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Veröffentlicht: 21.03.2017, 06:34 Uhr

Mobilität in den Städten Jetzt sollen Chinas Mieträder die Welt erobern

Sie sind praktisch, günstig und stehen an jeder Ecke: Leihfahrräder begeistern immer mehr Chinesen. Bis Jahresende sollen sie auf der ganzen Welt durch nicht weniger als einhundert Städte rollen.

von , Schanghai
© AFP Leihfahrräder des chinesischen Anbieters Mobike in Schanghai.

Bis vor ein paar Monaten war für Chinesen auf Wohnungssuche neben dem Preis vor allem ein Kriterium entscheidend: der Standort der neuen Bleibe sollte möglichst nah an einer Station des öffentlichen Nahverkehrs liegen. Angesichts der großen Entfernungen, die Angestellte am Morgen und Abend eines Arbeitstages in den vielen Millionenstädten auf dem Weg ins Büro zurücklegen müssen, macht es viel aus, ob die nächste Metrostation nur zwanzig Minuten Wegstrecke zu Fuß entfernt liegt oder eine Dreiviertelstunde.

Hendrik Ankenbrand Folgen:

Doch was in China gestern noch ein Problem war, kann heute schon Vergangenheit sein. Mobike, Ofo und Xiaoming Danche lauten die Namen, unter denen in den Metropolen des Reichs der Mitte eine Revolution des Stadtverkehrs stattfindet. Der Weg zum U-Bahnhof ist mit einem Schlag bedeutend kürzer geworden. Die Werktätigen leihen sich für die Strecke einfach eines der bunten Fahrräder, mit denen Chinas neue Verleihunternehmen in Rekordzeit ein neues Lebensgefühl in Städten wie Schanghai und Peking geschaffen haben.

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Der größte Anbieter Mobike, dessen silber-orangene Vehikel in den beliebten Städten an Chinas Ostküste so gut wie an jeder Ecke leuchten, will nun das ganze Land erobern. In nicht weniger als einhundert Städten weltweit sollten die Leihräder des Unternehmens bis zum Jahresende stehen, sagte Mobike-Gründer Hu Weiwei in Peking. Derzeit ist Mobike in rund 30 chinesischen Städten vertreten, außerdem in Singapur. Mobike will stärker ins Ausland expandieren. Trotzdem dürfte das Wachstum vor allem im chinesischen Markt selbst stattfinden.

Es gilt die Führerschaft zu erobern

Das Start-Up hat allein seit Jahresbeginn bereits 300 Millionen Dollar von Risikokapitalgebern eingesammelt. Mit den Konkurrenzanbietern wie dem mit 1 Milliarde Dollar bewerteten Ofo, dessen Fahrräder in knalligem Gelb an den Straßenrändern auf sich aufmerksam machen, liefert sich Mobike in diesen Tagen teure Preisschlachten. Mal sind die Gefährte des einen Anbieters ein Wochenende lang kostenlos ausleihbar, mal die des anderen. Oft laufen zwei Rabattaktionen gleichzeitig. Auch Ofo hat angekündigt, seine Räder bald im Ausland anbieten zu wollen, unter anderem in Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

Wie mit dem Geschäftsmodell langfristig Geld verdient werden soll, ist für die Geldgeber erst einmal zweitrangig. Es gilt, die Führerschaft zu erobern auf Chinas Milliardenmarkt. Der Wert der Daten, die von den Fahrrädern über die Nutzer und deren Bewegungsmuster gesammelt, wird, könnte sich ja irgendwann einmal auszahlen.

Fast wirkt es in manchen Straßenzügen in Chinas Städten schon wieder wie in der Zeit bis Mitte der neunziger Jahre, als die Velos das öffentliche Bild beherrschten. Die Räder, die überall abgestellt werden können und per Smartphone-App auffindbar und zu entriegeln sind, haben sich mancherorts derart schnell ausgebreitet, dass Städte wie Schanghai den Anbietern bereits mit Regulierung gedroht haben.

Ihren Siegeszug aufhalten dürfte das kaum. Obwohl die Sharing Economy auch Chinas Taxigewerbe revolutioniert hat und Fahrdienstanbieter wie Didi Chuxing ebenfalls stark wachsen, wird es durch behördliche Restriktionen immer schwieriger, spontan ein Auto mit Fahrer zu finden, dass zum Beispiel Restaurantbesucher des Abends nach dem Dinner wieder nachhause bringt. Das eigene Fahrrad vor der Tür zu parken, haben sich die allermeisten Chinesen aus Angst vor Diebstahl nicht gen. etraut – und mussten in der Folge nach dem Nachtisch schon mal eine satte halbe Stunde auf ein Taxi warten. Nun reicht ein Blick aufs Smartphone. Und das nächste Mietrad wartet nur ein paar Meter entfernt.

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