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So essen die Deutschen : Am liebsten immer noch: Sauerbraten

50 Kilo Fleisch isst ein durchschnittlicher Deutscher im Jahr – vieles davon kommt aber nicht mehr direkt von der Frischetheke. Bild: Hannes Jung

Von wegen nur noch vegan: Die Essgewohnheiten der Deutschen ändern sich erstaunlich langsam. Das gilt auch für den zuständigen Minister.

          Die Jackfrucht, Fleischersatz aus Roter Bete und allerlei Algen: Glaubt man Trendforschern und Food-Bloggern, dann kommt bei uns in diesem Jahr jede Menge gesundes neumodisches Essen auf den Teller. Fleisch ist in diesen Kreisen mittlerweile derart verpönt, dass es allenfalls als Randnotiz taugt. Der moderne Mensch ernährt sich von Pflanzen und schont damit Tier und Umwelt, heißt es.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Doch stimmt das wirklich? Die vielen Likes und Herzchen für Avocado-Kaffee und Gurkenwasser in den einschlägigen sozialen Netzwerken sind das Eine. Das Einkaufsverhalten der Mehrheit der Deutschen im Supermarkt unterscheidet sich davon allerdings doch deutlich. Und daran ändert sich auch wenig, wie der neue Ernährungsreport von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) und den Marktforschern von Forsa zeigt.

          Jeder Fünfte isst täglich Süßigkeiten

          Demnach bekunden zwar 92 Prozent der Deutschen, dass ihnen gesundes Essen wichtig ist. Fast jeder Vierte aber holt sich mindestens einmal in der Woche Snacks wie belegte Brötchen, Pizza oder Burger. Auch der Fleischkonsum sinkt trotz aller Ermahnungen von Ärzten und Politikern nur langsam. 30Prozent der mehr als 1000 Befragten gaben an, täglich Fleisch oder Wurst zu essen. Das sind zwar 4 Prozentpunkte weniger als im vergangenen Jahr, von einem Trend will Forsa-Studienleiter Peter Matuschek aber nicht sprechen. Der Rückgang bewege sich eher im Bereich der statistischen Fehlertoleranz.

          Nicht ganz ins Bild der ach so gesunden Ernährung passt außerdem, dass 20 Prozent der Frauen und 17 Prozent der Männer täglich Süßigkeiten essen. Und auch der Einkauf im Bio-Supermarkt bleibt vorerst ein Nischenphänomen. Obwohl es zumindest in Großstädten mittlerweile von solchen Läden nur so wimmelt, kaufen insgesamt erst 11Prozent der Deutschen dort ein. Klassische Supermärkte und Discounter liegen in der Gunst der Verbraucher weiter mit großem Abstand vorn.

          „Es gibt ein hohes Maß an Kontinuität, was die Einstellung zum Thema Ernährung angeht“, sagt Forsa-Forscher Matuschek: „Es wird nach wie vor ausgiebig Fleisch gegessen. Veggie erfasst nicht alle Bevölkerungsteile.“ Laut dem Bundesverband der Fleischindustrie isst jeder Deutsche im Jahr im Schnitt 60 Kilo Fleisch – eine Zahl, die im Lauf der vergangenen Jahre weitgehend konstant blieb. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt jedoch maximal 600 Gramm je Woche, also nur 31 Kilo im Jahr.

          Dazu passt, dass sich vegetarische Fleischersatzprodukte, zuweilen schon als „Vleisch“ bezeichnet, offenbar nicht mehr so gut verkaufen. So ließ etwa der Fleischproduzent Clemens Tönnies unlängst durchblicken, die Bestellungen des Handels nach diesen Produkten seien drastisch zurückgegangen. Auch die Marktforscher der GfK berichten von Umsatzrückgängen. Viele Menschen hätten die Fleischersatzprodukte ausprobiert, es aber bei diesem Versuch belassen.

          Die Start-up-Branche hindert das nicht daran, weiter an einem Fleischersatz zu tüfteln, der dem Original noch näher kommt. Eines dieser Unternehmen heißt „Beyond Meat“, kommt aus Los Angeles und arbeitet mit Erbsenprotein. Sieben Jahre hat die Entwicklung einer angeblich täuschend echten, weil saftigen Burger-Frikadelle gedauert, finanziell gefördert unter anderem von Bill Gates und den Twitter-Gründern. In Amerika ist sie schon in vielen Supermarktketten erhältlich, die Expansion nach Europa ist geplant.

          „Deutschland ist ein Volk von Köchen!“

          Landwirtschaftsminister Schmidt nutzte die Vorstellung des Ernährungsreports am Mittwoch derweil, um noch einmal für sein geplantes Tierwohllabel zu werben. Vier von fünf Verbrauchern wünschten sich laut Forsa ein solches Label. Schmidt sagte, das Thema werde auch in den Koalitions-Sondierungsgesprächen mit der SPD eine Rolle spielen – konkreter wurde er allerdings dazu nicht.

          Lieber lobte er die Kochkünste der Deutschen. Laut Forsa stehen immerhin 43 Prozent der Befragten täglich zuhause am Herd. Was den Minister zu der gewagten Aussage verleitete: „Deutschland ist ein Volk von Köchen!“ Auf ihn selbst treffe das allerdings nicht zu, musste er einräumen. An seinem Lieblingsgericht, einem schönen eingelegten Sauerbraten, habe er sich schon seit längerem nicht mehr versucht.

          Ernährungsbericht : Das kommt bei den Deutschen auf den Teller

          Quelle: F.A.Z.

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