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Qualitätsmängel : Reißt der Abgasskandal VW auch in China in die Tiefe?

Bild: dpa

Verlieren die Kunden auf dem größten Absatzmarkt das Vertrauen in VW, hat der Konzern ein noch viel größeres Problem. VWs China-Problem könnte allerdings aus einer ganz anderen Ecke als dem Abgasskandal kommen.

          Volkswagen hat in China einen guten Ruf. Bisher. Zwar haben die meisten Chinesen noch nie davon gehört, dass VW-Vehikel im Reich der Mitte angeblich gemeinhin „Göttliche Autos“ genannt werden, wie ein deutsches China-Forschungsinstitut kürzlich schrieb.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Wenn überhaupt, wird der Begriff des „Göttlichen Autos“ von den Chinesen im Zusammenhang mit VW bereits seit mehreren Jahren nur noch in ironischer Form verwendet. Schließlich hat der deutsche Konzern schon lange vor dem Skandal um manipulierte Abgaswerte in Amerika in China mit Vorwürfen zur Qualität seiner Fahrzeuge zu kämpfen gehabt: Erst kochten im Jahr 2012 Probleme mit dem Doppelkupplungsgetriebe DSG derart hoch, dass VW ein Jahr später knapp 400.000 Autos zurückrief. Ein Jahr später musste VW dann unter dem Druck der chinesischen Behörden 560.000 Exemplare der Modelle Sagitar und Beetle in die Werkstatt beordern, um ein bemängeltes Problem mit der Hinterachse zu reparieren. Den Besitzern, die lange auf ihr oft erstes Auto überhaupt gespart hatten, reichte das nicht. Sie gingen in landesweiten Protestaktionen gegen VW auf die Straße.

          Umweltministerium kündigt Untersuchungen an

          Insofern ist der aktuelle VW-Skandal, von dem weltweit 11 Millionen Autos betroffen sind, an China noch glimpflich vorübergangen. Bisher. Im Reich der Mitte ist der Diesel-Motor in PKWs kaum verbaut. VW ruft hier gerade mal knapp 2000 importierte Autos der Modelle Tiguan und Passat zurück, die es mit neuer Software bespielen will.

          Trotzdem haben sich zu Wochenanfang gleich zwei chinesische Behörden zum Skandal geäußert. Das Umweltschutzministerium zeigte sich „sehr besorgt“ über den Skandal und kündigte eine Untersuchung an, ob die importierten Autos des VW-Konzerns die Abgasvorschriften in China einhalten. Beim Thema Luftverschmutzung verstehen die Beamten neuerdings keinen Spaß mehr, hat die Regierung doch die Säuberung der versmogten Großstädte China ganz oben auf ihre Prioritätenliste gesetzt. Das chinesische Ministerium arbeitet auch mit seinem amerikanischen Pendant EPA beim Thema saubere Luft zusammen – jener Behörde, die den VW-Skandal publik gemacht hat.

          Ebenfalls geäußert hat sich die chinesische Verbraucherschutzbehörde AQSIQ („General Administration of Quality Supervision, Inspection and Qarantine) zum VW-Skandal. Dass der Konzern in China die 2000 Fahrzeuge zurückruft, schreiben sich die Beamten selbst auf die Fahne. Allerdings werde man auch weiterhin dem Thema „erhöhte Aufmerksamkeit widmen“, warnen sie.

          Abhängig von China

          Die Börse in Deutschland und an den restlichen Finanzmarktplätzen verfolgt diese Äußerungen sehr genau. Denn während der Absatzmarkt Amerika für VW wegen akuter Erfolglosigkeit bisher in der Bilanz keine allzu große Rolle eingenommen hat, hängt am mit Abstand größten Absatzmarkt China das Wohl und Wehe der Wolfsburger. Rund zwei Drittel seines Nettogewinns, schätzen Analysten, habe der Konzern mit dem Verkauf von Autos und Teilen im vergangenen Jahr in China verdient.

          VW hat sich abhängig gemacht von einem Markt, in dem das Ansehen, das der Kunde durch den Kauf des Fahrzeuges einer bestimmten Marke erwirbt, eine noch größere Rolle spielt als in vielen anderen Orten auf der Welt. Hat der VW-Skandal nun das Zeug dazu, das Geschäft in China mit hinunterzureißen und damit den Konzern wirklich ernsthaft in Schieflage zu bringen?

          Die Berichterstattung in den chinesischen Medien, geht – anders als oft von deutschen Zeitungen dargestellt – bisher nicht über die Erwähnung der reinen Fakten des VW-Skandals hinaus. Ausnahmen wie des renommierten Finanzportals „Yicai“, das Ende September bemängelte, für die Qualitätsfehler in China habe sich im Gegensatz zum Abgas-Skandal in Amerika noch nie ein VW-Vorstandschef beim chinesischen Volk entschuldigt, bestätigen eher den Eindruck, dass der Skandal die chinesischen Kunden bisher noch nicht wirklich aufgeregt hat, weil es darin eben um die in China kaum vorhandenen Diesel-Modelle geht.

          Volkswagen : Weltkonzern mit einmaliger Aktionärsstruktur

          Kaum Diesel in China

          „Ich glaube nicht, dass sich der VW-Skandal groß ausweitet in China“, sagt Jochen Siebert, der von Schanghai aus deutsche Autozulieferer im Reich der Mitte berät und normalerweise kein Problem damit hat, die Wachstumspläne des Wolfsburger Konzerns als unrealistisch und größenwahnsinnig zu kritisieren. Vom Diesel-Skandal seien aber nun einmal in China nur knapp 2000 importierte Fahrzeuge betroffen, argumentiert Siebert, die VW nun bald zurückrufen werde. „Damit wird sich die Sache erledigt haben.“ Dass Regierungsbehörden Untersuchungen angedroht haben, legt der Kenner des chinesischen Markts unter Routine ab: „Natürlich musste die Regierung ein Statement abgeben, aber man wird VW nicht so hart angehen.“

          Volkswagen, dies darf im Blick auf China nicht vergessen werden, betreibt sein Geschäft im Reich der Mitte nicht allein. An beiden Gesellschaften, in denen der Konzern hier Autos baut und verkauft, ist der Staat über staatliche Joint-Venture-Partner mit beteiligt – an „Shanghai Volkswagen“ zur Hälfte, an FAW-Volkswagen mit Sitz in Peking gar zu 60 Prozent. Die Tatsache, dass der Staat so am Risiko beteiligt ist, spielt laut Experte Siebert bei möglichen Strafaktionen gegen die Deutschen durchaus eine Rolle.

          Trotzdem könnte die Joint-Venture-Struktur in China im Zuge des VW-Skandals für die Deutschen bald zum Problem werden – wenn auch in völlig anderer Hinsicht. Denn Chinas Staat hat im vergangenen Jahr nach langen Bemühungen der Wolfsburger zugestimmt, dass die Deutschen ihre Beteiligung an der FAW-Volkswagen-Gesellschaft um knapp 10 Prozent aufstocken dürfen. Dafür müssten sie den Anteil vom chinesischen Partner abkaufen. Wie der Anteil bewertet wird, ist Verhandlungssache.

          Sicher ist: Es geht um einen Milliardenbetrag. Und ob VW diesen angesichts der hohen Strafzahlungen für seine Abgas-Schummelei in Amerika nun genauso locker aufbringen kann wie davor, ist zumindest fraglich.

          Quelle: FAZ.NET

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