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Alcatel und Lucent Zwei sanierte Konzerne finden zusammen

24.03.2006 ·  Lucent und Alcatel sind nach ihren Roßkuren nicht mehr wiederzuerkennen. Nun wollen sich die Konzerne im zweiten Anlauf zusammenschließen. Das ist sinnvoll, denn die Schwächen des einen sind die Stärken des anderen.

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Wenige Unternehmen symbolisieren die Exzesse der Technologiebegeisterung in den neunziger Jahren und den folgenden Absturz wie Lucent Technologies: Das Unternehmen aus Murray Hill (New Jersey), eine ehemalige Tochtergesellschaft des traditionsreichen Telekommunikationskonzerns AT&T, wurde nach ihrem Börsengang im Jahr 1996 zu einem der Überflieger an der Wall Street. Im Jahr 1998 überholte Lucent sogar seine ehemalige Muttergesellschaft beim Börsenwert, auf dem Höhepunkt erreichte das Unternehmen im Dezember 1999 einen Aktienkurs von 63 Dollar.

Das Platzen der Börsenblase hat die Telekommunikationsbranche hart getroffen. Schlagartig stellten die Telekommunikationskonzerne ihre Investitionen zurück und stürzten damit die Ausrüster in die Krise. Viele der Ausrüster rutschten schnell in die Verlustzone und fielen an der Wall Street in Ungnade. Lucent hat eine Serie von 13 Quartalen mit Verlusten hingelegt und insgesamt Fehlbeträge im zweistelligen Milliarden-Dollar-Bereich ausgewiesen.

Alcatel ist heute nicht wiederzuerkennen

Im Jahr 2002 kostete die Aktie von Lucent zwischenzeitlich noch 58 Cent. Nach Jahren schmerzhafter Restrukturierungen arbeitete sich das Unternehmen langsam wieder nach oben. Im Geschäftsjahr 2003/2004 (30. September) schaffte Lucent erstmals wieder einen Gewinn. Allerdings hat sich das Bild in jüngster Zeit wieder eingetrübt, und Lucent schürte wieder Zweifel an seinen Wachstumsperspektiven: Im Januar meldete das Unternehmen einen deutlich niedrigeren Umsatz als erwartet.

Alcatel ist wie Lucent im Vergleich mit der Mitte der neunziger Jahre heute nicht mehr wiederzuerkennen. Als Serge Tchuruk 1995 die Geschäfte übernahm, beschäftigte das Unternehmen noch rund 200.000 Mitarbeiter. Er entschied sich für die Konzentration auf die Telekommunikationsbranche und trennte sich unter anderem vom Industriegeschäft, darunter die Eisenbahnherstellung (Alstom), vom Nuklearbereich (Framatome), von der Handy-Herstellung sowie vom Medien- und Verlagswesen (Generale Occidentale).

Aktienkurs zwischen 97 und 3 Euro

Insgesamt verkaufte er Beteiligungen im Wert von 14 Milliarden Euro. Andererseits war Tchuruk aber auch bei Zukäufen nicht schüchtern. Auf einen Gesamtwert von 18 Milliarden Euro belaufen sich seine Akquisitionen, die Alcatel vor allem im amerikanischen High-Tech-Bereich als Ausrüster der großen Telekommunikationskonzerne stärken sollten.

Nicht alle Übernahmen waren ein Erfolg, und das Platzen der Internetblase zwang ihn zu Kurswechseln und tieferen Einschnitten. So schwankte der Aktienkurs in den vergangenen Jahren zwischen 97 und weniger als 3 Euro. Heute hat die Aktie gut 13 Euro erreicht, womit sich freilich zeigt, daß die Skepsis der Anleger nur zum Teil verschwunden ist.

Lucent könnte von Alcatel profitieren

Alcatel hat heute noch rund 56.000 Mitarbeiter und erzielte im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 13,1 Milliarden Euro einen Betriebsgewinn von 1,2 Milliarden Euro. "Damit ist Alcatel der größere der ,Gleichen'", sagt Ian McLeod, Analyst bei Jefferies International in Paris in bezug auf das erklärte Ziel eines gleichberechtigten Zusammenschlusses mit Lucent.

Ein Pluspunkt der Fusion wäre, daß Alcatel damit seine Schwäche im Mobilfunk ausgleichen könnte, wo nur 31 Prozent des Umsatzes erzielt werden. Bei Lucent sind es 49 Prozent. Lucent andererseits könnte vom Vorsprung der Franzosen beim sogenannten "Triple-Play" profitieren - jener Technik, die das Senden von Sprache, bewegten Bildern und Daten über eine Breitbandleitung erlaubt und bei den Telekommunikationskonzernen immer beliebter wird.

AT&T wurde von ehemaliger Tochter übernommen

Alcatel ist auch stolz darauf, einen großen Teil seiner Forschung und Entwicklung kundennah in Schwellenländern angesiedelt zu haben. Ein großes Forschungszentrum mit 6.000 Mitarbeitern besteht etwa in Schanghai. Wenn Lucent nun von Alcatel übernommen wird, schließt sich ein weiteres Kapitel in der Geschichte der ehemaligen Muttergesellschaft AT&T, der Traditionsadresse in der amerikanischen Telekommunikationsindustrie.

AT&T hat in den vergangenen Jahren eine dramatische Wandlung durchgemacht. Es ist heute nur noch eine entfernte Erinnerung, daß AT&T im Jahr 1984 wegen seiner dominierenden Position von den Kartellbehörden zerschlagen wurde. Nach einer Serie von Zukäufen in den neunziger Jahren versank AT&T unter einem Schuldenberg und trennte sich schließlich von Sparten wie Mobiltelefon und Kabel, während das verbliebene Geschäft mit Ferngesprächen kontinuierlich schrumpfte. Im vergangenen Jahr wurde AT&T durch die ehemalige Tochtergesellschaft SBC Communications gekauft, die den Namen AT&T annahm.

Quelle: lid./chs., F.A.Z., 25.03.2006, Nr. 72 / Seite 15
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