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Angst vor Handelsstreit : Amerika gegen China – vielleicht haben wir Glück!

Wo ist der Ausweg aus dem Nebel? Chinesen spazieren Ende Februar einen Abschnitt nahe der chinesischen Mauer. Bild: EPA

Donald Trump droht China mit Milliardenzöllen – die beiden größten Volkswirtschaften der Welt befinden sich auf Konfrontationskurs. Nun gibt es wenigstens Hinweise darauf, dass sie konkret verhandeln. Was bedeutet das? Eine Analyse.

          Eine Million Ausländer studieren an amerikanischen Universitäten und Colleges. Ein Drittel davon kommt aus China – jeder zehnte in den Vereinigten Staaten verliehene Doktortitel geht an Chinesen, vor allem in Naturwissenschaften, für Ingenieurswissenschaftler. Die allermeisten dieser hochqualifizierten Nachwuchswissenschaftler, 80 Prozent der offiziellen Statistik zufolge, bleiben nach ihrem Abschluss in Amerika und arbeiten dort. Wenn es um Künstliche Intelligenz geht und damit eine der Schlüsseltechnologien dieses Jahrhunderts, dann arbeiten mehr Chinesen auf diesem Gebiet in amerikanischen Tech-Unternehmen als in chinesischen. Das hilft der amerikanischen Wirtschaft enorm, zumindest wenn als Indizien die Stellensuche von Unternehmen wie Google, Apple und Facebook herangezogen wird und die derzeit gezahlten Einstiegsgehälter in diesem Bereich.

          Alexander Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diese Zahlen hat der Finanzdienst Bloomberg gerade noch einmal zusammengestellt veröffentlicht, denn die Situation ist brisant: Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt befinden sich wirtschaftlich auf Konfrontationskurs. In der vergangenen Woche traten neue amerikanische Zölle auf Stahl und Aluminium in Kraft. Außerdem drohte der amerikanische Präsident Donald Trump Milliardenaufschläge auf eine ganze Serie chinesischer Einfuhren an.

          „Dann schickst du den Hygiene-Inspektor“

          Er wirft der Volksrepublik vor, Ideen amerikanischer Erfinder zu klauen und zu kopieren. Er stört sich am Handelsdefizit zwischen beiden Ländern, dass sich im vergangenen Jahr auf 375 Milliarden Dollar belief. Der Handel ist für ihn Ansatz, um Druck auf China zu machen. Ein anderer sind aber eben beispielsweise auch die Chinesen ermöglichten Studiengänge in den Vereinigten Staaten, die Visa für Studium und anschließende Arbeitserlaubnis.

          Denn der Handel ist ein Streitpunkt. Dahinter steckt aber mehr: Washington und Peking messen sich miteinander, wenn es um politischen Einfluss auf der Welt geht, um wirtschaftlichen und darum, wer in wichtigen Technologien die Nase vorne hat oder haben wird. Denn die Entscheider wissen: Technische Dominanz bedeutet Macht auch in anderen Sphären. Der langjährige Google-Chef Eric Schmidt, der das Pentagon berät, warnte bekanntlich: Wenn Amerika nicht mehr unternehme in der Künstlichen Intelligenz, werde das Land noch „über die nächsten fünf Jahre führend bleiben“,  bevor China „extrem schnell“ aufholt. „Sie (die Chinesen) sind dabei, diese Technologie für kommerzielle und militärische Ziele zu verwenden, mit allen möglichen Folgen.“

          Auch der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser war gerade auf einer Wirtschaftskonferenz in Peking.

          Im vergangenen Jahr sind aus China erstmals mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen gekommen als aus jedem anderen Land der Welt, wie die amerikanische „National Science Foundation“ ausgerechnet hat. Ökonomen der amerikanischen Notenbank haben nun die Frage aufgeworfen, ob China nicht mittlerweile sogar innovativer ist als Amerika. Viele Fachleute bezweifeln das, zumal wenn es um Spitzenforschung geht. Aber alleine die Diskussion zeigt die Dringlichkeit; vor zehn Jahren hat es sie so noch gar nicht gegeben.

