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Von den Altarstufen auf die Showbühne : Viele Promis waren Messdiener

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Vom Messdiener zum Entertainer: Nicht nur Stefan Raab, Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Hape Kerkeling gingen diesen Weg. Bild: dpa

Was haben Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Hape Kerkeling und Stefan Raab gemeinsam? Sie sind Showmaster - und sie alle waren in ihrer Kindheit Messdiener. Kann das Zufall sein?

          Helmut Kohl hat es getan, Jogi Löw und Thomas Müller, Christoph Maria Herbst, Stefan Raab, Günther Jauch - und Thomas Gottschalk sowieso. Sie alle schwenkten das Weihrauchfass, trugen Kerzen oder das Kreuz und hielten dem Pfarrer das Messbuch hin. Überdurchschnittlich viele berühmte Männer in Deutschland waren in jungen Jahren Messdiener. Und das gilt vor allem für das Showbusiness. Den ehemaligen ZDF-Intendanten Markus Schächter hat dieses Phänomen so umgetrieben, dass er jetzt ein Buch darüber geschrieben hat. Eine „programmpsychologische Verwunderung“ habe ihn dazu gebracht, der Sache auf den Grund zu gehen.

          „Von den 25 bis 30 Unterhaltungsmoderatoren in den letzten drei Jahrzehnten sagen gut 15 von sich, dass sie früher Messdiener waren“, schreibt er in dem Buch „Die Messdiener - Von den Altarstufen zur Showbühne“, das gerade auf den Markt gekommen ist. Welche „heimliche Verbindungslinie“ existiere da, fragt er darin. „Wie geht das zusammen - vom Hochamt am Hauptaltar zum TV-Event am Hauptabend?“

          Um diese Frage zu beantworten, hat Schächter Show-Größen wie Frank Elstner, Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Jürgen von der Lippe interviewt. Er schreibt von Gottschalks „bunter Zeit“ als Ministrant im oberfränkischen Kulmbach, der „alles rauf und runter ministriert“ habe - nicht nur in der Kirche. „Meine Mutter musste nur fünf Akkorde am Klavier spielen, dann begann die Prozession“, wird Gottschalk zitiert. „Ich bin ins Wohnzimmer eingezogen und habe den Segen erteilt und auf dem Sessel meine Predigt gehalten.“

          Günther Jauch war sieben Jahre lang Messdiener in der Berliner Pfarrgemeinde Heilige Familie in Lichterfelde. Aus ihm wurde ein „Rauchfassschwenker mit spürbar sicherer Liturgiekompetenz“, schreibt Schächter. Eins von Jauchs Lieblings-Kirchenliedern: „Ein Haus voll Glorie schauet“.

          Die Ministranten-Karriere von Hape Kerkeling dagegen endete etwas abrupt. Als er einen Lachanfall bekam, weil er vergessen hatte, die Glocken zu läuten, legte der Kaplan ihm nahe, die fromme Messdiener-Schar zu verlassen.

          Theatralik vereint Kirchendienst und Entertainment

          Die einzige Frau, die im Buch zu Wort kommt, ist die Moderatorin Anne Will. „Kompetent, klug, kritisch, keck, (rheinisch-)katholisch“ hat Schächter das Kapitel über sie genannt. „Vielleicht suchten sie alle schon früh den großen Auftritt“, mutmaßt Will auf Schächters Frage, warum so viele Moderatoren früher in der Messe dienten. Heute gibt es nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz übrigens knapp 500.000 Messdiener in Deutschland. Die Zahlen sind allerdings schon ein paar Jahre alt und stammen aus dem Jahr 2009. Zum Vergleich: Im Jahr 1999 waren es nur gut 350.000.

          Autor Schächter stellt auch eigene Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Kirchendienst und Entertainment an: „Für viele ist es plausibel, dass diese Tradition einer großen Theatralik eine Erklärung für den engen Zusammenhang zwischen Altar und Bühne darstellt“, schreibt er. Ex-Ministrant Reinhold Beckmann, der von seiner „heftig katholischen“ Kindheit im niedersächsischen Twistringen spricht, vermutet, dass derjenige, der die Energie aufbringen konnte, pünktlich um 6.15 Uhr zum Frühgottesdienst anzutreten, einfach bereit ist, härter zu arbeiten.

          „Wer, wie Frank Elstner, den liturgischen Marathon von Palmsonntag über Gründonnerstag, Karfreitag, die Osternacht und das Auferstehungshochamt über mehrere Jahre hindurch mitgemacht hat, der hat möglicherweise seine Steherqualitäten und eine selbstverständliche Kraft zum Durchhalten entwickelt“, schreibt der frühere ZDF-Chef.

          Günther Jauch hält derartige Theorien wohl für überzogen. Er sagte Schächter während der Recherchen für das Buch, das sei „streng genommen eher Zufall“ und solle eher nicht für eine „göttliche Fügung“ gehalten werden. Und ähnlich sieht das auch Sportmoderator Matthias Opdenhövel. „Vielleicht ist es auch purer Zufall. Vielleicht aber auch gerade nicht... Zumindest kleiden wir uns jetzt anders. Bis auf Thomas Gottschalk manchmal...“ Er selbst habe sich über die Frage noch gar keine Gedanken gemacht, sagt Gottschalk. Und: „Ich glaube, inzwischen gibt es mehr TV-Moderatoren als Messdiener.“

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