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Alter und Arbeit (7) Die Lasten einer alternden Bevölkerung leichter schultern

18.09.2003 ·  Der Unterschied zwischen privatem Nutzen und sozialisierten Kosten erklärt den Unterton der Debatte über Alter und Arbeit. Letzter Teil der F.A.Z.-Serie „Die demographische Zeitbombe“.

Von Patrick Welter
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In der Debatte über die schrumpfende Bevölkerung und die alternde Gesellschaft erstaunt die Gewißheit, mit der manche Thesen über die Zukunft vorgetragen werden. Da gibt es die Fraktion der Optimisten, die sich von der abnehmenden Bevölkerungszahl eine Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit verspricht. Diese Annahme erscheint verwegen: Es ist nicht vorherbestimmt, daß der demographische Wandel in einigen Jahrzehnten mit Knappheit am Arbeitsmarkt und Vollbeschäftigung einhergehen wird. Mit der schrumpfenden Zahl der Deutschen im erwerbsfähigen Alter mag die Zahl der Arbeitslosen zurückgehen; ein Sinken der Arbeitslosenrate hängt aber allein davon ab, ob Gewerkschaften in Zukunft einen markträumenden Lohn und Regierungen einen funktionsfähigen Arbeitsmarkt zulassen. Heute ist das in Deutschland nicht der Fall.

Doch auch die These der Pessimisten, daß mit der sinkenden Zahl der Erwerbstätigen notgedrungen Wirtschaftswachstum und Wohlstand verlorengingen, ist übertrieben. Welche Folgen der demographische Wandel für die Gesellschaft und den Wohlstand haben wird, hängt davon ab, wie die Menschen und wie die Wirtschaftspolitik sich darauf vorbereiten. Was auch immer als Szenario an die Wand gemalt wird - der Weg, den die Deutschen gehen werden, wird heute schon durch politische Entscheidungen festgelegt. Das ist Auftrag und Chance zugleich.

Fest steht zweierlei

Fest steht bislang lediglich zweierlei. Die Deutschen werden weniger und älter. Und: Die Deutschen werden sich den Kosten der alternden Gesellschaft stellen müssen. Kein politischer Beschluß kann die künftig zunehmende Anzahl von Rentnern, Kranken- und Pflegefällen aus der Welt schaffen - schließt man moralisch nicht akzeptable Überlegungen wie den Verzicht auf Operationen für über 85jährige aus. Fast alle ernsthaft diskutierten Reformen mindern die Kosten der Alterung nicht. Sie verschieben die Last lediglich aus dem öffentlich wahrgenommenen Bereich - den Sozialkassen - direkt in die privaten Haushalte.

Wer etwa den Anstieg der Rentenzahlungen mit demographischen oder Nachhaltigkeitsfaktoren bremsen will, der verlagert einen Teil der bislang vergemeinschafteten monetären Last des Rentnerlebens auf - heutige und künftige - Ältere. Das erleichtert es der Regierung, den Staatshaushalt und die Sozialkassen finanzierbar zu halten, ist aber letztlich lediglich ein politischer Verteilungskampf. Ähnliches gilt für Ideen, mit zwanghaften "Bürgerversicherungen" neue Finanzierungsquellen für die Krankenversorgung zu erschließen. Als Antwort auf die Probleme einer alternden Gesellschaft sind solche Schritte nicht hinreichend.

Eine politische Antwort

Eine politische Antwort auf den demographischen Wandel muß auch die gesamtwirtschaftlichen Veränderungen in den Blick nehmen, die die Alterung mit sich bringt. Schätzungen zufolge wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2050 um rund 10 Millionen auf etwa 30 Millionen sinken. Damit schrumpft für sich genommen das Wachstumspotential der Volkswirtschaft. Zugleich steigt der Konsumanteil nicht erwerbstätiger Rentner, die andere Güter nachfragen als jüngere Haushalte: weniger Kleidung und Möbel, mehr Gesundheits- und Freizeitdienstleistungen. Im Kern heißt das, daß künftig weniger Menschen mehr und anderes produzieren müssen, soll der Wohlstand nicht sinken.

Die Herausforderungen der alternden Bevölkerung für die Wirtschaftspolitik liegen deshalb nicht nur darin, staatliche Ausgaben und Tätigkeiten zurückzuführen, um die öffentlichen Haushalte und Sozialkassen demographiefest zu machen. Mehr noch ist die Politik gehalten, Menschen und Unternehmen die Chance zu geben, sich auf den demographischen Wandel und seine Kosten vorzubereiten. Im Vordergrund hat aus gesamtwirtschaftlicher Sicht eine Stärkung des Wachstumspotentials zu stehen.

Mehr unbürokratischer Wettbewerb

Gelingen kann das über eine höhere Produktivität, die bessere Ausbildung und einen höheren Kapitaleinsatz voraussetzt. Das verlangt mehr und unbürokratischen Wettbewerb im schulischen und universitären Ausbildungswesen, um dessen Qualität zu erhöhen. Und es verlangt eine liebevollere Pflege des Standorts Deutschland, um Investoren, Unternehmen und Fachkräfte anzulocken. Es verlangt niedrigere Steuer- und Abgabensätze und eine Deregulierung am Arbeitsmarkt, damit der altersbedingte Strukturwandel der Wirtschaft sich möglichst ohne Verwerfung abspielen kann. Selbst die notwendigen Reformen der Sozialkassen lassen sich sinnvollerweise am produktivitätsorientierten Wachstumsziel ausrichten: So würde eine stärkere Kapitaldeckung in der Renten- und in der Krankenversicherung das Kapitalangebot erhöhen und die Investitionsentscheidungen mancher Unternehmen erleichtern.

Produktivitätszuwächse reichen aber nicht aus, um den Verlust an Arbeitskraft in der alternden Gesellschaft auszugleichen. Die Deutschen müssen zusätzlich mehr und länger arbeiten, wenn sie ihren Lebensstandard halten wollen und zugleich für mehr Rentner aufkommen müssen. Eine längere Lebensarbeitszeit ist unabdingbar und eigentlich auch natürlich, wenn zugleich die Lebenserwartung steigt. Mehr Arbeit schafft Wachstum. Die Alterung der Gesellschaft erfordert deshalb mehr, nicht weniger Arbeit.

Sage niemand, damit erwüchse Deutschland künftig ein neues Arbeitslosenproblem. In Ländern mit hoher Erwerbstätigkeit der Älteren ist die Arbeitslosigkeit niedriger. Wo die Alten mehr arbeiten, sind in der Regel auch mehr Junge beschäftigt. Ob Ältere länger oder Frauen mehr arbeiten dürfen und genügend Stellen finden, hängt nicht davon ab, wer wem den Arbeitsplatz wegnimmt. Es hängt allein davon ab, ob Politik und Gewerkschaften ihre Regulierungsmacht über den Arbeitsmarkt zurücknehmen. Das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, daß die Deutschen die Last der alternden Bevölkerung leichter schultern können.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2003, Nr. 218 / Seite 14
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