          Was diesen Konflikt so kompliziert macht, sind indes nicht nur die verschiedenen Ebenen, auf denen er sich abspielt. Hinzu kommt, dass die beiden großen Länder wirtschaftlich tatsächlich eng miteinander verflochten sind. Das ökonomische Verhältnis ist ganz anders als das zwischen Amerika und der Sowjetunion während des Kalten Krieges. Das hohe Handelsdefizit, obwohl Trump ein Dorn im Auge, steht ja genau dafür: Amerikaner und Chinesen kaufen ziemlich viel ein im jeweils anderen Land, weil ihnen das offenkundig lohnenswert erscheint (warum sollten sie das sonst machen?). Amerikanische Konzerne lassen in Fernost günstiger fertigen als sie es daheim könnten, prominentestes Beispiel ist der Handyhersteller Apple – und verdienen daran prächtig. China ist zugleich durch umfangreiche Wertpapierkäufe (nicht unähnlich den Staatsanleihekäufen der amerikanischen Notenbank infolge der Finanzkrise) Amerikas größter Gläubiger geworden.

          „Wir alle sind ein bisschen China“

          Aufgrund dieser wirtschaftliche Verwobenheit gibt es naturgemäß unzählige Möglichkeiten, wie sich die beiden Ländern gegenseitig Schaden zufügen können. Neue Zölle sind eine Möglichkeit. Der angesehene Ökonom Olivier Blanchard, ehemals Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, nannte über den Kurznachrichtendienst eine subtilere: „Du bist China und unglücklich über die neuen Zölle. Du identifizierst ein paar chinesische Fabriken, die essentiell sind für die Lieferketten einiger amerikanischer Unternehmen. Du schickst einen Hygiene-Inspektor dorthin, der eine Ratte findet und die Fabrik für einen Monat schließt. Dann bist du fertig.“

          Kein Wunder also, dass die Aktienkurse rund um den Globus erst einmal ordentlich gefallen sind in der vergangenen Woche infolge der Drohung Trumps. Und dass Unternehmenslenker (aus Amerika!) wie Apple-Chef Tim Cook oder Politiker etwa aus Europa beide Seiten dazu mahnen, den Handelsstreit nicht weiter eskalieren, und die angedrohten weiteren Maßnahmen nicht wahrmachen. „Wir alle sind auch ein bisschen China, denn wir sind ja sehr stark Kunden und Lieferanten von China", hat das der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben, gerade auf den Punkt gebracht.

          Doch womöglich kommt es nicht zum Äußersten. Offenbar arbeiten beide Regierung, die in Peking und die in Washington, daran, einen ausgewachsenen Handelskrieg zu vermeiden. Offiziell äußern sich die entsprechenden Stellen bislang nicht, aber inoffizielle Kanäle melden zumindest, dass es hinter den Kulissen durchaus Bewegung gibt. Der amerikanische Finanzminister Steven Mnuchin und der Handelsbeauftragte Robert Lighthizer haben nach Angaben der an den Finanzmärkten viel gelesenen Zeitung „Wall Street Journal“ einen Brief an den wichtigsten Wirtschaftsberater des mächtigen chinesischen Parteichef Xi Jinping, Liu He, geschrieben und darin Forderungen Washingtons aufgeführt: China soll die Zölle für aus Amerika eingeführte Autos senken, mehr amerikanischen Halbleiter kaufen und außerdem amerikanischen Banken den Zugang auf den chinesischen Markt erleichtern.

          Am Samstag hatte Mnuchin zudem mit Liu telefoniert, der gerade zum stellvertretenden Ministerpräsidenten aufgestiegen ist und nun wesentlich die Wirtschaftspolitik Xis verantwortet. „Finanzminister Mnuchin rief Liu He an, um ihm zu seiner offiziellen neuen Rolle zu gratulieren“, sagte ein Sprecher des Finanzministerium ins Washington und fügte hinzu: „Sie diskutierten auch das Handelsdefizit zwischen unseren beiden Ländern und bekannten sich dazu, den Dialog fortzusetzen, um einen für beide Seiten akzeptablen Weg zu finden, es zu reduzieren.“

          Nun heißt es in einem Bericht der „Financial Times, der sich ebenfalls auf mit der Angelegenheit vertraute Personen bezieht, diesmal in Peking, dass die chinesische Führung hierzu bereit sei: Schon im Mai könnte es ausländischen Banken erlaubt werden, die Mehrheit an chinesischen Wertpapierhäusern zu übernehmen. Außerdem sei China bereit, mehr Halbleiter aus Amerika zu kaufen – zu Lasten von in Südkorea und Taiwan angesiedelten Herstellern. Ob das nun genau so kommt, ist natürlich nicht gesichert. Und ob die genannten Forderungen Amerikas wirklich schon alles sind, was Washington möchte (sicher nicht), ist ebenfalls unklar. Aber deutet dies daraufhin, dass die komplette Eskalation nicht programmiert ist. Hoffentlich jedenfalls.

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