20.04.2011 · Das Alter ist eine ganz neue Phase. Sie hat mit Loslassen zu tun, der Abkehr von festen Terminen, der Erkundung ganz neuer Interessen. Wer das nicht akzeptiert, bringt sich um sein Glück.
Von Hendrik AnkenbrandIm Film „Pappa Ante Portas“ spielt Loriot den Einkaufsdirektor Heinrich Lohse, der von seinem Arbeitgeber, der Deutschen Röhren AG, von einem auf den anderen Tag in den Vorruhestand abserviert wird. Plötzlich sitzt Herr Lohse zuhause auf der Couch, dürstet nach Aufgaben und kauft palettenweise Senf ein, wegen dem Mengenrabatt. Für die Putzfrau arbeitet Lohse einen Reinigungsplan aus, stellt sein Heim als Filmkulisse zur Verfügung, spielt selbst als Laiendarsteller mit und versucht sich auf der Blockflöte. Das Unheil nimmt seinen Lauf, am Ende schrammt Lohse haarscharf an der Trennung von der Ehefrau vorbei.
Wenn der Alterswissenschaftler und Psychotherapeut Meinolf Peters Vorträge über „die geschenkten Jahre“ im Ruhestand hält, führt er diese Filmszenen vor. „Herr Lohse ist das Paradebeispiel dafür, was passieren kann, wenn plötzlich der Wecker nicht mehr klingelt“, sagt Peters. Der alte Rhythmus des Berufslebens – sieben Uhr aufstehen, um acht die Fahrt ins Büro, Feierabend um sieben, danach noch auf einen Absacker mit den Kollegen – ist passé. Ein neuer Rhythmus muss her. Ein Plan fürs Alter, je schneller desto besser.
Das ist zumindest die weit verbreitete Vorstellung vom Ruhestand, befeuert durch allerlei Ratgeber aus den Sachbuchprogrammen der Verlage. Jeder Mensch brauche eine Tätigkeit, die Bestätigung bringe, heißt es in „Die besten Jahre - Planen Sie jetzt, wie Sie nach dem Job leben wollen“ (Campus Verlag), eine Schritt-für-Schritt-Anleitung mit dem „Wohlfühlmodell für den Ruhestand“: Talente analysieren (Kreativität, Lernbegeisterung, Kontaktfreudigkeit, Ausdauer, Hilfsbereitschaft) und das entsprechende Hobby wählen.
„Flitterwochen“ nennt der Marburger Professor Peters, Jahrgang 1952, die Zeit nach dem Berufsausstieg, in der sich die noch jungen Alten gemäß solcher Handlungsanweisungen auf neue Aufgaben stürzen, die den verloren gegangenen Lebenssinn wiederbringen sollen: Die Heimwerkerarbeit am Haus, das Buddeln im Garten, die Planung der Weltreise – die, das haben Freizeitforscher herausgefunden, dann in den überwiegenden Fällen doch ein Traum bleibt.
Irgendwann ist alles repariert
In der Realität wird meist zuhause weiter gewerkelt, aber irgendwann sind alle Lampen repariert, ist der Zaun gestrichen, alle Aufgaben erledigt und die Stimmung wird brüchig. „Dann kommt die Anpassungskrise“, sagt Peters, und diese zu Durchleben sei eigentlich schon am Beginn des Ruhestands notwendig gewesen, bevor es an neue Aufgaben überhaupt zu denken sei. „Ein Aufgabenplan hilft zunächst nicht weiter. Die Menschen müssen sich von ihrem Berufsleben verabschieden, sie brauchen eine Zeit der Trauer, auch Langeweile kann Teil der Verarbeitung sein.“ Nur so könne Neues, Authentisches entstehen.
Denn das Authentische, das was wirklich den eigenen Wünschen entspricht, ist der Schlüssel zum inneren Gleichgewicht im Alter: Wie will ich leben? Was will ich tun, will ich überhaupt etwas tun oder erst mal genießen, genug Zeit für Zeitung und Bücher zu haben, die im Beruf liegen bleiben mussten? Welchen Sport will ich treiben? Will ich in den Süden ziehen? Diese Fragen sind so groß und bei jedem so verschieden, dass sie viel Zeit brauchen.
