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Arbeitswelt : Japan streitet über den Tod durch Überarbeitung

Yukimi Takahashi (R) bei einer Pressekonferenz. Ihre Tochter Matsuri verübte 2015 Selbstmord aufgrund der hohen Überstundenbelastung. Bild: Picture-Alliance

Viele japanische Beschäftigte machen 80 oder mehr Überstunden im Monat. Das Ergebnis ist Tod durch Überarbeitung. Zwei tragische Fälle erregen in Japan die Gemüter.

          Im April 2014 endete das Leben von Joey Tocnang fern der Heimat. Der 27 Jahre alte Mann aus den Philippinen starb an einem Herzinfarkt in einem Firmenwohnheim in Japan. Fast drei Jahre hatte er in einer Gießerei als Lehrling zum Mindestlohn gearbeitet und stand kurz davor, zu Frau und Tochter auf den Philippinen zurückzukehren. In den Monaten vor seinem Tod hatte Tocnang bis zu 122,5 Überstunden im Monat gearbeitet.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Im Dezember 2015 starb mitten in Tokio die 24 Jahre alte Matsuri Takahashi. Im Frühjahr erst hatte sie ihr Studium an der angesehenen Tokio Universität abgeschlossen und bei der größten Werbeagentur des Landes, Dentsu, angeheuert. Im Oktober wurde sie Vollzeit-Angestellte. Die Arbeit wuchs. Takahashi setzte in sozialen Medien Hilferufe ab. „Es wurde beschlossen, dass ich wieder am Wochenende arbeiten muss. Ich möchte wirklich sterben“, schrieb sie.

          „Zwanzig deiner Überstunden sind für das Unternehmen wertlos“, soll ihr Chef gesagt haben. Am ersten Weihnachtstag 2015 sprang Takahashi vom Dach des firmeneigenen Wohnheims in den Tod. Im Monat zuvor hatte sie 105 Überstunden gearbeitet.

          Erst 80 Überstunden sind Überarbeitung

          Die tragischen Todesfälle werfen ein ernüchterndes Bild auf die Arbeitskultur in Japan, wo gute Arbeit vielfach immer noch an der Zahl der gearbeiteten Stunden und nicht an der Leistung gemessen wird. Beide Fälle wurden gerade von den staatlichen Behörden als Karoshi, als Tod durch Überarbeitung, anerkannt.

          Als Grenze gelten dabei 80 oder mehr Überstunden im Monat. Die Anerkennung als Karoshi-Fall gibt den Angehörigen die Gelegenheit, Zahlungen aus einer Arbeitsunfallversicherung zu erlangen und auch Entschädigungszahlungen der Unternehmen zu erstreiten

          Erst gehen, wenn der Chef geht

          Der Tod durch Überarbeitung ist in Japan weit verbreitet. Aus einer gerade erstmals vorgelegten Studie der Regierung geht hervor, dass im vergangenen Fiskaljahr 93 Menschen sich aus diesem Grunde umbrachten oder den Selbstmord versuchten. Diese Suizidzahl ist wohl eine Untergrenze. Das Gesundheitsministerium stellt auch fest, dass im vergangenen Jahr 2159 Menschen sich wegen Problemen am Arbeitsplatz das Leben nahmen. Das sind fast 9 Prozent aller Selbstmorde in Japan.

          Zugleich wurden im vergangenen Jahr die Rekordzahl von 1515 Entschädigungsansprüchen wegen Gemütskrankheiten gestellt, die durch übermäßige Arbeitsbelastung hervorgerufen sein sollen. Die meisten Tode durch Überarbeitung gibt es nach Angaben des Arbeitsministeriums in sozialen Diensten und im Baugewerbe. Das sind die Branchen, in denen der Arbeitskräftemangel besonders akut ist.

