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Altersvorsorge Die private schlägt die staatliche Rente

19.10.2007 ·  Die Rentenkasse zahlt immer weniger aus. Hätte sie die Beiträge am Kapitalmarkt angelegt, könnte sie doppelt so viel überweisen. Wir haben gerechnet. Von Dyrk Scherff.

Von Dyrk Scherff
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Unsere Rente ist uns lieb - und vor allem teuer. Es sind gewaltige Summen, die ein Bürger in seinem Berufsleben in die gesetzliche Rentenkasse einzahlt. Mehr als 100.000 Euro kommen da leicht zusammen.

Jedes Jahr schreibt uns das der staatliche Rentenverwalter, die Deutsche Rentenversicherung Bund, genau auf - in der Renteninformation. Die schickt sie gerade wieder jedem Berufstätigen zu, der in das gesetzliche Alterssystem einzahlen muss. Das sind alle außer Beamten, Freiberuflern und Selbständigen. Der Brief enthält nicht nur die seit dem Beginn des Berufslebens eingezahlten Beiträge, sondern auch die im Ruhestand monatlich zu erwartende Rente.

Mindestens 25 Prozent mehr bei Privatversicherung

Was da an Zahlen herauskommt, ist ernüchternd: Hätten die Betroffenen das Geld statt in die Rente lieber in eine durchschnittlich verzinste Lebens- oder private Rentenversicherung oder einen Banksparbrief eingezahlt, bekämen sie im Ruhestand mindestens 25 Prozent mehr Rente. Bei einigen wäre es sogar fast das Doppelte. Selbst der Geringverdiener, der mit magerer Rente rechnen muss, stellte sich so um mehrere 100 Euro im Monat besser.

Diese Ergebnisse hat Adrian Ottnad, Ökonom beim angesehenen privatwirtschaftlichen Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG), exklusiv für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung errechnet. Sie sind eher konservativ. Das heißt: Für die staatliche Rente mit Steigerungen von jährlich zwei Prozent sind die Annahmen optimistisch, und für die private Vorsorge mit einer Verzinsung von aktuell nur 3,5 Prozent im Jahr allenfalls durchschnittlich.

Keine Zinseinnahmen

Und dennoch zeigt sich: Würde die Rentenkasse ihre Gelder am Kapitalmarkt anlegen, müssten die Bürger deutlich weniger privat vorsorgen, um im Ruhestand ihren Lebensstandard halten zu können. Doch die gesetzliche Alterssicherung funktioniert nicht so, sondern in einem Umlageverfahren. Das heißt: Die Beiträge, die die Arbeitnehmer einzahlen, werden sofort wieder an die aktuellen Rentner weitergeleitet, also „umgelegt“. Die Gelder erwirtschaften keine Zinseinnahmen wie bei einer Anlage am Kapitalmarkt.

Höhere Renten kann es nur geben, wenn die Zahl der Beitragszahler wächst oder die Löhne steigen. Beides sorgt für höhere Einzahlungen. Das ist in der aktuellen guten Wirtschaftslage der Fall. Langfristig aber wirkt vor allem die Entwicklung der Demographie - und das negativ. Die Alterung der Bevölkerung sorgt dafür, dass immer weniger Berufstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen. Der Anstieg der Altersbezüge ist daher geringer oder fällt ganz aus, die private Rente gewänne weiter an Vorsprung.

Für Frauen wäre der Vorteil geringer

Aber nicht für jeden gleichermaßen. Es gibt deutliche Unterschiede, wie die von Fachmann Ottnad berechneten Beispiele zeigen. Den größten Vorteil einer Anlage am Kapitalmarkt hätten diejenigen gehabt, die jetzt kurz vor dem Ruhestand stehen. Männliche Senioren könnten auf eine fast doppelt so hohe Rente hoffen wie aus dem Umlageverfahren. „Sie hätten in den 70er bis zum Anfang der 90er Jahre oft von sehr hohen Zinsen bis zu neun Prozent profitiert“, begründet das Ökonom Ottnad. Jüngere würden von der privaten Anlage auch noch sehr stark begünstigt, aber weniger als 60-Jährige, weil die Zinsen nun niedriger sind.

