Bauer Joe ist bei Sue Rapp untendurch. „Früher habe ich bei dem meine Äpfel gekauft, das ist jetzt vorbei“, schimpft sie, während sie an einem Grundstück in ihrem Heimatort Vestal vorbeifährt. Bei einer Spritztour durch die Kleinstadt im Bundesstaat New York hat die 57 Jahre alte Psychotherapeutin über viele Nachbarn etwas zu erzählen, und Kontrahenten wie der einstige Obstlieferant kommen dabei nicht gut weg. Denn der würde nur allzu gerne sein Grundstück für „Hydraulic Fracturing“ oder „Fracking“ zur Verfügung stellen, die umstrittene Methode zur Förderung von Erdgas und Öl, die hier bald Einzug halten könnte. Sue Rapp hat sich an die Spitze einer Bürgerbewegung in Vestal gesetzt, um das zu verhindern.
Gouverneur Andrew Cuomo will in Kürze entscheiden, ob Fracking in dem Bundesstaat erlaubt wird. Vor ein paar Monaten sickerte durch, dass er über eine eingeschränkte Freigabe in dem dünnbesiedelten Landstrich um Kleinstädte wie Vestal und Binghamton nachdenkt, gut drei Autostunden von der Metropole New York City entfernt. Diese Region sitzt auf riesigen Erdgasvorkommen, sie ist zudem strukturschwach und könnte einen Impuls dringend gebrauchen. Seit Bekanntwerden von Cuomos Erwägungen tobt der Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern, und in Vestal lässt sich gut beobachten, wie unversöhnlich die Lager sind. Viele Einwohner haben Schilder pro oder contra Fracking vor ihren Häusern aufgestellt. In manchen Straßen gibt es ein wahres Schildermeer, oft wechselt die Botschaft von einem Haus zum nächsten ins Gegenteil. Das schafft Animositäten, wie Sue Rapp selbst weiß: „Mein Nachbar und ich sprechen nicht mehr miteinander.“
Goldgräberstimmung in vielen Regionen
Fracking hat Amerika einen Rohstoff-Boom beschert, der aber mit einer Fülle von Fragezeichen und Kontroversen verbunden ist. Die Technik erlaubt es, Erdgas oder Öl aus Schiefergestein tief in der Erde abzubauen. Das ist viel komplizierter als aus konventionellen Quellen und galt lange als unwirtschaftlich, bis ein texanischer Unternehmer in den späten neunziger Jahren mit der Fracking-Methode den Durchbruch schaffte: Beim Fracking wird erst vertikal oft mehrere Kilometer tief bis zum Schiefergestein gebohrt, bevor die Bohrung eine Kurve macht und horizontal weiter verläuft. In die Bohrstelle wird dann unter hohem Druck eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien gepresst, um das Gestein aufzubrechen, damit das eingeschlossene Erdgas oder Öl frei wird. Die horizontale Bohrung erlaubt es, große Vorkommen auf einmal zu erschließen.
Die Methode eröffnete Zugang zu gewaltigen Rohstoffreserven und sorgte für Goldgräberstimmung in vielen Regionen Amerikas. Fracking kam zunächst vor allem zur Förderung von Erdgas zum Einsatz. Dieses Schiefergas hat zwischen 2005 und 2010 die amerikanische Erdgasproduktion um fast 20 Prozent steigen lassen, und die Vereinigten Staaten haben mittlerweile Russland als größten Erdgasförderer der Welt abgelöst. Das bringt das Land, das seine Vorräte fossiler Brennstoffe noch vor wenigen Jahren zur Neige gehen sah, auf einmal in eine ganz andere Position und verringert die Abhängigkeit von Rohstoffen anderer Staaten.
Diesen Verheißungen stehen die von Umweltschützern beschworenen Risiken gegenüber: Chemikalien in dem Fracking-Gemisch könnten das Grundwasser verseuchen, unsachgemäß entsorgtes Abwasser könnte der Umwelt schaden, Methangas könnte ins Trinkwasser gelangen. Selbst mit Erdbeben wurde Fracking in Verbindung gebracht. Tatsächlich haben sich die Gasförderer in Amerika einige Pannen geleistet, vor allem mit der Abdichtung ihrer Bohrlöcher nahe der Oberfläche. Inwiefern jenseits von menschlichen Fehlern vom Fracking-Prozess an sich Gefahren ausgehen, ist trotz vieler Studien nicht eindeutig geklärt.
