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Alles ohne Rezept Apotheker missachten Verschreibungspflicht

 ·  Ob Pille, Magenmittel oder Antibiotika: Ein bundesweiter Test in 20 Apotheken hat nun ans Licht gebracht, dass einige Apotheker die Verschreibungspflicht bisweilen sträflich missachten. Ausgerechnet Funktionäre wurden bei Fehltritten ertappt.

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Einige Apotheker in Deutschland nehmen es mit der Rezeptpflicht offenbar nicht besonders genau. Diesen Schluss lässt ein bundesweiter Test zu, der aufzeigt, dass Kunden in vielen Apotheken das von ihnen gewünschte Arzneimittel auch ohne Rezept bekommen. Pikant dabei: Bei den 20 getesteten Apotheken handelt es sich um die Apotheken von Funktionären der Apothekenkammern der Länder, der Landesapothekerverbände sowie der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). In all diesen Apotheken wurden verschreibungspflichtige Medikamente abgegeben, ohne dass dafür, wie gesetzlich vorgeschrieben, ein Rezept vorgelegt wurde.

Getestet wurden die Apotheken im vergangenen Herbst. Seither kursiert die Untersuchung in Fachkreisen. Eine öffentliche Diskussion wird aber offenbar nicht angestrebt. „Das hat natürlich eine gewisse politische Brisanz“, hieß es auf Anfrage der F.A.Z. in der Rechtsabteilung einer Landesapothekerkammer. Den Ball flach zu halten, ist in diesem speziellen Fall zunächst einmal nicht besonders schwierig - denn Beschwerden von Kunden dürfte es kaum geben: Den Patienten geht es ja selbst darum, Hilfe abseits der legalen Wege zu bekommen, etwa weil sie in einer besonderen Notlage sind.

„Die Apothekerin hat gesagt, ich soll das Rezept nachreichen“

Entsprechend war auch der Test angelegt. Die Testpersonen, die keine Stammkunden oder Bekannten des Apothekenpersonals waren, erzählten jeweils eine kleine Geschichte, warum sie ein verschreibungspflichtiges Medikament bräuchten, obwohl sie kein Rezept vorlegen konnten. Insgesamt wurden dabei vier Fälle konstruiert. Einmal ging es um die Magenmittel Riopan und Omeprazol, die jemand verlangte und auf ein Telefonat mit seinem Arzt hinwies. Demnach seien die Magenschmerzen mutmaßlich eine Nebenwirkung der Voltaren-Tabletten, die er aufgrund einer Sportverletzung einnehme. 15 der 20 getesteten Apotheken verweigerten die Herausgabe der Magenmittel, die ihrerseits eine lange Litanei von teilweise gravierenden Nebenwirkungen im Beipackzettel stehen haben. Immerhin fünf der Apotheken gaben das Präparat aber dem Testkunden. „Die Apothekerin hat gesagt, ich soll das Rezept nachreichen“, vermerkt die Testperson auf ihrer eidesstattlichen Versicherung, die zu jedem Testkauf abgegeben wurde.

Sehr viel freigebiger waren die Apotheken bei einem Schilddrüsenpräparat (L-Thyroxin), das der auf Dienstreise befindliche Testkunde vorgeblich zu Hause vergessen habe. Nur sechs Apotheken verweigerten die Abgabe, bei den anderen wurde teilweise nicht einmal nach einem Rezept gefragt: „Die Apothekerin hat mir ohne zu zögern angeboten, eine 50er-Packung mitzugeben. Sie holte die Packung aus der Schublade und händigte sie mir aus.“ Im dritten Fall behaupteten Frauen, ihr Gynäkologe sei im Urlaub, sie bräuchten aber die Pille. Bei diesem Fall wurde in acht der 20 Apotheken auf einem Rezept beharrt.

Es geht immerhin um Penicillin

Alle Bedenken schwinden bei den Apotheken offenbar, wenn sie das Rezept eines ausländischen Arztes in Händen halten, auch wenn Rezepte aus der Türkei - wie im Testfall - nach deutschem Gesetz nicht gelten. Alle Apotheken verzichteten darauf, den Testkunden noch einmal zu einem deutschen Arzt zu schicken, obwohl es bei dem nachgefragten Medikament immerhin um Penicillin, ein verschreibungspflichtiges Antibiotikum, ging.