Für Frauen wäre der Vorteil der privaten Anlage geringer als für Männer, denn das schwache Geschlecht ist in der staatlichen Rente bevorzugt. „Dort bekommt es für gleiche Beiträge wegen der höheren Lebenserwartung länger und damit insgesamt mehr Unterstützung als gleichaltrige Männer“, erklärt Ottnad.

Auch Ostdeutsche hätten von einer verzinsten Anlage weniger als die Westdeutschen. Denn wer in der DDR groß geworden ist und dort gearbeitet hat, ist in der gesetzlichen Rente privilegiert. Er hat dann oft sehr lange gearbeitet, gleichzeitig wenig eingezahlt, bekam aber nach der Einheit deutlich höhere Renten.

Das staatliche System zu verlassen ist nicht möglich

Mit diesen Erkenntnissen würden die Arbeitnehmer am liebsten das staatliche Rentensystem verlassen und privat sparen. Doch das ist nicht möglich, Arbeitnehmer müssen dort einzahlen. Selbst Selbständige, die keine Beschäftigten haben und nur einen Hauptkunden, sind dazu verpflichtet - genauso wie selbständige Lehrer, Pfleger und Künstler.

Das ist nicht nur ärgerlich, weil es privat mehr Rente gäbe. Sondern auch, weil die staatliche Unterstützung im Ruhestand zunehmend nicht mehr reichen wird. Die monatlichen Renten in unseren Beispielen sind da noch hoch angesetzt. Denn die Kalkulation rechnet optimistisch mit zwei Prozent Rentenanstieg im Jahr. Und sie basiert zur besseren Vergleichbarkeit auf Berufstätigen, die ein ideales Erwerbsleben haben - also zum Beispiel keine Arbeitslosigkeit oder Erziehungszeiten aufzuweisen haben.

Viele Arbeitnehmer bekommen geringere Renten

Viele Arbeitnehmer haben so eine Biographie nicht. Sie müssen daher von geringeren Renten ausgehen. Die jungen Beitragszahler von heute werden im Alter wahrscheinlich weniger als die Hälfte ihres letzten Nettoeinkommens als Rente bekommen.

Sie laufen somit Gefahr, unter Berücksichtigung der Inflation nicht einmal das herauszubekommen, was sie eingezahlt haben. Sie müssen also privat vorsorgen. Und das möglichst mit mehr als 3,5 Prozent Zinsen im Jahr. Eine Riestervorsorge und ein paar Aktien sind da Pflicht.

Was die jährliche Renteninformation verrät

Jedes Jahr kommt Post von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Sie errechnet für jeden Bürger individuell, wie viel staatliche Rente er im Ruhestand zu erwarten hat. Dazu hat sie das komplette Berufsleben eines Berufstätigen gespeichert. Interessant sind dabei die gezahlten Beiträge sowie Zeiten von Arbeitslosigkeit, Ausbildung oder Kindererziehung. Dies hat alles Auswirkungen auf die Rentenhöhe.

Vor einigen Jahren wurde die Renteninformation stark kritisiert, weil sie zu optimistische Annahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung traf, die zu unrealistisch hohen Renten führten. Mittlerweile sind die Briefe aussagefähiger geworden. Sie rechnen auf Basis mehrerer Szenarien: eine Variante ohne Rentenerhöhung, ein Fall mit einem Prozent und eine Version mit zwei Prozent Anstieg. Zur Planung der privaten Altersvorsorge sollte das vorsichtigste Szenario gewählt werden. Denn die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass ausfallende Rentenerhöhungen kein Einzelfall sind.

Die angegebenen Zahlen müssen dennoch vorsichtig gelesen werden. Denn die Inflation ist nicht berücksichtigt. Aber eine jetzt versprochene Rente von 1000 Euro ist eben in 20 Jahren bei einer Teuerung von 1,5 Prozent nur noch 740 Euro wert. Darauf weist die Renteninformation zwar hin, rechnet es aber nicht für die angegebene Rente vor. Die Bürger müssen also selber kalkulieren.

Zudem werden Bruttorenten aufgeführt. Im Geldbeutel landet davon nur ein Teil, denn die Auszahlungen müssen versteuert werden, je nach Jahrgang mindestens zu 50 Prozent. Zudem sind dafür die halben Krankenkassenbeiträge und der volle Pflegekassensatz zu bezahlen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.10.2007, Nr. 41 / Seite 49
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