28.02.2007 · Das europäische Luftfahrtunternehmen will bei seiner Sanierung auf Entlassungen verzichten. In Deutschland sollen in den kommenden 4 Jahren 3.700 Stellen entfallen. Das Sanierungsprogramm sei eine gute Grundlage, „um Airbus aus dem Dreck zu ziehen“, sagt EADS-Vorstand Tom Enders.
Der angeschlagene europäische Flugzeugbauer Airbus plant in den kommenden vier Jahren harte Sanierungsschritte. Wie Airbus-Chef Louis Gallois am Mittwoch in Toulouse bekanntgab, sollen 10.000 Stellen wegfallen, davon allein 3.700 in Deutschland und 4.300 in Frankreich. Mindestens drei Werke stehen zur Disposition.
Außerdem will Airbus die Entwicklungszyklen verkürzen, die Produktivität steigern und den Druck auf die Zulieferer erhöhen. So will die Airbus-Mutter EADS die Tochter wieder auf Rendite trimmen. So sollen die jetzt beschlossenen Einschnitte ab dem Jahr 2010 den Gewinn vor Zinsen und Steuern (EBIT) um mindestens 2,1 Milliarden Euro erhöhen. Die Aktie von EADS gab am Mittwoch 0,47 Prozent auf 25,48 Euro nach.
Von den 4.300 betroffenen Stellen in Frankreich entfallen auf 1.100 auf die Airbus-Zentrale in Toulouse. Hinzu kommen 1.600 Arbeitsplätze in Großbritannien sowie 400 in Spanien. 5.000 der genannten Stellen sind laut Gallois mit „Zeitarbeitskräften oder Unterauftragnehmern“ besetzt. Entlassungen soll es im Zuge des „Power8“ genannten Sanierungsprogramms keine geben. Die beschlossenen Anpassungen sollen durch natürliche Fluktuation, Vereinbarungen über freiwilliges Ausscheiden und weitere Maßnahmen erfolgen. „Bislang sieht das Management keine Notwendigkeit für Entlassungen“, hieß es.
Neue Konzernstruktur
Airbus will ihre Unternehmensabläufe zur Überwindung der Krise optimieren und dazu die komplizierte Mehr-Länder-Struktur abschaffen. Statt der bisher acht nationalen wird es jetzt „vier transnationale Kompetenzzentren“ geben. Geplant ist, die Entwicklungszyklen für neue Flugzeuge von siebeneinhalb auf sechs Jahre zu verkürzen. Außerdem will Airbus die Produktivität bis 2010 um 16 Prozent steigern. Daher dürfte der Druck auf die Zulieferer steigen. Der Flugzeugbauer erklärte, die Beschaffungskosten reduzieren zu wollen.
Mit dem Sparprogramm soll die zuletzt defizitäre Tochter wieder auf Rendite getrimmt werden. Ab 2010 sollen die Einschnitte zu einem EBIT-Beitrag von 2,1 Milliarden Euro führen, sagte Gallois. Dabei handele es sich um das „Minimum“. Von 2007 bis 2010 sollen die Maßnahmen insgesamt 5 Milliarden Euro zusätzlichen Cash Flow freisetzen. Zur Umsetzung der harten Einschnitte, besonders im Personalbereich, will EADS im ersten Quartal 2007 Rückstellungen in Höhe von 680 Millionen Euro bilden.
Mehrere Werke betroffen
Für drei Werke - darunter Nordenham (Niedersachsen) - sucht der Konzern industrielle Partner. Drei weitere Standorte, Varel (Niedersachsen), Laupheim (Baden-Württemberg) und St.Nazaire-Ville stehen zur Disposition. Hier werde Airbus in den kommenden Jahren nach realisierbaren Möglichkeiten suchen. Dazu zählt neben einem Verkauf an Hauptzulieferer auch eine Abgabe an das Management oder die Zusammenlegung mit anderen Werken. Für den Standort Nordenham (Niedersachsen) sowie für Filton in Großbritannien und Méaulte erwägt Airbus „industrielle Partnerschaften“. Für diese Standorte gebe es bereits „unaufgefordert Angebote möglicher Investoren“, die Kontakte seien aber nur informeller Natur. In der Zwischenzeit sollen auch an diesen Standorten die Kosten gesenkt werden.
