http://www.faz.net/-gqe-8yzre

Kommentar : Amazon offline

Filiale von Whole Foods: Mit dem Kauf des Ökomarkts drängt Amazon auf den stationären Handel. Bild: Reuters

Mit der geplanten Übernahme von Whole Foods will Amazon endlich auch den stationären Handel erobern. Das Signal ist eindeutig: Der Konzern will alles verkaufen – egal wo.

          Jeff Bezos gilt schon lange als Schrecken des klassischen Einzelhandels. Mit dem von ihm gegründeten und geführten Online-Händler Amazon.com hat er das Einkaufsverhalten vieler Menschen verändert. Warum noch in ein Geschäft gehen, wenn es so bequem und billig ist, bei Amazon zu bestellen, die Ware schnell geliefert wird und ohne Scherereien umgetauscht werden kann?

          Kleine Läden um die Ecke spüren die Konkurrenz von Amazon ebenso wie Handelskonzerne. An den Schwierigkeiten von Traditionsketten wie Macy’s und dem Niedergang der einst in Amerika so beliebten Einkaufszentren (Malls) dürfte der Online-Händler einen erheblichen Anteil haben. Jetzt schickt sich Bezos an, Amazon noch bedrohlicher zu machen. Mit der geplanten Übernahme der Supermarktkette Whole Foods wagt er seinen größten Schritt aus der virtuellen Einkaufswelt in das Revier der Rivalen im stationären Einzelhandel. Bezos will dafür einen zweistelligen Milliardenbetrag ausgeben.

          Es ist nicht auszuschließen, dass andere Bieter für Whole Foods auftauchen. Käme die jetzt vereinbarte Transaktion aber zustande, wäre sie eine Zäsur für Amazon. Seit seiner Gründung vor mehr als zwanzig Jahren hat das Unternehmen noch nie auch nur annähernd so viel Geld für einen Zukauf bezahlt. Und mit Whole Foods erhielte Amazon eine neue Identität, weit jenseits seiner Wurzeln als Online-Händler. Dabei galt es eigentlich als der große Vorteil von Amazon, kein teures Ladennetz unterhalten zu müssen. Das Unternehmen konnte sich in der physischen Welt weitgehend auf seine Distributionszentren beschränken und von dort Bestellungen ausliefern.

          Whole Foods ist kein typisches Kaufobjekt für Amazon

          Aber so entging Amazon ein gigantisches Geschäft. Im Handel mit Lebensmitteln spielt der Konzern trotz einiger Gehversuche kaum eine Rolle. Viele Verbraucher schrecken davor zurück, Lebensmittel im Internet zu bestellen, nicht zuletzt, weil sie frische Produkte wie Obst und Gemüse vor dem Einkauf persönlich begutachten wollen. Als reiner Online-Händler blieb Amazon somit in einem Markt außen vor, der Konzernen wie Wal-Mart erhebliche Umsätze bringt. Die geplante Übernahme von Whole Foods kommt für Amazon dem Eingeständnis gleich, ohne Ladennetz nicht ernsthaft in diesem Geschäft mitmischen zu können.

          Für Wal-Mart und andere Händler fällt damit die letzte große Bastion, in der sie von Amazon verschont waren. Das kommt ausgerechnet in einer Zeit, in der der amerikanische Lebensmittelmarkt in gewaltiger Bewegung ist. Vor allem deutsche Discounter sorgen für Furore. Lidl hat jüngst seine ersten amerikanischen Läden eröffnet, Aldi plant eine ehrgeizige Expansion.

          Die Übernahme von Whole Foods kommt nicht aus heiterem Himmel. Amazon hat zuletzt schon einige eigene Supermarktkonzepte getestet, darunter einen in der Branche vielbeachteten Laden ohne Kassenpersonal. Das Interesse am stationären Handel beschränkt sich auch nicht auf Lebensmittel. Amazon hat in den vergangenen beiden Jahren eine Reihe eigener Buchläden eröffnet und denkt angeblich auch über Fachgeschäfte für Möbel oder elektronische Geräte nach.