          Berüchtigte Werbeagentur

          Zaghafte Bemühungen mancher Unternehmen, das Überstundenproblem in den Griff zu bekommen, haben bislang keine gesellschaftliche Trendwende erreicht. Manche Unternehmen etwa belohnen ihre Angestellten mit Bonuspunkten, wenn sie keine oder weniger Überstunden machen. Andere schalten abends einfach das Licht in den Büros aus. Doch all zu oft gilt immer noch die Devise, dass die Angestellten erst das Büro verlassen, wenn der Chef geht.

          Die Werbeagentur Dentsu, deren Angestellte Takahashi im Dezember starb, spielt dabei eine unrühmliche Rolle. Schon vor 25 Jahren war das Unternehmen mit einem Selbstmordfall konfrontiert. Im Jahr 2000 urteilte dann Japans höchstes Gericht, dass der Selbstmord durch „entsetzliche Arbeitsbedingungen“ hervorgerufen wurde. Dentsu zahlte der Familie des Gestorbenen eine Entschädigung.

          Das war der Auslöser für ähnliche Verfahren bei anderen Unternehmen. Dass nun ausgerechnet Dentsu wieder am Pranger steht verdeutlicht, wie wenig sich in Japan in Sachen Tod durch Überarbeitung tut.

          Platz drei in der Überstunden-Liste

          Nach dem Regierungsbericht arbeiten in 23 Prozent oder fast einem Viertel der Unternehmen reguläre Beschäftigte mehr als 80 Überstunden im Monat – die Karoshi-Grenze. Darin enthalten sind 12 Prozent der Unternehmen, die von mehr als 100 Überstunden berichteten. Die Umfrage beruht auf mehr als 1700 Unternehmen und fast 20.000 Beschäftigten. Regulär gilt in Japan die 40-Stunde-Woche. Die Unternehmen sind aber frei, in Vereinbarungen mit den vielfach Betriebsgewerkschaften Vereinbarungen zu Überstunden zu treffen.

          International ragt Japan mit seinen vielen Überstunden hervor. Während in Japan rund 22 Prozent der Beschäftigen in der Woche 50 Stunden und mehr arbeiten, sind es nach OECD-Angaben in den Vereinigten Staaten fast 12 Prozent und in Deutschland 5 Prozent. Länger als die Japaner arbeiten im Vergleich der OECD-Staaten nur die Südkoreaner, die Mexikaner und die Türken.

          Ministerpräsident Abe sucht Abhilfe

          Ein Gesetz von 2014 gab der Regierung die Aufgabe, dem Tod durch Überarbeitung entgegenzuwirken. Daraus resultierten bislang aber wenig harte Maßnahmen, sondern vor allem Aufklärung und Information. Ministerpräsident Shinzo Abe strebt derzeit Gesetzesänderungen an, um die Japaner an normalere Arbeitszeiten heranzuführen und eine bessere Balance von Arbeit und Leben zu gewinnen.

          Das soll nicht nur die Arbeitsmarktchancen für Frauen verbessern, womit Abe der schrumpfenden Zahl an Beschäftigten entgegenwirken will. Der Regierung geht es auch darum, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stärken. Sie erhofft sich mehr Konsum, wenn Familienväter mehr Zeit für die Frau und die Kinder haben.

          In der Gesellschaft dauert die Debatte über den Tod durch Überarbeitung derweil an. Familienangehörige der Opfer und ein Karoshi-Opferverband fordern ein Umdenken und Eingriffe der Regierung.

          Diese Sicht stößt auch auf Widerspruch. Den jüngsten Fall um den Werbegiganten Dentsu kommentierte ein Universitätsprofessor, der früher für ein Finanzunternehmen arbeitete, in einem sozialen Netzwerk mit den Worten: „Karoshi nach gerade mal 100 Überstunden? Erbärmlich.“ Der Mann entschuldigte sich nach Proteste rasch. Doch seine Denkweise ist in Japan nicht ausgestorben

          Quelle: FAZ.NET

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