Altern hat mit Loslassen zu tun
Also einfach planlos altern? Natürlich könne man zu Beginn des Ruhestands Listen schreiben, sagt Peters: Hobbys, aufzufrischende Freundschaften. Doch glücklicher machten die Listen nicht, hat der Psychologe bei der Beratung von Älteren festgestellt, die an Depressionen leiden. Es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn der vormals Erfolgreiche sein jahrzehntelang gesammeltes unternehmerisches Wissen weitergäbe, als Wirtschaftssenior etwa, der junge Existenzgründer berät. Mögen sich die jungen Alten ins Vereinsleben stürzen, auf das Ehrenamt in der Gemeindeverwaltung. „Aufgaben und Rituale sind wichtig für Menschen“, sagt Peters, sie gäben Halt. Wichtiger für den Seelenfrieden sei jedoch eine andere Erkenntnis: „Altern hat in erster Linie mit Loslassen zu tun. Davon, was uns ein ganzes Berufsleben lang durch den Tag getrieben hat: von außen vorgegebene Termine.“
Der Ruhestand habe eine andere Lebensqualität zu bieten, als einfach immer so weiter zu machen, als sei man noch im Job, sagt der Psychologe Peters: „Wir sprechen hier von der Entdeckung der Langsamkeit.“ Die kann sich bei langen Wanderungen an frischer Luft einstellen, die Gesundheit und Wohlbefinden gleichermaßen fördern. Bei ausgedehnten Theaterbesuchen, auch in den fünf Stunden auf dem schönen 18-Loch-Golfplatz.
Schon viel früher mit dem Planen beginnen
Wenn man den neuen Lebensabschnitt planen kann, dann weit früher und anders als mit Listen. „Die geschenkten Jahre“ beginnen bereits zur Lebensmitte, wenn bei den Ersten die Kinder ausziehen, die Karriereoptionen begrenzter werden und sich das Gefühl einstellt: Die Zeit vergeht. Wer dann weiterhin einseitig sein Leben nach dem Beruf ausrichtet, seine Freunde nur unter Kollegen sucht und im Extremfall ein neurotisches Abhängigkeitsverhältnis zu seiner Tätigkeit pflegt - ein Phänomen, das bei Männern häufiger auftritt als bei Frauen - der wird nach Berufsende Probleme mit der Selbstwahrnehmung bekommen, davon sind viele Alterspsychologen überzeugt.
Die eigentlich gar nicht weit verbreitete Alterseinsamkeit, glaubt Meinolf Peters, könnte künftig zunehmen, weil in der Globalisierung die Kinder und Enkel der Alten künftig rund um den Erdball leben und arbeiten werden, immer früher, immer weiter entfernt. Andererseits steige auch die Mobilität der Alten, das wiederum könne die Lebensqualität steigern: „Meine Nachbarn sind gerade an die Nordsee gezogen, die finden das einfach schön da.“
Der Gesellschaft zurückgeben
Auch Bildungsreisen (wenn auch nicht gleich um die ganze Welt) stehen bei vielen für neu gewonnene Lebensqualität. Ebenso Museen, Theater, Opern. Oder die Gasthörerschaft an der Universität, ein Phänomen, das durch den baldigen Renteneintritt der in der Bildungsrevolution der siebziger Jahre sozialisierten Babyboomer in den nächsten zehn Jahren stark zunehmen wird.
Die Aufgaben, die am ehesten zum inneren Gleichgewicht führen, tragen allerdings einen anderen Charakterzug, den des Gebens: „Generativität“ nennt das die Psychologie: Da ist der pensionierte Lehrer Mitte 60, der nun schon zum zweiten Mal mit einer Umweltschutzorganisation in die Alpen fährt, den Wald aufforsten. Anschließend streift er durch die Berge. Vielleicht entsteht ein längerfristiges Engagement daraus, wer weiß. Generativität, das heißt, sich die Frage zu stellen: Wie geht es mit mir und mit der Welt weiter? Es geht um Aufgaben, die der Gesellschaft etwas zurückzugeben.
Das kann vieles sein, das Ehrenamt, oder auch das Stiften: 2010 wurden 823 neue Stiftungen in Deutschland gegründet, wegen als 2009, doch die Zahl derer wächst, die Geld in bestehende Stiftungen stecken. Meist sind die Stifter im Pensionsalter. Sie wollen sich ein Stück unsterblich machen und sie wollen etwas für andere tun. Das ist es, was Generativität meint. Es schließt das nachmittägliche Golfspiel nicht aus. Und auch nicht das gesellige Glas Wein am 19. Loch.
Hendrik Ankenbrand Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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