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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Alfred Herrhausen Der ungesühnte Mord

 ·  Vor 20 Jahren wurde der Vorstandschef der Deutschen Bank ermordet. Alfred Herrhausen verblutete in der vermeintlich sicheren Limousine. Bis heute ist das Verbrechen ungeklärt.

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Das Wrack der gepanzerten Limousine sah aus, als habe jemand in einem Laborversuch zeigen sollen: Es gibt keine absolute Sicherheit. Der nach besten Kenntnissen des Automobilbaus von Daimler- Benz und Spezialausrüstern gefertigte überschwere Wagen war offen wie eine zerrissene Blechbüchse: Türen, Kofferraum, Motorhaube, nichts hatte dem Explosionsdruck standgehalten. Ein Metallsplitter aus der gepanzerten Tür hinten rechts hat den Mann getötet, den das Auto sicher umschließen sollte. Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ist am Morgen des 30. November 1989 verblutet.

Herrhausen war zum Zeitpunkt seines gewaltsamen Todes schon lange im Visier von Terroristen. Er wurde von Personenschützern begleitet, benutzte einen Wagen mit kugelsicherer Spezialkarosserie, die Maschinengewehrfeuer, Handgranaten und selbst anderen Kalibern standgehalten hätte.

Die Routen für die regelmäßigen Fahrten von der Wohnung im Bad Homburger Ellerhöhweg zur Bank an der Frankfurter Taunusanlage wurden immer wieder gewechselt. Und doch ist der vielleicht einflussreichste Wirtschaftsführer der Bundesrepublik jener Tage in einem völlig zertrümmerten Auto umgekommen, durch Metall aus ebender Panzerung, die ihn hätte schützen sollen.

Sieben Kilogramm TNT

Das nie aufgeklärte Verbrechen, das die nach wie vor ermittelnde Bundesanwaltschaft einer sogenannten dritten Generation der RAF zuschreibt, steht in der Geschichte der in Deutschland verübten Mordanschläge einmalig da. Als Sprengstoff wurde das beim Militär, aber auch privatwirtschaftlich eingesetzte Trinitrotolulol (TNT) verwendet. Sieben Kilogramm, so wurde später errechnet, waren in einer Tasche an einem Fahrrad befestigt, das in Bad Homburg am Straßenrand des Tatorts stand.

Die große Besonderheit des Sprengsatzes war eine besondere Anordnung des TNT in Plattenform und die einseitige Abdeckung durch eine schwere Kupferplatte. Durch diese Konfiguration, die während des Zweiten Weltkriegs bei der Entwicklung von Panzerminen erprobt wurde, entlädt sich die Detonation nicht kugelförmig nach allen Seiten, sondern gerichtet von der Abdeckplatte weg. Dabei konzentriert sich die zerstörerische Gesamtkraft in die gewollte eine Richtung. Die Einzelheiten dieses Effekts waren zum Zeitpunkt des Herrhausen-Attentats längst nicht mehr geheim. Die von den Behörden zunächst gewählte Formulierung, das Mordopfer sei durch eine "Hohlladung" getötet worden, war allerdings vorsätzlich oder fahrlässig falsch.

Lichtschranke über die Straße

Auch eine weitere technische Einzelheit belegt, dass die Attentäter sich sehr lange und sehr genau mit ihrem Vorhaben befasst haben. Nicht ganz einfach im technischen Sinn war, den richtigen Zeitpunkt der Detonation zu garantieren. Die Täter richteten daher eine Lichtschranke über die Straße ein. Die Stromzufuhr wurde unter der Fahrbahndecke verlegt. Das Einschalten des unsichtbaren Lichtstrahls, dessen Unterbrechung durch einen Gegenstand zur Zündung führen würde, muss jemand besorgt haben, der die Straße und alle Fahrzeugbewegungen beobachten konnte. Denn es kam ja darauf an, Herrhausens Wagen zu treffen.

Nach dem Mord sind den Ermittlern und Strafverfolgungsbehörden viele Vorwürfe gemacht worden. So habe die Direktive, auf den von gefährdeten Personen benutzten Routen auf Baustellen und andere verdächtige Tätigkeiten zu achten, den Anschlag nicht verhindern können. Möglicherweise, so wurde spekuliert, hätte der schwerverletzte Herrhausen sogar gerettet werden können, wenn ein in Erster Hilfe kundiger Mensch sofort die Blutung hätte stoppen können. Doch weder der geschockte und schwerverletzte Fahrer noch die Beamten aus einem nachfahrenden Begleitfahrzeug konnten Herrhausen noch helfen.

Zwei Tage nach dem Mord tauchte ein sogenanntes Bekennerschreiben auf, unterzeichnet mit Kommando Wolfgang Beer. Beer war eine Randfigur der RAF und kam 1980 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Es gibt Zweifel, ob die Selbstbezichtigung, Herrhausen "hingerichtet" zu haben, von den Tätern stammt. Das trübste Kapitel wurde aufgeschlagen, als die Ermittler im Januar 1992 einen früher für sie tätigen Spitzel aus der linksradikalen Szene präsentierten, der gestanden habe, zu den Tätern zu gehören. Siegfried N. erwies sich als ein Psychopath, dessen Geständnis genau so wertlos war wie später sein Widerruf.

So ist der Mord an Alfred Herrhausen bis heute ungeklärt und ungesühnt geblieben. Es ist kein Trost, dass er nie verjährt.

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Jahrgang 1944, freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

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