„Das sind Kunden, die sich auskennen“, rechtfertigt sich ein Apotheker, der in allen vier Fällen die nachgefragte Medizin ohne Rezept verkauft hat: „Ich versuche herauszubekommen, in welcher Situation der Kunde wirklich ist.“ Wenn es sich um ein Produkt mit „Gefährdungspotential“ handele oder es „Missbrauchsmöglichkeiten“ gebe, würde auch er das entsprechende Medikament nicht herausgeben, beteuert er - und fügt hinzu: „Ich fühle mich übers Ohr gehauen durch die Testkäufer.“

Psychopharmaka zwischen den Fontane-Bänden

Das genau ist das ganz praktische Problem, gibt eine Apothekerin zu bedenken, die in ihrer Apotheke selbst strikt die Rezeptpflicht beachtet: „Die Kunden lügen einen doch auch an.“ Und selbst wenn alle es gut meinten, sei die Sache bedenklich. Sie verweist auf den Tod einer Asthmapatientin, die starb, weil sie vom Apotheker ihr übliches Asthmamittel bekam, tatsächlich aber ein Herzmittel gebraucht hätte. Der Fall liegt einige Jahre zurück, macht aber das Dilemma deutlich: „Das ist wie im Straßenverkehr. Man kann tausendmal bei Rot über die Ampel oder zu schnell fahren. Aber irgendwann kracht es halt.“

Eines der prominenten Beispiele für Medikamentenmissbrauch, der offenkundig von Apothekern gefördert wurde, ist der Fall des Intellektuellen Walter Jens. Die Familie des demenzkranken Tübinger Rhetorikprofessors fand Psychopharmaka im ganzen Haus, auch zwischen den Fontane-Bänden versteckt. Jens dürfte manches davon ohne Rezept bei den Apothekern seines Vertrauens erhalten haben, und die Mittel dürften die Demenz zumindest beschleunigt haben, ist Sohn Tilman Jens überzeugt, der in diesem Februar mit der Biographie über seinen kranken Vater Aufsehen erregte.

Warnung vor Testkäufern herausgegeben

Untersuchungen, wie es die Apotheker mit der Rezeptpflicht halten, gab es bisher nicht. Sofern die Strafbehörden sich mit Apothekern beschäftigten, ging es meist um Abrechnungsbetrug. Die Stiftung Warentest wiederum prangert regelmäßig die Beratungsqualität der Apotheken an. Der nun schon seit Monaten in der Branche kursierende Bericht über die Verfehlungen der Apotheken-Funktionäre scheint aber die Sensibilität für dieses Thema erhöht zu haben.

Als im Februar im Raum Heilbronn offenbar wieder Apotheker mit Testkäufen auf die Probe gestellt werden sollten, reagierte die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg sofort und schrieb schon am nächsten Tag einen „Präsidentenbrief“ an alle Apotheken. Detailliert wird die Testkäuferin geschildert (eine 40 bis 50 Jahre alte Dame mit gepflegtem Erscheinungsbild) und ihr Anliegen samt den darin ausgelegten Fallstricken ausgeführt. „Unabhängig von Testkäufen bitten wir ... jeden Patienten oder Kunden so zu beraten, als ob er ein Testkäufer wäre“, heißt es im letzten Absatz des Präsidentenbriefs: „Nur wenn wir unserem eigenen Anspruch als Heilberuf in der Praxis gerecht werden, können wir diesen Anspruch auch gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit geltend machen.“

Schlag vom Pharmagroßhändler?

Um die Politik geht es letztlich wohl, das wird in Kreisen der Funktionäre vermutet, die jetzt an den Pranger gestellt werden. Zitiert werden will niemand, aber die Hinweise auf den möglichen Drahtzieher einer solchen Studie sind dennoch deutlich: Die Stuttgarter Celesio AG, wird vermutet, könnte mit solchen Berichten wieder einmal eine Attacke gegen die selbständigen Apotheker reiten. Tatsächlich gilt der Pharmagroßhändler, bei deutschen Apotheken als Lieferant unter dem Namen Gehe bekannt, als eine Art Nestbeschmutzer, seit er vor zwei Jahren die Versandapotheke DocMorris gekauft und diese zur Keimzelle für eine mögliche Apothekenfilialkette gemacht hat: Die inhabergeführten Apotheken würden von einer mächtigen Filialkette möglicherweise massiven Wettbewerb zu spüren bekommen.

Diese Pläne von Celesio dürften aber ohnehin erst einmal von der EU durchkreuzt werden. Der zuständige Generalanwalt Yves Bot hat im Dezember ausdrücklich den deutschen Weg des Fremdbesitzverbots für europarechtskonform erklärt. Insofern ist es relativ wahrscheinlich, dass der EuGH, wenn er in den nächsten Wochen entscheidet, zu einem ähnlichen Ergebnis kommt und den Konzernen der Besitz von Apotheken in Deutschland weiterhin versagt wird. Obwohl der Streit zwischen Celesio und den inhabergeführten Apotheken zeitweise auch öffentlich ausgetragen wird, weist man bei Celesio die Mutmaßung zurück, dort könnte die Studie lanciert worden sein. „Nein, das ist völliger Blödsinn“, sagte ein Sprecher des Pharmahändlers dazu. Einen bissigen Kommentar hat er gleichwohl: „Bei Funktionären liegen Anspruch und Wirklichkeit offenbar weit auseinander.“

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Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

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