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Aktivisten und Agrarindustrie : Die Mär von der Vergiftung der Welt

Arbeiter auf einem Monsanto-Feld in Hawaii Bild: AP

Umweltaktivisten werfen Agrarkonzernen wie Monsanto einen „Ökozid“ vor. Doch statt Lösungen bieten sie nur irrationale, platte Schuldzuweisungen an. Über eine sprachliche Eskalation.

          Tod oder Leben? Es geht um nichts weniger, wenn eine Stiftung, hinter der prominente Aktivisten und umweltpolitisch engagierte Wissenschaftler stehen, im Herbst einen Schauprozess gegen den Saatgut- und Gentechnikkonzern Monsanto abhält.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Zusammentreten soll das Tribunal auf dem Platz vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Die Anklage lautet unbescheiden auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit und „Ökozid“, also ein Verbrechen gegen die Umwelt. Das Völkerstrafgesetzbuch versteht unter Verbrechen gegen die Menschlichkeit die „Absicht, eine Bevölkerung ganz oder teilweise zu zerstören“, oder die Zerstörung derer Lebensgrundlagen.

          Unabhängig davon, was Monsanto an Zweifelhaftem und Sättigendem in die Welt gebracht hat: Die verbale Eskalation seiner Gegner verheißt nichts Gutes. Sie offenbart eine Radikalisierung eines Teils der Umweltbewegung. Hinter der giftigen Begriffswolke verbirgt sich sozusagen nicht nur eine Keule, sondern ein Schafott.

          Prinzipielle Abscheu gegen Chemikalien

          Wer steckt dahinter und warum? Unter den Unterstützern sind neben vielen anderen die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft, die Globalisierungsgegner von Attac, der Ökobauernverband Demeter, Slow Food, Greenpeace, die Partei ÖDP oder der Blog Netzfrauen, der Antipathien gegen „Transatlantiker“ aller Art hegt.

          Die Grünen-Politikerin Renate Künast, immerhin Vorsitzende des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestags, wirbt für Spenden für das „von der Zivilgesellschaft organisierte Gericht“. Manche der Monsanto-Ankläger sehen sich durch die Agrarindustrialisierung in ihrer Existenz bedroht, andere haben prinzipielle Abscheu gegen Chemikalien.

          Und es gibt Argumente. Über Monsanto, das in St. Louis ansässige und von Bayer jetzt übernommene Unternehmen, das Saatgut, Pflanzenmerkmale und Pflanzenschutzmittel herstellt und vertreibt, lässt sich vieles sagen.

          Es lässt sich Gutes sagen

          Dass in Südamerika praktizierte „Monsanto-Landwirtschaft“ schnell Resistenzen erzeugt, dass sie zum Artenschwund beiträgt, den Strukturwandel der Landwirtschaft beschleunigt und zur Landflucht beiträgt. Dass Verheißungen nicht wahr wurden: von gentechnisch veränderten Sorten, die höhere Erträge bringen und gegen Trockenheit resistent sind.

          Dass die Agrokonzerne an einem Geschäftsmodell festhalten, das nicht mehr lange taugen mag, weil die nächste biotechnologische Revolution im Gange ist. Dass die Produktivitätssteigerung keine Antwort auf Verteilungsfragen bietet. Und es lässt sich Gutes sagen:

          Genveränderte Pflanzen brauchen weniger chemische Pestizide; die Industrialisierung der Landwirtschaft hat den größten Produktivitätssprung der Geschichte gebracht; Milliarden werden satt, die sonst nicht satt geworden wären.

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          Die Dosis macht das Gift

          Was einige Feinde des Konzerns nun vor dem Tribunal verhandeln wollen, ließe sich gegen jeden Chemiekonzern konstruieren, gegen BASF, Bayer, gegen Syngenta, auch gegen Rohstoffkonzerne wie Shell. Letztlich ließe sich ein „Ökozid“ auch Milliarden Menschen vorwerfen: dass sie durch ihr Leben anderes Leben zerstören.

          Die vielen essenden und reisenden Menschen verdrängen Wälder und Tierarten. Sieht man das Verhältnis von Mensch und Natur streng ökozentrisch, ist das Bild vom Ökozid nicht weit. Fatalistisch betrachtet, könnte es tatsächlich so kommen, dass der Mensch die Erde zerstört.

          Gifte, etwa Kohlenstoffverbindungen aus dem Pflanzenschutz, Stickstoff vom Dünger haben negative Auswirkungen auf Ökosysteme. Doch die Wahrheit ist auch, dass längst ein Großteil der Menschen davon lebt. Und dass die Dosis das Gift macht. Die Semantik vom Ökozid erstickt jede Hoffnung auf technische Lösungen. Sie eröffnet nur irrationale, platte Schuldzuweisungen.

          Die Gier, die Profite, der Kapitalismus

          Einige mögen solchen politischen Protest gegen die Agrarlobby rebellisch finden und im Kern berechtigt. Originell ist er nicht. Seiner Sprache wirkt wie die der Verschwörungstheoretiker. Die agitatorische Wortwahl, mit der hier schlechthin Böses verdammt werden soll, erinnert fern an das im Mittelalter verbreitete Stigma der Juden als Brunnenvergifter.

          Der Feind ist dieses Mal die industrielle Landwirtschaft, aber auch: die Gier, die Profite, der Kapitalismus. Die Aktivisten schreiben „Mon$anto“ mit Dollarzeichen. Dieser symbolische Exorzismus nährt eine Hybris, die die Aktivisten daran glauben lässt, als „Zivilgesellschaft“ gerechter zu urteilen als die Justiz.

          Metaphorik ist erfolgreich

          Die Umweltbewegung kehrt sprachlich in ihre Jugend in den achtziger Jahren zurück, als die Öko-Apokalypse nur eine Frage der Zeit war. Schon 1962 hatte das Buch „Der stumme Frühling“ von Rachel Carson insinuiert, der Mensch führe „Krieg“ gegen die Natur.

          Auch darin gründet die Vorstellung, vehemente Notwehr sei geboten. Die Initiatoren des Tribunals bedienen dieses Lebensgefühl. Sie sind nicht mehr die Jüngsten: zwischen 55 oder 65 Jahre alt, etwa der Gentechnikgegner und Wissenschaftler Gilles-Éric Séralini, die Aktivistin Vandana Shiva. Für sie geht es um „die Verteidigung“ des Planeten.

          Die Metaphorik ist erfolgreich: Ohne das Bild vom Weltvergifter Monsanto wäre die Kampagne der Grünen gegen das Pestizid Glyphosat kaum geglückt. Dabei urteilte die Weltgesundheitsorganisation: kein Krebsrisiko.

          Quelle: F.A.Z.

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