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Japanische Industrie : Sontaku und Tokusai – zwei Wörter machen in Japan Karriere

Die Führungsriege von Mitsubishi Materials hat Ende November eingestanden, Daten zur Qualität seiner Produkte gefälscht zu haben- Bild: Reuters

Die politischen und wirtschaftlichen Skandale des Jahres fassen sich in Japan in zwei Wörtern zusammen: Sontaku, die Vermutung, und Tokusai, die spezielle Übernahme. Was hat es damit auf sich?

          Zwei Wörter haben in diesem Jahr in Japan Karriere gemacht und in beiden Fällen geht es um Skandale. Aus dem politischen Raum kommt das Wort Sontaku, was übersetzt Vermutung bedeutet, und gleich von zwei Verlagen zum Wort des Jahres gekürt wurde. Das Wort wurde prominent im Zusammenhang mit dem Doppelskandal um einen Freund und einen entfernten Anhänger von Ministerpräsident Shinzo Abe.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der eine erhielt als erster Betreiber seit Jahrzehnten die Erlaubnis, eine Hochschule für Veterinärwesen zu errichten. Der andere, ein bekennender Konservativer mit nationalistischem Einschlag, erhielt zu Sonderkonditionen vom Staat ein Grundstück verkauft, um darauf eine Grundschule zu errichten. Ehrenvorsitzender der entstehenden Grundschule war zeitweise die Frau des Ministerpräsidenten.

          Die Verdacht liegt nahe, dass in beiden Fällen Abe bei der bürokratischen Entscheidungsfindung nachgeholfen hat. Nach Monaten von Befragungen von Beamten und auch des Ministerpräsidenten gibt es bislang aber keinen harten Beleg. Abe bestreitet, dass er die Entscheidungen angeordnet habe. Wie aber kommt es, dass die beiden ihm mehr oder weniger nahestehenden Personen bevorzugt wurden?

          Eine in Japan weit verbreitete Erklärung für diesen Zufall ist Sontaku oder Vermutung. Die entscheidenden Beamten vermuteten in weiser Voraussicht, welche Entscheidung der Ministerpräsident bevorzugen würde, und handelten entsprechend. Sontaku ist böse formuliert die Vermutung der Günstlinge im Hofstaat, wie sie dem Herrscher am besten gefallen. Das wirft ein schlechtes Licht auf das Ministerialwesen in Japan.

          Tokusai oder die sehr spezielle Übernahme

          Das zweite Wort kam zu spät auf, um noch Wort des Jahres zu werden. Doch hat es nicht weniger Schlagkraft. Tokusai ist die Abkürzung von tokubetsu saiyo und bedeutet übersetzt “spezielle Übernahme“. Das Wort ist das verbindende Element der Skandale um gefälschte und geschönte Produkteigenschaften, mit denen in den vergangenen Monaten bekannte Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes Negativschlagzeilen machten und machen.

          Tokusai beschreibt eine Absprache zwischen Unternehmen, die sich vertrauen. Man einigt sich beidseitig darauf, dass der Kunde Ware wie zum Beispiel Metalle übernimmt, obwohl die erreichte Qualität ein wenig von den bestellten Vorgaben abweicht. Dabei akzeptiert der Kunde in beidseitigem Vertrauen, dass die Ware hinreichend gut ist, um Sicherheitsprobleme auszuschließen.

          Bei Kobe Steel, Mitsubishi Materials oder Toray Industries gewann das Wort Tokusai aber eine ganz andere Bedeutung. Angeblich unter Zeit- und Wettbewerbsdruck lieferte man nicht allerbeste Materialien aus, wie die Kunden nicht darauf hin und sprach es nicht mit ihnen ab. Zum Teil wurden die Ergebnisse von Qualitätsprüfung auch geschönt, um den Ansprüchen der Kunden scheinbar zu genügen.

          Der gute Ruf des „Made in Japan“ leidet unter diesen Skandalen und es würde nicht überraschen, wenn ähnliches Fehlversagen noch bei weiteren Unternehmen ans Licht kommt. Die finanziellen Auswirkungen für die betroffenen Unternehmen sind noch nicht abzusehen, weil Schadensersatzforderungen anstehen dürften. Der gute Ruf der japanischen Industrie ist auf jeden Fall schon arg lädiert.

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