Auch in Deutschland wird Fracking mehr und mehr zum Reizthema. Hierzulande gibt es ebenfalls bedeutende Schiefervorkommen, etwa in Niedersachen oder Nordrhein-Westfalen. Energiekonzerne wollen die Reserven erschließen, Bürgerinitiativen leisten Widerstand. In dieser Woche legte das Bundesumweltministerium ein kritisches Gutachten vor, in dem vom großflächigen Einsatz von Fracking in Deutschland abgeraten wurde.
„Das sind doch Baby-Chemikalien“
Neil Vitale hält die Bedenken für überzogen. Der 63 Jahre alte Bauer ist einer der vielen Grundstückseigentümer in New York mit ausgeprägtem Neid auf Pennsylvania. Seine 280 Hektar große Farm mit 70 Milchkühen im Landkreis Steuben County ist nur ein paar Kilometer vom nächsten Bundesstaat entfernt, wo Erdgas-Fracking in vollem Gange ist. Oft sitzt er abends mit seiner Frau am Küchentisch und diskutiert mit ihr, wie das Geld aus dem Verkauf sogenannter Mineralienrechte für ihr Land ihr Leben verändern könnte. Es geht um Beträge in Millionenhöhe: Gasförderer haben je Hektar 5000 Dollar und mehr allein für diese Bohrrechte bezahlt, dazu kommt ein Anteil von bis zu 20 Prozent vom Wert des geförderten Erdgases.
Heute reicht Vitales Landwirtschaft geradeso aus, um finanziell über die Runden zu kommen, und damit steht er noch vergleichsweise gut da, weil er sich auf die etwas einträglichere Biomilch spezialisiert hat. „Viele Bauern hier sind hoch verschuldet und nehmen ständig neue Kredite auf.“ Dagegen hört er von befreunden Landwirten in Pennsylvania, die mit dem Fracking-Geld ihren Hof wieder in Schuss gebracht und neue Geräte angeschafft haben. Vitale malt sich aus, was er mit einer Finanzspritze tun würde: Eine neue Scheune könnte er brauchen. Oder mehr Kühe kaufen, in der Hoffnung, dass ein größerer Hof rentabler ist. Sorgen, dass Fracking seinen Grund und Boden vergiften könnte, macht er sich nicht. „Das sind doch Baby-Chemikalien im Vergleich zu dem, was Bauern auf ihren Feldern verwenden.“
Sehnsucht nach dem großen Geld
Jamie Johnson sieht Arbeitslosenzahlen als bestes Argument in der Debatte. Johnson leitet die Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Steuben-Landkreis, und hier lag die Arbeitslosenquote im Juli bei 9,9 Prozent - weit mehr als die 6,4 Prozent im Nachbarlandkreis Bradford in Pennsylvania. „Traditionell waren wir immer auf einer Höhe“, klagt er, die Lücke erklärt er allein mit Fracking. Wie viele Regionen im sogenannten Rostgürtel Amerikas musste Johnsons Landkreis den Verlust traditioneller Industriebetriebe verkraften, die Aussicht auf Gasförderung sei daher „fast wie ein Geschenk“. „Fracking ist eine der größten wirtschaftlichen Chancen, die wir hier jemals haben werden“, sagt Scott Kurkoski, ein Anwalt aus Vestal. Kurkoski ist für Fracking-Gegner ein Buhmann. Er vertritt viele Grundstücksbesitzer, die Förderrechte verkaufen wollen. Sein Job ist es, in den Verhandlungen mit der Gasindustrie möglichst viel herauszuholen.
