sagte Perez deshalb. Schon sein Vorgesetzter, Präsident Barack Obama, hatte in seiner „Rede zur Lage der Nation“ den Blick auf das duale System gerichtet mit den Worten: „ Diese deutschen Kids sind bereit für den Job, wenn sie die Schule abschließen.“ Es sei kein Zufall, dass Deutschland mit knapp über 7 Prozent die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit der Industrieländer hat, sagt sein Arbeitsminister Perez.

          In Amerika ist sie fast doppelt so hoch. Deshalb hat Perez vor der Toren Frankfurts mit Frank-Jürgen Weise, dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit, zunächst eine Berufsvermittlung besucht. Mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka war er im Berliner Ausbildungszentrum von Siemens zu Gast und anschließend in der Charité-Klinik.

          Und in Wolfsburg nahm er die Nachwuchsförderung von Volkswagen unter die Lupe. Bei VW habe er sich davon überzeugt, dass die Lehrlinge eine gute Karriereperspektive bekämen. Einige Prinzipien des deutschen Systems lassen sich laut Perez auch auf die Vereinigten Staaten übertragen. Volkswagen habe verstanden, dass man sich sowohl um die Anteilseigner als auch um die Angestellten kümmern und trotzdem profitabel sein kann. „Sie bieten gute Produkte an und bezahlen ihre Leute anständig“, findet Perez.

          Mindestlohn kurbelt Konjunktur an

          „Ordentliche Löhne“ stehen ohnehin ganz oben auf Perez’ Agenda. In der Heimat setzt er sich vehement für kräftige Lohnzuschläge ein. Perez weist darauf hin, dass der staatliche Mindestlohn von 7,25 Dollar (5,70 Euro) seit 5 Jahren eingefroren sei und seine Kaufkraft unter der von 1981 läge. Deshalb hat er sich mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) über die Einführung des allgemeinen Mindestlohns in Deutschland 2015 unterhalten. Dieser liegt mit 8,50 Euro deutlich über dem amerikanischen und entspricht Perez’Geschmack. „Wir sehen derzeit, dass Länder rund um die Welt ihren Mindestlohn angehoben haben. Es ist wichtig, dass die Leute mehr Geld in der Tasche haben.“

          Der Konsum sei eine wichtige Stütze der amerikanischen Wirtschaft und stehe für 70 Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts. Viele Menschen verfügten aber trotz florierender Wirtschaft über zu wenig Einkommen. „Tom, was ich am meisten brauche, sind zahlungskräftige Kunden“, bekomme er von vielen Unternehmern zu hören.

          Quelle: F.A.Z.

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