Deutschland erhält die Federführung für Flugzeugrumpf und Kabine, Großbritannien für Tragflächen, Spanien für Heck und Frankreich für die Flugzeugstruktur. Hamburg erhält „unverzüglich“ eine dritte Endmontagelinie für das Modell A320. Dieser Verkaufsschlager wurde bislang ausschließlich in Toulouse endmontiert, während in Hamburg die Schwestermodelle A318, A319 und A321 gebaut werden. Toulouse bekommt im Gegenzug die Endmontage für das neue Langstreckenflugzeug A350. Airbus wird das neue Riesenflugzeug A380 sowohl in Hamburg als auch in Toulouse ausliefern.
Proteste in Frankreich
Die französischen Arbeitnehmer reagierten erzürnt auf die Lastenverteilung. Die Mobilisierung gegen den geplanten Stellenabbau und die Airbus-Werksverkäufe müsse anschwellen, es werde als Protest dagegen spontane und auch organisierte Arbeitsniederlegungen geben, kündigte CGT-Sprecher Xavier Petrachi an.
Der deutsche Gesamtbetriebsrat und die IG Metall reagierten ebenfalls enttäuscht: „Der Kampf um die Zukunft von Airbus in Deutschland hat jetzt erst begonnen.“ Der Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzende, Rüdiger Lütjen, sagte in Toulouse: „Wir werden das Konzept des EADS Boards so nicht akzeptieren.“ „Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz. Darüber hinaus werden wir die Beibehaltung aller Standorte innerhalb der Airbus Deutschland GmbH entschieden einfordern.“ Unterdessen legten Arbeitnehmer an diesen deutschen Standorten die Arbeit nieder. Die Arbeit solle vermutlich erst am Freitag wieder aufgenommen werden.
Bei der Sanierung wurden aus Sicht der Bundesregierung die deutschen Interessen durchgesetzt. Vize-Regierungssprecher Thomas Steg sagte in Berlin, es sei gelungen, bei der Beschäftigung in Deutschland, der Sicherheit der deutschen Standorte sowie bei der ausgewogenen Verteilung von Lasten und Zukunftschancen zwischen den beteiligten Airbus-Ländern die nationalen Interessen durchzusetzen.
Glos: Ausgewogenes Konzept
Bundeswirtschaftsminister Glos sieht in dem Sanierungsplan für Airbus ein „ausgewogenes Konzept“ für die Restrukturierung des angeschlagenen Flugzeugbauers. Die ihm bekannten Absprachen mit Frankreich und der Unternehmensführung ließen einen fairen Ausgleich erwarten, sagte der CSU-Politiker am Mittwoch in Berlin. Anders als befürchtet werde die deutsche Seite dabei nicht über den Tisch gezogen.
Die Ankündigung des Mutterkonzerns EADS und von Airbus, in den kommenden vier Jahren 10.000 Jobs zu streichen, davon 3.700 in Deutschland, nannte Glos „schmerzhafte Einschnitte“. Er vertraue aber auf die Zusage, dass der Stellenabbau sozialverträglich gestaltet werde. Glos sagte, bei der fälligen Sanierung gehe es um den Erhalt eines „großartigen europäischen Projekts“ und darum, mit der amerikanischen Konkurrenz im Flugzeugbau auf Augenhöhe zu bleiben.
Nach Ansicht des deutschen Co-Chefs der Muttergesellschaft EADS, Tom Enders, ist das Sanierungsprogramm eine gute Grundlage, um Airbus „aus dem Dreck zu ziehen“. Das Programm für Airbus sei zwar hart, aber „wer dieses Programm ablehnt, der kann genauso gut die weiße Fahne hissen und Boeing das Feld überlassen“, sagte Enders der Nachrichtenagentur Reuters. Enders gestand ein, dass im wesentlichen Managementfehler zu der Krise von Airbus geführt hätten. Dass diese das Unternehmen im letzten Jahr verlassen hätten, habe aber die Krise nicht beendet. „ Louis (Gallois) und sein Airbus-Team haben meine volle Unterstützung“, sagte Enders.
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wolf haupricht (emilgilels)
- 28.02.2007, 20:46 Uhr
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