Die Opposition verkennt nach seiner Meinung den Ernst der wirtschaftlichen Lage: „Der Status quo ist nicht okay. Hier sterben die Gemeinden.“ Für Kimberly More ist Otego so ein sterbender Ort: „Hier schließen Supermärkte und Schulen. Die Leute ziehen weg, weil es keine Jobs gibt.“ Die 43 Jahre alte More gehört zu den Menschen hier, die Anwalt Kurkoski „reich an Land, aber arm an Cash“ nennt. Sie hat knapp 70 Hektar Land, davon hat sie viel an Bauern verpachtet, einen Teil nutzt sie mit ihren Pferden und bietet Reittherapie an. Die Einnahmen sind dürftig. Nach ihrer Scheidung ist sie mit ihren drei Töchtern wieder bei ihren Eltern eingezogen, und sie musste ihren Bruder um Geld anpumpen. Sie erzählt von befreundeten Bauern aus der Gegend, die aus Geldnot die Hälfte ihrer Kühe verkauft haben. More sehnt die Freigabe von Fracking herbei und hofft, dass sich damit ihre Ausgangslage schlagartig ändert. Während sie heute kaum weiß, wie sie die Rechnungen bezahlen soll, könnte die Gasförderung auf ihrem Land ein Geldpolster bringen, das einmal das Studium der Töchter finanziert.
„Die Jobs sind das Risiko nicht wert“
Freilich ist es alles andere als gewiss, ob ein plötzlicher Geldregen auf die Region niedergeht, sobald Gouverneur Cuomo seinen Segen gibt. Der Fracking-Boom hat zu einem Überangebot an Erdgas geführt und die Preise für den Rohstoff in Amerika abstürzen lassen. Die Energiekonzerne halten sich mit neuen Gasprojekten zurück, manche verlagern Aktivitäten auf das derzeit lukrativere Erdöl, das ebenfalls zunehmend aus Schiefergestein gewonnen wird. Das nimmt dem Erdgas aber nicht sein längerfristiges Potential, zumal es politischen Willen auf höchster Ebene gibt. Präsident Barack Obama unterstützt Fracking. In seiner Rede zur Lage der Nation im Januar sagte er, Amerika habe Erdgasvorräte, die für 100 Jahre reichen, und die Förderung des Rohstoffs könne mehr als 600.000 Arbeitsplätze schaffen. Seine Regierung wolle alles tun, diese Energiequelle „auf sichere Art“ zu fördern. Auch in seiner Rede zum Abschluss des Parteitags in Charlotte bekräftigte Obama soeben diese Position.
Matt Ryan hält das für eine Illusion: „Ich glaube, es gibt keine sichere Art von Fracking.“ Als Bürgermeister von Binghamton käme Ryan die Aussicht auf Arbeitsplätze eigentlich gelegen: Seine Stadt hat seit den fünfziger Jahren fast die Hälfte ihrer Einwohner verloren. Trotzdem zählt er zu den schärfsten Fracking-Kritikern in der Region: „Die Jobs sind das Risiko nicht wert.“
Auch nicht alle Grundstückseigentümer warten begierig auf Fracking. Scott Clarke etwa pfeift darauf, dass er mit dem Verkauf von Förderrechten auf seinem gut zwanzig Hektar großen Anwesen bei Binghamton viel Geld verdienen könnte. Der 65 Jahre alte Renter hat heute von seinem Haus einen kilometerweiten Blick auf unberührte Wälder und Wiesen - dieses Bild könnte sich drastisch ändern, wenn hier Gas gefördert wird. Momentan geht Clarke von einer Anti-Fracking-Demonstration zur nächsten. Clarke macht sich aber nichts vor: Am Ende, so fürchtet er, wird er auf verlorenem Posten stehen.
Immer diese Zauderer - was spricht dagegen, folgende Chemikalien
tonnenweise in den Boden zu pumpen?
Friedhelm van Aal (vanAal)
- 09.09.2012, 08:34 Uhr
Wer die Dokumentation "Gasland" anschaut, weiß wohin der
Zug fährt. Hier geht es um Geld auf Kosten
Stephan Müller (Klarname)
- 08.09.2012, 22:59 Uhr
die EPA (US Umweltbundesamt) sieht das anders.
Kevin Bond (00Kevin)
- 08.09.2012, 22:05 Uhr
@ KEVIN BOND (00KEVIN):
Sönke Peters (soenkepeters)
- 08.09.2012, 15:33 Uhr
Umweltrisiken
Marvin Parsons (mapar)
- 08.09.2012, 14:59 Uhr