          Für Amazon wäre es nicht das erste Geschäft im Lebensmittelmarkt, doch bisherige Gehversuche wie die des eigenen Services „Amazon fresh“ waren nicht so erfolgreich wie erhofft.
          Für Amazon wäre es nicht das erste Geschäft im Lebensmittelmarkt, doch bisherige Gehversuche wie die des eigenen Services „Amazon fresh“ waren nicht so erfolgreich wie erhofft. : Bild: AFP

          Whole Foods lag als Kaufobjekt nicht unbedingt auf der Hand. Die Kette gibt sich einen Öko-Anstrich und ist entsprechend teuer. Amerikaner nennen sie scherzhaft „Whole Paycheck“ und suggerieren damit, ein Einkauf in ihren Läden zehre das Gehalt auf. Dagegen ist Amazon für niedrige Preise bekannt. Aber es gibt Gemeinsamkeiten. Viele Kunden von Whole Foods dürften Abonnenten des Amazon-Versandangebots „Prime“ sein, eine besonders bestellfreudige Klientel.

          Werden die Märkte ein Abholort für Amazon-Waren?

          Amazon selbst hält sich mit seinen Plänen für Whole Foods bislang bedeckt. In jedem Fall würde der Zukauf dem Unternehmen Hunderte Standorte in kaufkräftigen Gegenden bringen. Amazon dürfte seine Expertise aus der virtuellen Einkaufswelt in diese Läden bringen, zum Beispiel durch Verwertung seines gewaltigen Schatzes von Kundendaten oder indem Verbraucher hier nicht nur regulär einkaufen, sondern auch Waren abholen, die sie zuvor im Internet bestellt haben.

          Bezos ist vielleicht bald der reichste Mensch der Welt. Dank kräftiger Kursgewinne der Amazon-Aktie ist er Bill Gates, dem Mitgründer des Softwarekonzerns Microsoft und langjährigen Spitzenreiter auf diversen Listen der Superreichen, dicht auf den Fersen. Manche Analysten trauen Amazon zu, als eines der ersten Unternehmen einen Börsenwert von einer Billion Dollar zu erreichen.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Solche Phantasien schürt Bezos durch das Besetzen neuer Märkte. Er hat jenseits des Online-Handels ein sehr profitables Geschäft mit Cloud Computing aufgebaut, und er hat Amazon mit dem „Echo“-Lautsprecher und der zugehörigen Software „Alexa“ zum Vorreiter auf dem Wachstumsmarkt für Assistenzsysteme gemacht. Ob der Vorstoß in den stationären Einzelhandel gelingt, ist ungewiss, Amazon hat sich schon oft Fehlschläge geleistet. So oder so hat Bezos mit seinem Griff nach Whole Foods ein Ausrufezeichen gesetzt und signalisiert, wie weit seine Ambitionen reichen. Amazon genügt es nicht, der führende Internethändler zu sein. Der Konzern will alles verkaufen – online oder offline.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Der Mann hinter Wikipedia Video-Seite öffnen

          Jimmy Wales : Der Mann hinter Wikipedia

          Der Gründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia könnte Geld wie Heu scheffeln, wenn die Werbeindustrie Anzeigen auf Wikipedia stellen dürfte. Darf sie aber nicht. Warum ist Jimmy Wales nicht am Profit interessiert?

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Christian Lindner : Demut unter der Dusche

          Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.
          Eheschließung für alle: Kritiker des Gesetzes befürchten eine schleichende Islamisierung des sozialen Lebens.

          Türkei beschließt neues Gesetz : Ehe für alle

          In der Türkei dürfen künftig auch Muftis Paare vermählen. Kritiker sehen das Gesetz als Angriff auf den Säkularismus – und befürchten eine Zunahme von Kinderheiraten.
          Ihre Bewerbung gefällt dem Kreml: die russische Journalistin Xenia Sobtschak, hier 2012 in Moskau

          Kandidatin Sobtschak : Ein Geschenk des Glamours

          Die Journalistin Xenia Sobtschak, die schon Glamour-Girl und Heldin in Reality-TV-Shows war, will bei der russischen Präsidentenwahl antreten. Das stößt auf Kritik – aus Sicht des Kremls ist ihre Bewerbung aber von Vorteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.