http://www.faz.net/-gqe-8ot1z

Neue U-Bahn-Linie : New Yorker Jahrhundertprojekt

Staunt, Kinder! Eine U-Bahn an der Second Avenue! Bild: Reuters

Kein anderes Infrastrukturvorhaben in der amerikanischen Metropole ist so berüchtigt: Über eine U-Bahn an der Second Avenue wurde schon 1919 gesprochen. Jetzt wird sie endlich eröffnet.

          Der Tag rückt näher: Am 1. Januar soll in New York endlich die U-Bahn-Linie an der Second Avenue eröffnet werden. Es ist nicht irgendein Vorhaben, sondern seit Jahrzehnten die größte Erweiterung des U-Bahn-Netzes der amerikanischen Metropole. Vor allem aber ist die „Second Avenue Subway“ in New York so etwas wie ein schlechter „Running Gag“ und berüchtigt als ein Projekt, das nie realisiert wird. Ihr Bau ist schon seit fast hundert Jahren in der Diskussion, aber die Pläne wurden ein um das andere Mal wieder aufgegeben. Dass sie nun doch umgesetzt wurden, gilt vielen New Yorkern als kleines Wunder.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der „Big Apple“ hat eines der ältesten und größten U-Bahn-Systeme der Welt. Die Bahn nahm im Jahr 1904 ihren Betrieb auf, zunächst mit 28 Stationen. Heute hat das Netz 469 Stationen, wobei die meisten von ihnen schon vor 1940 entstanden sind. Würde man alle New Yorker U-Bahn-Gleise in einem Stück verlegen, käme man von dort bis nach Chicago. Man kann bis zu fünfzig Kilometer mit einer einzigen Linie unterwegs sein.

          Jeden Tag fahren 5,7 Millionen Menschen mit der New Yorker U-Bahn. Es ist nicht immer ein Vergnügen. Zu Stoßzeiten sind die Züge oft hoffnungslos überfüllt. Viele Stationen sind dreckig, und auf den Gleisen tummeln sich Ratten. Im Sommer ist die Hitze beim Warten auf die nächste U-Bahn kaum auszuhalten. Aber die New Yorker U-Bahn ist ein sehr effizientes Transportmittel und ein wesentlicher Grund, warum viele Menschen in New York auf ein Auto verzichten.

          Krisen-Opfer

          Der Transportbedarf in New York wird immer größer. Die Bevölkerung wächst und liegt derzeit bei rund 8,4 Millionen Menschen. In diesem Jahr werden zum ersten Mal mehr als 60 Millionen Touristen erwartet. Gerade die Ostseite von Manhattan, wo die Second Avenue liegt, war bisher unterversorgt.

          Über eine Linie an der Second Avenue wurde 1919 zum ersten Mal gesprochen, 1929 wurde sogar ein konkreter Plan beschlossen. Das Vorhaben fiel dann aber der kurz danach beginnenden „Großen Depression“ zum Opfer.

          Ihr Ausblick auf den Tag: Kompakt und prägnant - und mit exklusiven Berichten unserer Korrespondenten. Abonnieren Sie den Newsletter „Agenda“.

          In den fünfziger Jahren kamen die Pläne wieder auf den Tisch, wurden indes abermals verworfen. In den siebziger Jahren schien der Bau der U-Bahn-Linie schon einmal ganz nahe, 1972 gab es sogar einen offiziellen Spatenstich. Aber eine schwere Finanzkrise in der Stadt bereitete auch diesem Vorstoß ein Ende.

          In den späten neunziger Jahren wurde schließlich ein neuer Anlauf übernommen, und diesmal sollte es klappen. Nach einigem Hin und Her wurde die Second Avenue genehmigt, 2007 war der Spatenstich, und bald danach rückte ein zweihundert Tonnen schwerer Tunnelbohrer an, um sich an die Arbeit zu machen.

          Fertigstellung ungewiss

          Der Bau verlief nicht ohne Komplikationen. Ursprünglich sollte die Linie schon 2013 eröffnet werden, aber von diesem Ziel musste sich die Verkehrsbehörde MTA bald verabschieden. Das Mammutprojekt wurde zu einem großen Ärgernis für die Anwohner, die sich über den Lärm beklagten. 2012 kam es zu einer gewaltigen Explosion an der Baustelle. Das Projekt behinderte den Verkehr für Autos und Fußgänger, und Geschäfte entlang der Second Avenue beschwerten sich, dass Kundschaft ausbleibt. Auch der Immobilienmarkt in der Gegend hat gelitten.

          Bislang wurde nur die erste von insgesamt vier geplanten Phasen der Second Avenue Subway gebaut. Zu diesem Abschnitt gehören drei neue U-Bahn Stationen an der Upper East Side, und allein hier werden nach Schätzungen der MTA künftig 200.000 Menschen am Tag unterwegs sein. Schon diese erste Phase kostete schon mehr als vier Milliarden Dollar.

          In der zweiten Phase soll die Linie dann in den Norden nach Harlem verlängert werden. Dafür wird sogar mit Kosten von sechs Milliarden Dollar gerechnet, und ein Baubeginn wird frühestens in einigen Jahren erwartet. Weil das Projekt schon jetzt so teuer ist, gilt es als ungewiss, ob die beiden letzten Phasen jemals realisiert werden, mit denen die Linie in den südlichen Teil Manhattans verlängert werden soll.

          Aber wenn die Eröffnung am 1. Januar planmäßig über die Bühne geht, ist zumindest schon einmal ein Meilenstein erreicht. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätten die New Yorker nicht gedacht, dass an der Second Avenue jemals U-Bahnen fahren würden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Es ist die erste Regionalkonferenz, auf der sich Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn den Mitgliedern ihrer Partei präsentieren.

          CDU-Regionalkonferenz : Gezielte Spitzen im Nebel der Nettigkeiten

          Stimmungstest für die potentiellen Merkel-Nachfolger an der CDU-Basis: Merz trifft nur einmal nicht den richtigen Ton, Kramp-Karrenbauer gibt sich bestimmt, Spahn tritt als Erneuerer auf – und jeder setzt ein paar gezielte Spitzen.

          Mays Position nach dem Deal : Der Brexit macht einsam

          Premierministerin Theresa May verliert immer mehr Rückhalt. Nicht nur ein geordneter Brexit, auch ihre eigene Zukunft steht jetzt auf dem Spiel. Kann sie das verkraften?

          3:0 gegen Russland : Ein Zeichen der deutschen Erneuerung

          Der deutschen Fußball-Nationalelf glückt der vierte Sieg im ansonsten trüben Fußballjahr 2018. Das Testspiel gegen Russland gewinnt Löws junges Team mit 3:0. Doch die Stimmung bleibt verhalten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.