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Altengerechte Güter und Werbung Breitere Tasten auf dem Handy

18.09.2003 ·  Größter Profiteur der künftigen Altersentwicklung ist der Gesundheitssektor. Hinzu kommt die Markteinführung von Lifestyle-Präparaten, die älteren Menschen die Verbesserung ihrer Lebensqualität versprechen.

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Der Mann ist 78 Jahre alt und antwortet ohne Zögern mit Ja. Er könne sich den Kauf eines Smart gut vorstellen. Eines Smart? Dieses für die Jugend entwickelten Stadtautos? In den hoch gebauten Kleinwagen könne er bequem einsteigen und komme ohne Hilfe wieder heraus, lautet sein Argument.

Der Smart ist aber auch aus anderer Sicht ein interessantes Anschauungsobjekt. "Kein älterer Mensch möchte gerne ein Produkt nutzen, das ihn und sein soziales Umfeld an seine persönlichen Einschränkungen und Handikaps erinnert. Speziell entwickelte Seniorenfahrzeuge würden kaum Käufer finden", sagt Frank Ruff aus dem Forschungsbereich Gesellschaft und Technik von Daimler-Chrysler. Die Herausforderung für die Zukunft liege darin, die Kluft zwischen dem vom Fahrer angestrebten aktiven, unabhängigen und jugendlichen Image und der Funktionalität eines "altengerechten" Autos zu überwinden.

Beeinträchtigungen der Seh- und Hörfähigkeit sowie der Reaktionsgeschwindigkeit gehören zu den am frühesten einsetzenden altersbedingten Einschränkungen. Autos werden deshalb in Zukunft über Sensorsysteme (Abstands-, Unfall-, Park-, Müdigkeitssensoren) verfügen, über Nachtsichtgeräte, über Systeme, die relevante Außengeräusche verstärken, und über speziell beschichtete Scheiben, die Wasser und Schmutz abweisen. Die Industrie arbeitet zudem an breiteren Einstiegen durch Weglassen der B-Säule (Blechteil zwischen vorderer und hinterer Tür), an Servounterstützungen zum Öffnen der Türen oder an elektrisch drehbaren Sitzen mit Heiz-, Kühl- und Massagefunktionen.

Ungeeignete Tastaturen

Für viele Menschen wird neben dem Auto das Handy zum ständigen Begleiter. So erscheint unverständlich, warum die meisten heute verfügbaren Mobiltelefone Tastaturen und Anzeigen haben, die von älteren Menschen kaum bedient und gelesen werden können. Hier dürfte es in den kommenden Jahren zu einer Innovationswelle kommen.

Größter Profiteur der künftigen Altersentwicklung ist nach allgemeiner Überzeugung der Gesundheitssektor. Läßt man das Problem der Finanzierbarkeit unberücksichtigt, sind Medikamente der Wachstumsmarkt schlechthin. Allein in der Entwicklungspipeline von amerikanischen Pharma- und Biotechnologieunternehmen befinden sich zur Zeit mehr als 800 Arzneimittel, die hauptsächlich auf die Behandlung der älteren Bevölkerung zielen.

Hinzu kommt die Markteinführung von sogenannten Lifestyle-Präparaten, die im wesentlichen gesunden, aber durchaus auch älteren Menschen die Verbesserung ihrer Lebensqualität versprechen. Hierzu zählen das Potenzmittel Viagra und seine jüngst vorgestellten Konkurrenten ebenso wie Präparate gegen Fettleibigkeit. Fachleute gehen zudem davon aus, daß auch Produkte gegen eine rasche Alterung der Haut künftig immer beliebter werden.

Alterung als Wachstumsfaktor

Manfred Beeres vom Bundesverband Medizintechnologie bestätigt das. In der Alterung der Bevölkerung sehe die Industrie neben dem medizinisch-technischen Fortschritt und einem sich um Faktoren wie "Lebensqualität" und "Wohlfühlen" ausweitenden Gesundheitsbegriff den dritten wichtigen Wachstumsfaktor. Als "klassische" Wachstumsbereiche gelten die Stoma- und Inkontinenzversorgung. Für Stomaprodukte bei Darmkrebserkrankungen und Erwachsenenwindeln werden jeweils mehr als 300 Millionen Euro im Jahr in Deutschland ausgegeben. Eine wachsende Bedeutung komme auch dem Homecare-Bereich zu. Dabei gehe es um die Betreuung und therapeutische Versorgung von Patienten zu Hause mit ähnlicher Qualität wie in der Klinik. Das werde vor allem für ältere Menschen wichtig, die in ihrem vertrauten Umfeld wohnen bleiben wollen.

Auch die Zahnärzte und Zahntechniker werden durch die Alterung eher mehr als weniger zu tun haben. Das liege aber nicht allein daran, daß die Menschen älter würden, sagt der Präsident des Verbandes Deutscher Zahntechniker- innungen, Lutz Wolf. Als Folge einer verbesserten Prophylaxe blieben zumindest Teile des Gebisses länger gesund und erhalten. Entsprechend würden aber vermehrt Brücken und Kronen angefertigt. Das sei vergleichsweise aufwendig und teurer als die Herstellung von Totalprothesen.

Nicht nur Pflege, auch Amüsement

Die immer größere Zahl der Älteren wird sich aber nicht nur pflegen, sondern auch amüsieren wollen. Unternehmer mit einem langen Investitionshorizont wie Kaufhäuser, Hotels oder Freizeitparks beschäftigten sich schon intensiv mit den Veränderungen, hat die Deutsche Bank beobachtet. Ein Tourismuskonzern plane beispielsweise, weniger Familienhotels an Stränden zu bauen, dafür aber mehr Kreuzfahrtschiffe für Seniorenreisen zu erwerben.

Wenn sich das Umfeld derart ändert, steht wohl auch Claudia Schiffer und ihren etablierten Mitstreiterinnen im Fotomodellgeschäft ein zweiter Frühling bevor. 45 Jahre dürfte in der Werbung schon bald ein gefragtes Alter sein, schätzt Volker Nickel, Geschäftsführer des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft (ZAW). Denn die Alterung der Gesellschaft werde sich auch auf Plakaten, in Zeitungsanzeigen und in den Werbeblöcken der Fernsehsendungen niederschlagen. Die Sechzigjährigen fühlten sich vor allem von Darstellern zwischen 40 und 50 Jahren angesprochen. "Die Leute wollen nicht mit ihrem biologischen Alter, sondern mit ihrem psychologischen Alter umworben werden", sagt er. Für Alte werben, aber so, daß es keiner merkt, lautet sein Rezept.

Quelle: hap./Kno./ami./clb., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2003, Nr. 218 / Seite 14
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